Oliver Kahn: Der Torwart-Titan wird 50 Jahre alt

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Jörg Hausmann - Senior Online Editor im Team News
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Jörg Hausmann

Ohne Oliver Kahns Können, Willen und Besessenheit wäre der Trophäenschrank des FC Bayern München deutlich leerer. Wenige Spieler in der Geschichte der Bundesliga polarisierten so wie die Torhüter-Legende des Rekordmeisters. Nie gab er ein Spiel verloren. Sein Motto: "Weiter, immer weiter!" Am 15. Juni wird der "Titan" 50 Jahre alt.

Als Oliver Kahn, links, im Sommer 1987 als 18-Jähriger in den Profikader des Karlsruher SC rückt, heißt dessen Nummer eins Alexander Famulla. Die beiden Torhüter teilen sich in Trainingslagern ein Zimmer. Kahns Ehrgeiz, Stammtorwart zu werden, ist riesig. Darauf angesprochen, antwortet Famulla, sinngemäß, er habe stets Angst gehabt, Kahn drücke ihm nachts mal ein Kissen aufs Gesicht.
Am 31. August 1993 schreibt Oliver Kahn Bundesliga-Geschichte, weil er eines der virtuosesten Tore nicht verhindert. Kahn versucht als ein Glied der machtlosen Abwehrreihe des KSC verzweifelt, Frankfurts Ballkünstler Jay-Jay Okocha am erfolgreichen Abschluss zu hindern.
Okocha aber dreht Kahn ein, macht sich einen Spaß daraus, den Torwart und dessen Mitstreiter der Lächerlichkeit preiszugeben. Nachher sagt der Nigerianer, das "Loch" zum Torschuss gesucht zu haben. Er findet es zum Endstand von 3:1. Der damalige Sat.1-Kommentator Jörg Dahlmann hat an der zirzensischen Aufführung im Strafraum des KSC in der 87. Minute derart viel Spaß, dass er die Sendezeit seines Beitrags für "ran" überzieht: "Sollen sie mich rausschmeißen!" Dahlmann bleibt.
Nicht aber Kahn. Karlsruhe wird für den künftigen Nationaltorwart zu klein. Der FC Bayern München macht ihn - zum Leidwesen vieler Fans der Roten - im Sommer 1994 zum Nachfolger von Weltmeister Raimond Aumann. 1995 kommt aus Bremen Andreas Herzog dazu. Kahn steht plötzlich im Tor des "FC Hollywood" - und liefert dem Boulevard einen handfesten Zoff mit Herzog. Beim 1:0-Sieg in Stuttgart am 13. April 1996 schüttelt Kahn nach einer Ecke Herzog heftig wegen dessen angeblicher Unaufmerksamkeit. Herzog antwortet mit der Geste eines "Scheibenwischers" - und revanchiert sich im Jahr darauf - jetzt wieder Bremer und Kahns Gegner - mit einem Doppelpack beim 3:0-Heimsieg des SV Werder.
Gefährlicher als die eigenen Mitspieler leben in Kahns Kommandobereich Strafraum aber immer noch dessen Widersacher. Beim rassigen 2:2 im Spitzenspiel in Dortmund am 3. April 1999 sucht Kahn mehrmals nach Aufsehen erregenden Wegen, um sein Testosteron loszuwerden. Heiko Herrlich knabbert er an.
Als Andreas Möller Kahn zu nahe kommt, stört Bayerns Keeper wenig, dass Schiedsrichter Bernd Heynemann daneben steht. Kahn vergreift sich ungestraft an Möllers linkem Ohr.
Im Jahr darauf nehmen die Bayern aus Dortmund alle drei Punkte mit - und jede Menge Bananen. Zumindest hätten sie den Obstkorb für ihre Rückfahrt nach München füllen können, hätte Kahn die ihm zugeworfenen Südfrüchte konsequent gesammelt.
Die Unart gegnerischer Fans, Bananen nicht selbst zu essen, sondern als Wurfgeschoss an Kahn zu verschwenden, geht auf die Wahrnehmung Kahns in den Augen der Anti-Bayern-Fraktion zurück: Sie sehen in ihm einen Affen, einen mitunter wildgewordenen Gorilla. Kahn selbst betrachtet die offen gezeigte Abneigung als bestmögliche Motivation.
Doch nicht nur Bananen fliegen. Ein Freiburger Anhänger schießt am 12. April 2000 über das Ziel hinaus. Ein Golfball fügt Kahn an der linken Schläfe eine klaffende Platzwunde zu. Nur mit Mühe gelingt es Bayerns Manager Uli Hoeneß, den vor Wut schnaubenden Kahn vor Selbstjustiz zu bewahren. Kahns Genugtuung ist das Endergebnis: 2:1 für den FC Bayern München.
Kahns schlimmste sportliche Schmerzen liegen zu diesem Zeitpunkt bereits elf Monate zurück: Am 26. Mai 1999 ist der FC Bayern München in Barcelona im Endspiel der Champions League beim Stande von 1:0 nur noch wenige Momente vom großen Sieg über Manchester United entfernt. Dann aber zerstören die Joker Teddy Sheringham und Ole-Gunnar Solskjaer in einer unvergessenen Nachspielzeit Kahns großen Traum und den seiner Mitspieler.
Aus der Hölle dieser Niederlage aber steigen Kahn und Kollegen binnen 24 Monaten in den Himmel auf. Mit zwei Jahren Verspätung sichern sich die Bayern am 23. Mai 2001 in Mailand gegen den FC Valencia den begehrten Henkelpott, den sie 25 Jahre davor zuletzt gewonnen haben.
Nicht weniger als drei Elfmeter der Spanier wehrt Kahn im Nervenkrimi Elfmeterschießen ab. Zlatko Zahovic, Benito Carboni und Mauricio Pellegrino sind Bayerns Torwart-Titan nicht gewachsen. Kahn ist der Held des Abends. "Ich war zweimal der Ohnmacht nahe, und dann hat uns Olli Kahn mit seinen Paraden den Titel gesichert. Er ist der beste Torwart der Welt", jubelt anschließend Bayern Münchens Vize-Boss Karl-Heinz Rummenigge.
Diese Tage im Mai 2001 sind nichts für schwache Nerven: Vier Tage vor dem Champions-League-Coup von Mailand peitscht Kahn seine Mitspieler zu einem 1:1 in Hamburg. Anders als 1999 in Barcelona ist diesmal eine Nachspielzeit den Bayern hold. Das späte Remis durch Patrik Anderssons Freistoß entreißt fassungslosen Schalkern die Meisterschale.
In Gelsenkirchen finden die Königsblauen vor Tränen keinen Schlaf, während Kahn und die Bayern sich im siebten Himmel befinden. Dramatischer und tragischer geht ein Bundesliga-Finale nicht mehr.
Auch das unerwartete 2:3 in Rostock hat die Bayern letzten Endes nicht gestoppt. Am 3. März 2001, zehn Spieltage vor Saisonschluss, erreicht die Spannung in der Schlussminute ihren Siedepunkt. Kahn ist bei einer Stefan-Effenberg-Ecke mit in den Strafraum gestürmt und macht das, wofür er bezahlt wird: den Ball wegzufausten. Weil er im Tor der Rostocker landet und Kahn bereits eine Gelbe Karte gesehen hat, sieht er Gelb-Rot und fliegt vom Platz.
Im Jahr 2001 kämpft Deutschland mit Kahn im Tor auch um die Qualifikation für die WM-Endrunde in Japan und Südkorea 2002. Den Gruppensieg aber stauben die Engländer ab. Michael Owen gelingt das seltene Kunststück, beim triumphalen 5:1 in München am 1. September 2001 gegen Kahn dreimal zu treffen. Die DFB-Elf sichert sich erst über den Umweg Ukraine in den Play-offs ihr Ticket für die WM 2002.
Dort überrascht Rudi Völlers Mannschaft mit dem Einzug ins Finale. Zu einem erheblichen Teil ist der Kahns Paraden zu verdanken. Ausgerechnet im Endspiel aber, als die DFB-Elf ihre stärkste Vorstellung abliefert und am Titel schnuppert, findet der deutsche Überflieger im Tor in Brasiliens Torjäger Ronaldo seinen Meister. Dessen Doppelpack besiegelt eine bittere und schmerzhafte Niederlage.
Dieses 0:2 macht Kahn wieder zu einem Menschen, aus dem schier überirdischen Torwart einen irdischen. Er erinnert in seiner Tragik an Harald Schumacher 1986, der damals ebenso der Garant des Erfolgs einer höchst durchschnittlichen Manschaft ist, sich aber im Finale nicht krönt, sondern patzt.
Menschen, die nach dem WM-Endspiel mit Kahn womöglich noch geweint haben, schütteln drei Monate später mitunter wieder verständnislos den Kopf. Bei der 1:2-Niederlage in Leverkusen am 28. September 2002 packt Kahn seinen Nationalmannschafts-Kollegen Thomas Brdaric im Genick.
Brdaric lässt sich das nicht gefallen und reißt sich los. Beide sehen für ihre Rangelei Gelb. 30 Sekunden später hat sich Brdaric immer noch nicht beruhigt und tritt aus Frust Kahns Mitspieler Jens Jeremies um und ist fortan vom Mitwirken an der Partie ausgeschlossen, schon nach 37 Minuten.