Jerome Boateng hat von Bundestrainer Jogi Löw eine Pause verordnet bekommen. Aber handelt es sich bei der Nicht-Nominierung für die Länderspiele gegen Russland und die Niederlande wirklich nur um eine Pause, oder wird der Weltmeister schleichend aus der Nationalmannschaft verabschiedet?

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Jahrelang war er einer der Leistungsträger der deutschen Nationalmannschaft. Jerome Boateng ist Weltmeister, Führungsspieler, 76 Länderspiele lang eine Bank in der Abwehr des DFB-Teams. Doch nun scheint seine Karriere als Nationalspieler auf ein Ende zuzugehen.

Bundestrainer Joachim Löw und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff haben einen Prozess begonnen, der nur ein Ende kennen kann: den Abschied von Jerome Boateng aus der Nationalmannschaft.

Bundestrainer Löw: Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels raus aus der Nationalmannschaft

Boateng bedankt sich für Nicht-Nominierung

Für die Länderspiele gegen Russland und die Niederlande hat Löw Boateng nicht nominiert. Ganz der Social-Media-Profi hatte sich der Spieler selbst gleich nach Bekanntwerden seiner Nicht-Nominierung bei Facebook zu Wort gemeldet und erklärt, er und der Bundestrainer seien nach einem "guten und vertrauensvollen Gespräch" so verblieben, "dass ich nach einem anstrengenden Jahr für die beiden anstehenden Länderspiele eine Pause bekomme". Der Post endet mit den bemerkenswerten Worten: "Danke an den Bundestrainer!"

Für Boateng liegt die Betonung nach seinem Gespräch mit Löw offenbar auf dem Wort "Pause". Doch Aussagen von Löw und Bierhoff weisen darauf hin, dass hinter der Nicht-Nominierung für den 30-Jährigen mehr stecken könnte, als eine nette Geste für einen müden Spieler.

Viel mehr scheint Boateng das erste Opfer des unvermeidlichen Umbruchs der Nationalmannschaft zu werden. Bei einem Schulbesuch am Dienstag in Leipzig klang das in den Aussagen von Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff zwischen den Zeilen durch. "Man verlangt von uns häufig eine finale Aussage, aber die können wir in der Nationalmannschaft gar nicht geben", erklärte Bierhoff da laut "Eurosport.de". Man könne nur von Länderspiel zu Länderspiel schauen. Und: "Klar ist auch: Wir wollen den jungen Spielern mehr Platz geben." Man wisse aber, dass das ein Prozess sei.

Eine halbwegs deutliche Aussage vom Manager der Nationalelf - und eine, die für viele längst überfällig ist.

Hat Löws Loyalität ein Ende?

Noch vor der WM in Russland konnte sich ein großer Stamm von Weltmeistern auch bei mäßigen Leistungen in ihren Vereinen stets sicher sein, dennoch für das Nationalteam nominiert zu werden. Gegenüber Spielern wie Thomas Müller, Sami Khedira, Mats Hummels, Manuel Neuer und eben auch Jerome Boateng zeigte sich Bundestrainer Löw stets loyal. Lieber verzichtete er in Russland auf Hoffnungsträger wie Leroy Sané - und fiel damit auf die Nase.

Und doch muss man bei Löw schon genau hinhören, wenn einen Willen zum Umbruch aus seinen Worten heraushören will.

Noch am Rande des Bundesliga-Topspiels zwischen dem BVB und dem FC Bayern wies er laut "Süddeutsche.de" im Gespräch mit dem Sport-Informationsdienst darauf hin, dass junge Spieler eine Orientierung bräuchten. "Da helfen die erfahrenen Spieler." Das klingt eigentlich nicht nach einem harten Schnitt.

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Löw hat viele Alternativen für Boateng

Und auch im Fall von Boateng formuliert der Bundestrainer sehr bedächtig und mit der Option eines Hintertürchens: "Wir haben junge Spieler in der Abwehr, die jetzt mal ihre Chance bekommen. Wenn Jerome fit bleibt, ist er nach wie vor ein guter Spieler", sagte Löw bei "Sky".

Im Klartext: Löw hat genug Optionen, um Boateng zu ersetzen. Antonio Rüdiger, Jonathan Tah, Niklas Süle oder Matthias Ginter warten schon länger auf ihre Stammplatz-Chance in der Nationalmannschaft. Und: Boateng ist mittlerweile laut Löw kein weltmeisterlicher, kein überragender, nicht mal ein sehr guter, sondern nur noch "ein guter Spieler".

Und Lothar Matthäus will abseits der sportlichen Leistungen der vergangenen Monate sogar noch einen Grund für eine mögliche Demontage Boatengs unter Löw ausgemacht haben. In seiner Kolumne für "sky.de" mutmaßt er: "Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es dem Bundestrainer nicht gefallen, hat, dass Jerome nach dem 0:3 in Holland verletzt abgereist ist, um dann, am Tag des Frankreich-Spiels, eine volle Trainingseinheit beim FC Bayern zu absolvieren."

Wie geht es jetzt für Boateng weiter?

Boatengs Abschied aus der Nationalmannschaft unter Löw scheint also besiegelt, nun stellt sich nur noch die Frage, wie sich dieser Abschied genau ausgestalten wird.

Moderiert Löw so lange Nicht-Nominierungen für Boateng als Pause, bis der entnervt selbst seinen Rücktritt bekannt gibt? Legt Löw ihm den Rücktritt vielleicht sogar nahe? Kann der Bundestrainer Unruhe rund um die Personalie vermeiden und tatsächlich in aller Ruhe am Umbruch arbeiten? Wer hat die besten Chancen in Boatengs Fußstapfen zu treten? Und natürlich: Welcher Spieler fällt dem Umbruch als Nächstes zum Opfer? Kandidaten gäbe es zu Genüge.


Verwendete Quellen:

  • "Sport.sky.de": Matthäus: "Könnte eine sehr lange Pause für Boateng werden"
  • "Eurosport.de": Kein klares Bekenntnis: Oliver Bierhoff lässt Comeback von Boateng offen
  • "Sport.sky.de": Löw äußert sich zu Boateng und Götze
  • "Sueddeutsche.de": Joachim Löw muss etwas beweisen

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