Spiel eins nach dem WM-Debakel wurde allenfalls zu einem Neustart light für die deutsche Nationalmannschaft. Joachim Löw rief gegen Frankreich einen selten gesehenen Pragmatismus aus - und hatte damit Erfolg. Ein Modell für die Zukunft dürfte das aber dennoch nicht sein.

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Wer auf einen Neuanfang gehofft hatte, vielleicht sogar auf eine kleine Revolution, der sah sich getäuscht.

Der erste Auftritt der deutschen Nationalmannschaft nach dem Totalcrash bei der Weltmeisterschaft in Russland wurde zu einem eher verhaltenen Start in eine hoffentlich wieder bessere Zukunft.

Keine Neulinge, sondern nur bekannte Gesichter stellte Bundestrainer Joachim Löw auf den Rasen, ordnete den einen oder anderen Spieler etwas positionsfremd an, mischte ein wenig durch und orientierte sich ansonsten voll und ganz am Gegner.

Was insofern eine schlaue Maßnahme war, da es sich dabei um die französische Nationalmannschaft handelte, die vor ein paar Wochen immerhin Weltmeister wurde.

Die Umstände waren schon ziemlich besondere, so kurz nach dem größten sportlichen Desaster einer deutschen Mannschaft bei einem großen Turnier, dem Özil-Rücktritt und der eher halbseidenen Aufarbeitung.

Das Remis gegen den Weltmeister ist deshalb durchaus ein Achtungserfolg für die Mannschaft und auch für Löw, der ja unter Beobachtung steht in diesen Tagen.

Ein ungewohnt demütiger Auftritt

Wohl auch deshalb hat sich der Bundestrainer für eine taktische Ausrichtung entschieden, die es in der Form wohl nicht mehr so häufig zu sehen gibt.

Löw stellte die Grundordnung auf ein 4-1-4-1 um und gab seiner Mannschaft vor allen Dingen mit auf den Weg, im eigenen Ballbesitz nicht zu weit aufzurücken, mögliche Ballverluste also besser abzusichern und so das Risiko insgesamt deutlich zu minimieren.

Noch vor der WM wäre ein derart demütiger Auftritt kaum denkbar gewesen. Aber beim DFB ist man bescheidener geworden, die von Löw selbst ausgemachte "Arroganz" bei der WM hatte offenbar tiefe Spuren hinterlassen. Das ließ sich auch in der Einordnung des Spiels gegen Frankreich ganz gut ablesen.

"Das, was wir uns vorgenommen haben, haben wir umgesetzt. Wir haben das Spiel auch mit Ball gut kontrolliert und kaum etwas zugelassen", sagte Toni Kroos nach der ersten Partie im Kalenderjahr 2018, in der Deutschland kein Gegentor kassiert hatte.

"Der größere Fokus lag auf defensiver Stabilität mit zwei Außenverteidigern, deren Priorität auf der Abwehr lag, ohne die Offensive komplett zu vernachlässigen. Man kann gegen Frankreich kein Feuerwerk erwarten, aber es waren einige Chancen. Wir hatten eine gute Struktur im Spiel", sagte auch Mats Hummels.

Für die Spieler war dieser Punkt gegen Frankreich in der neugeschaffenen Nations League ein Erfolg. So jedenfalls musste man ihre Antworten danach interpretieren. Obwohl die DFB-Auswahl die deutlich besseren und mehr Chancen hatte als der Gegner, war man am Ende mit dem 0:0 zufrieden.

Löw lobt die deutschen Tugenden

"Die Art und Weise, wie wir auftreten, war wichtig. Es war wichtig, eine Reaktion zu zeigen. Und ich glaube, das hat die Mannschaft gut gemacht. Es war wichtig, eine defensive Stabilität herzustellen und uns nicht auskontern zu lassen. [...] Jeder einzelne Spieler hat heute alles abgerufen und ist an die Grenze gegangen", formulierte es Löw. Was nicht einer gewissen Ironie entbehrte.

Löw selbst war es, der bei seiner Analyse vor einigen Tagen noch gefordert hatte, wieder deutlich selbstkritischer zu sein. Die Verweise darauf, wie sehr seine Mannschaft gekämpft und gearbeitet hatte und er deshalb mit ihr zufrieden sei, passt eigentlich nicht ganz zu dieser Forderung.

Und es passt auch nicht zu dem, was sich Löw vor zwölf Jahren selbst auf die Fahnen geschrieben hatte. Zum ersten Mal bei einem Spiel außerhalb eines großen Turniers hatte Löw den Pragmatismus über alles gestellt und jegliche Schönheit des eigenen Spiels ausgeblendet.

Selbst in den wildesten Testspielen mit einem halben Dutzend neuen Spielern auf dem Platz wollte Löw immer auch den grundsätzlich offensiven Gedanken umgesetzt sehen und eine dominante eigene Mannschaft mit Mut und Risiko.

Gegen Frankreich war aber das Ergebnis wichtig und dass die Mannschaft die sogenannten deutschen Tugenden wieder zeigte. Gearbeiteter Ergebnisfußball ist man von der Nationalmannschaft kaum noch gewohnt, auch das machte den Abend von München so speziell.

Kein tragfähiges Modell für die Zukunft

Als wegweisend dürfte die Partie gegen Frankreich aber nur teilweise dienlich sein. Deutschland war in der klaren Außenseiterrolle, was sich in fast allen anderen Spielen in der Zukunft wieder ändern dürfte.

Die totale Abkehr vom Ballbesitzfußball kann und wird es nicht geben, die DFB-Elf wird vom Gegner auch weiterhin in diese Rolle gezwängt werden und benötigt dann Lösungen.

Eine Abwehrkette mit vier gelernten Innenverteidigern dürfte auch die Ausnahme bleiben. Schon am Sonntag im Testspiel gegen Peru dürfte das Experiment also wieder auf Eis gelegt werden.

Was dagegen eine dauerhafte Variante sein könnte, ist die (Rück-)Versetzung von Joshua Kimmich ins zentrale Mittelfeld. Unter Löw hat sich der Bayern-Spieler auch in Ermangelung vernünftiger Alternativen als rechter Verteidiger einen Stammplatz erspielt, auch in München ist Kimmich mittlerweile im Außendienst aktiv.

Aber eigentlich ist er im defensiven Mittelfeld zu Hause, wurde in der Jugend beim VfB Stuttgart dort ausgebildet und ging seine ersten Schritte als Profi in der Schaltzentrale. "Gerne öfter" würde Kimmich auch in Zukunft wieder im Mittelfeld auflaufen.

Sein Vertreter auf der rechten Verteidigerseite, Matthias Ginter, machte jedenfalls eine ziemlich gute Figur und war einer der auffälligsten deutschen Spieler. Vielleicht könnte das Kimmichs Plan noch helfen.

Es waren ohnehin diese kleinen Erkenntnisse, die das erste Spiel nach dem Debakel abrundeten: Die robuste Viererkette mit den drei Sechsern davor funktionierte gegen die beste Kontermannschaft der Welt, die grundsätzliche Einstellung zum Spiel passte, die Mannschaft zeigte sich gewillt und motiviert.

Und auch die Zuschauer honorierten die Leistung mit warmem Applaus. Selbst der zuletzt von den eigenen Fans ausgepfiffene Ilkay Gündogan durfte sich über einen größtenteils herzlichen Empfang freuen.

Das alles kann aber nur ein erster kleiner Schritt gewesen sein. Ihre beste Phase hatte die Mannschaft gegen Frankreich nämlich in den letzten 20 Minuten. Da spielte Deutschland druckvoll und energisch nach vorne. Und es sah nach Fußball aus wie zu allerbesten Zeiten.

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