Das letzte Mal, dass die deutsche Nationalmannschaft in einem Pflichtspiel zu Hause vier Gegentore kassierte, ist sieben Jahre her. Das legendäre 4:4 nach 4:0-Führung gegen Schweden ist unvergessen. Freitagabend hat’s Deutschland wieder erwischt: Vier Dinger in Hamburg - 2:4 gegen die Niederlande. Doch diesmal ist eine Sache entscheidend anders.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk, Sportjournalist, Kolumnist

Damals, beim Unentschieden gegen Schweden, hatte die Löw-Mannschaft auf Schongang umgestellt und kam aus dem Orkan, den die Gäste in Berlin plötzlich entfachten, nicht mehr heraus. Das Länderspiel ging als Betriebsunfall in die Geschichtsbücher ein und störte die WM-Qualifikation nicht weiter. Das 2:4 von Hamburg hat dagegen weitreichende Folgen.

Zum einen darf sich Bundestrainer Joachim Löw beim nächsten EM-Qualifikationsspiel Montag in Nordirland keinen weiteren Ausrutscher leisten. In einem Uefa-Wettbewerb zählt nicht die Tordifferenz, sondern der direkte Vergleich. Den hat die Niederlande mit 2:3 und 4:2 gewonnen. Aus eigener Kraft kann Deutschland nicht mehr Gruppenerster werden.

Zum anderen steht Nordirland mit zwölf Punkten aus vier Spielen tadellos an der Tabellenspitze. Weil nur die zwei Tabellenbesten aus der Qualifikationsgruppe C zur EM 2020 dürfen, wäre eine Niederlage ein Rückschlag, um zumindest den zweiten Gruppenplatz zu erreichen. Die Mannschaft ist gewarnt - sie macht zu viele Abwehrfehler.

Mats Hummels: Rückkehr wäre ein Fehler

Noch kann Bundestrainer Löw argumentieren, dass der Umbruch noch nicht zu einer Reife führen konnte, wie es die Niederländer “mit zwei, drei Jahren Vorsprung” vorgemacht haben. “Die Mannschaft ist besser eingespielt, das hat man schon gesehen”, sagte Löw und gab zu: “Unsere Niederlage mit diesem Ergebnis war verdient.”

Zur Unreife gehört, dass sich die Innenverteidigung mit Niklas Süle in der Mitte sowie Matthias Ginter und Jonathan Tah an der Seite Stellungs- und Abspielfehler leisten. “Zu viele”, wie Löw befand. Schon holt ihn seine Entscheidung vom Jahresbeginn ein, als er Deutschlands besten Abwehrchef aussortiert hat - Mats Hummels.

War das Hummels-Aus womöglich ein Fehler? Löw wird diese Frage immer verneinen. Seine Kritiker sind da weniger zurückhaltend. Hummels, inzwischen 30 Jahre alt und zum BVB zurückgekehrt, verströmt die Aura des Unerschütterlichen. Doch um es eindeutig zu formulieren. Seine Rückkehr zur Nationalmannschaft wäre ein Fehler. Aus drei Gründen.

  • Erstens: Hummels spielt nicht mehr so sicher, wie es seine Reputation verspricht. Auch er hatte beim 1:3 gegen Union in der Bundesliga keine passende Antwort auf die schnelle Spielweise des Gegners. Sein Stellungsspiel war ebenfalls fehlerhaft.
  • Zweitens: Den dreien, die jetzt das 2:4 gegen Holland mitverschuldet haben, gehört die Zukunft - sie sind 23 bis 25 Jahre alt. Wann sollen sie höchstes Niveau lernen, wenn nicht gegen Weltklasse-Spieler? Eine konstruktive Fehlerkultur gehört zur Lernkurve dazu.
  • Drittens: Wenige Monate vor dem EM-Start käme eine Hummels-Rückkehr in die Nationalmannschaft einer Bankrotterklärung gleich. Löw hat den Schritt so vehement verteidigt, dass jede Abweichung vom Kurs sein Ende einleiten würde.

Jetzt ist etwas Geduld gefragt

Berti Vogts, Bundestrainer von 1990 bis 1998, hatte mit der Revidierung seiner Personalentscheidungen weniger Probleme. Mehrfach holte er vor Weltmeisterschaften aussortierte Spieler zurück, zum Beispiel Lothar Matthäus.

Gebracht hat es ihm nichts. Gewonnen hat er nur, als er seinen Weg ohne Comebacks weiterging. Zum Beispiel vorm EM-Sieg 1996.

Zur Ehrenrettung sei gesagt: Vogts hatte keine Wahl. Es gab keine besseren Spieler als die, die er zurückgeholt hat. Löw hat mehr Auswahl. Antonio Rüdiger wird seine Verletzung auskurieren und mit Niklas Süle ein Bollwerk bilden.

Was die tapsigen Verteidiger von Hamburg jetzt brauchen, ist etwas, das die Deutschen ungern aufbringen: etwas Geduld.

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