Wer geglaubt hatte, das WM-Desaster der deutschen Nationalmannschaft würde wie angekündigt einen radikalen Wandel nach sich ziehen, sieht sich enttäuscht. Joachim Löws Analyse fiel mager aus, die große Reformen kommt nicht - erstmal.

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Joachim Löw war sichtlich nervös. Kein gewinnendes Lächeln, kein Kokettieren mit den Zuhörern, nicht mal ein drappierter Espresso stand vor dem Bundestrainer. So viel Veränderung - vor der mit Spannung erwarteten Pressekonferenz.

Die Begleitumstände deuteten auf eine Veranstaltung hin, die sich nur sportlichen Belangen widmen sollte, es mussten keine Marken-Claims oder neue Automobile vorgestellt werden. Und auch für einen netten Plausch, wie es ihn so oft gab im Umfeld des DFB in den letzten Jahren, sollte keine Zeit bleiben.

Es hatte durchaus etwas Staatstragendes, als Löw und Teammanager Oliver Bierhoff aufs Podium schritten und ihre Sicht der Dinge preisgaben, rund acht Wochen nach dem blamablen Ausscheiden in Russland.

110 Minuten dauerte die Pressekonferenz im Bauch der Allianz Arena in München, das ist ein Rekord in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes.

Wirklich nachhaltige Veränderungen, eine tiefgreifende Analyse oder sogar die im Vorfeld immer mal wieder angedeutete "Revolution" hatten Löw und Bierhoff aber nicht zu verkünden.

"Das war fast schon arrogant"

Löw wackelte in seinen Ausführungen, redete viel, sagte letztlich aber wenig. Es war ein zweifelhafter Auftritt nach zwei Monaten der Vorbereitung. Der Bundestrainer räumte grobe Fehler ein in der taktischen Ausrichtung der Mannschaft und im Umgang mit der Favoritenstellung.

"Mein größter Fehler war es, auf den Ballbesitz zu vertrauen. Ich hätte die Mannschaft auf eine stabilere Spielweise vorbereiten müssen. Ich wollte den Ballbesitzfußball perfektionieren. Das war die größte Fehleinschätzung, fast schon arrogant", sagte Löw. Es war der härteste Satz, den er sagte - und der gegen sich selbst gerichtet war.

Ansonsten drifteten Löws Ausführungen immer schnell ins "Wir" ab. "Um es einfach auszudrücken: Uns hat die richtige Einstellung gefehlt. Wir sind zu selbstgefällig aufgetreten. Wir haben alles, den Erfolg und die Unterstützung der Fans, als selbstverständlich angesehen."

Löw las ein paar Zahlen vor, für deren Erfassung und Interpretation man aber keine acht Wochen Zeit benötigt. Er ging noch einmal auf Mesut Özil und dessen Rücktritt ein und zeigte sich sichtlich (und auch authentisch) enttäuscht, dass sich sein ehemaliger Lieblingsschüler ihn weder selbst kontaktiert hatte, noch auf Löws Kontaktaufnahmen reagierte.

Wenige Signale oder Aufbruchstimmung

Die Ereignisse bei der WM moderierte Löw zwar etwas stotternd, aber letztlich doch einigermaßen souverän ab.

Aber sein erster öffentlicher Auftritt nach der WM sollte ja auch zu einem Signal werden, eine Aufbruchstimmung formulieren und vielleicht auch mehrere Änderungen im Umfeld der Nationalmannschaft präsentieren. Fakten schaffen nach den unzähligen Gerüchten und Spekulationen der letzten Wochen. Dieses Segment der Veranstaltung blieb aber schwammig.

Greifbare Veränderungen sind der Tausch an der Spitze der Scoutingabteilung, Urs Siegenthaler macht Platz für den bisherigen Co-Trainer Thomas Schneider. Auch das ist kein Einschnitt, sondern lediglich eine Umbesetzung von Posten.

Dass Schneider, der als Co-Trainer als zu weich galt und Löw nur selten auf Augenhöhe begegnen konnte, bisher keinerlei Erfahrungen im Scoutingbereich hat, spielt offenbar erstmal keine große Rolle.

Das Trainerteam ist also um einen Mitarbeiter verkleinert und die Spitzengruppe der Scoutingabteilung um einen Mitarbeiter vergrößert worden. Immerhin wurde auch Siegenthaler nicht entlassen, sondern soll unter Schneider weiter mit seiner Expertise helfen.

Auch Bierhoff ohne Klartext

Bierhoff hangelte sich bei seinem Monolog an konkreten Punkten entlang, ließ aber die Vorgaben für die Zukunft ebenso ungeklärt wie Löw.

Ob die Mannschaft weiterhin so viel Zeit und Aufwand für Marketingmaßnahmen betreiben wird? Wie das zerrüttete Verhältnis zu den Fans zu kitten sei? Dazu gab es keine belastbaren Auskünfte.

Immerhin kündigte Bierhoff an, den aufgeblähten Stab an Betreuern und Helfern rund ums Team, der in Russland 135 Personen umfasste, etwas zu reduzieren.

"Dieser Kreis wird um einige Personen gestrichen", sagte Bierhoff. "Im Vergleich zur WM werden es elf Personen weniger sein, bei einem ‘normalen’ Länderspiel sieben. Wir werden uns wieder mehr aufs Wesentliche konzentrieren."

Und er referierte ein wenig über die schon vor der WM gegründete "Projektgruppe Zukunft Fußball", mit der unter anderem die Umgestaltung der Trainer- und Nachwuchsausbildung in Angriff genommen werden soll. Im Prinzip wartete man aber auch bei Bierhoff auf nachhaltige Neuerungen oder eine Analyse, die nicht schon bekannt war.

Ein bisschen wie eine Alibi-Veranstaltung

Löw und Bierhoff haben Fehler eingeräumt in der Mannschaftsführung, in der taktischen Ausrichtung der Mannschaft und im Umgang mit der Özil-Erdogan-Affäre. Das war zu erwarten und wenig überraschend.

Dass die von vielen gewünschte Revolution rund um die Nationalmannschaft - Löw nominierte auch nur drei neue Spieler für die kommenden Länderspiele - nun aber fast gänzlich ausblieb und nur einige wenige Randaspekte angedeutet wurden, gab der Pressekonferenz doch den Beigeschmack einer Alibi-Veranstaltung.

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