Wolfgang Niersbach ist zurückgetreten. Franz Beckenbauer droht Ungemach. Die Fußball-Fans lässt der DFB-Skandal aber relativ kalt. Vielen scheint die Tragweite des Skandals noch immer nicht bewusst zu sein.

"Längst überfällig!". "Der Fisch fängt am Kopf zu stinken an!". "Da trifft es sicherlich keinen Falschen!".

Das Urteil über Martin Winterkorn war recht eindeutig, als der VW-Chef Ende September seinen Rücktritt erklärte. Manipulierte Dieselmotoren hatten im Abgas-Skandal nicht nur die Luft, sondern auch die Stimmung im Land verpestet.

Brisantes Dokument trägt laut "Bild" Unterschrift Beckenbauers.

In der Öffentlichkeit war der Fall klar: Wer für Verantwortungspflicht exorbitant kassiert, muss für Pflichtverletzung eben auch teuer bezahlen. Nicht nur Winterkorns Ruf ist nachhaltig beschädigt.

Auch die Weltmarke "Volkswagen" kommt nicht mehr durch den Reputations-TÜV und gilt mittlerweile bei Marktbeobachtern sogar als ausreichend schrottreif.

Skandal ohne Empörung

Im Fall von Wolfgang Niersbach, Franz Beckenbauer und dem Sommermärchen-Skandal bleibt eine derartige Empörung aus.

Dabei gäbe es Grund genug, sich über die Rolle des DFB in der Affäre um die WM 2006 zu echauffieren. Gerade Franz Beckenbauer gerät in erhebliche Erklärungsnot mit dem möglicherweise folgenschwersten Autogramm seines Lebens.

Der "Kaiser" sollte sich seiner Verantwortung für eine lückenlose Aufklärung stellen und endlich erklären.

Gleiches gilt für die Verantwortung von Wolfgang Niersbach, der zwar weder das Drehbuch für dieses Possenspiel geschrieben, noch als Protagonist aufgetreten sein soll.

Franz Beckenbauer hat nach Angaben der "Bild" den Vertragsentwurf für ein mögliches Bestechungsangebot des DFB unterschrieben. Wie eng wird es nun für den "Kaiser"? Auf Twitter reagieren die Nutzer zwiegespalten - mit Hohn und Spott, aber auch mit stoischer Ruhe.

Doch gerade in seiner wichtigen Nebenrolle gab Niersbach ein äußerst unrühmliches Bild ab. Zur Aufklärung wollte er wenig beitragen. Im Gegenteil. Seine Behauptung, die ominösen 6,7 Millionen Euro seien in ein Kulturprogramm geflossen, war offenkundig unwahr.

Auf berechtigte Fragen lieferte Niersbach keinerlei Antworten. Wertvolle Erinnerungen verschwanden in abgrundtiefen Gedächtnislücken.

Doch anstatt nun die Verstrickungen des DFB in die dreisten Ränke der FIFA anzuprangern, zeigt sich beispielsweise Joachim Löw "sehr betroffen, überrascht und traurig" über den Rücktritt dieses "fantastischen Menschen".

Überall tiefe Betroffenheit

Von den DFB-Vizepräsidenten Harald Strutz und Peter Frymuth über den Bundestrainer bis Bayern-Mahner Matthias Sammer – überall herrscht tiefe Betroffenheit.

Nicht jedoch über Mauscheleien, dunkle Kanäle und dubiose Praktiken. Nicht über die endgültige Offenlegung eines Systems aus Vetternwirtschaft, Filz und Korruption, mit dem die FIFA WM-Austragungsorte "wählen" ließ.

Die deutsche Fußballfamilie igelt sich ein und verharrt in ihrer Sommermärchenwelt. Die Realität ist hier nur Spielverderber und investigativer Journalismus eine lästige Spaßbremse.

Es sei schade, dass Niersbach zurückgetreten sei, meint Lukas Podolski. Schließlich habe Niersbach "immer alles für den deutschen Fußball gemacht". Doch genau hier liegt das Problem: nicht jeder Zweck heiligt die Mittel.

"Kein guter Tag für den Fußball beim DFB", twittert Toni Kroos. Doch der Nationalspieler meint nicht etwa die neuesten Enthüllungen rund um die WM-Affäre, sondern betrauert ebenfalls Niersbachs Rücktritt.

Verkrustete Strukturen im Weltfußball

Es scheint, als sei die Tragweite der Affäre noch nicht in den Köpfen angekommen. Dabei bietet dieser Skandal rund um die viel beachtete WM in Deutschland auch eine Chance, um mit verkrusteten Strukturen eines etablierten Machtapparates im Weltfußball aufzuräumen.

Ehrliche Empörung würde hier den Handlungsdruck erhöhen. Doch momentan geschieht eher das Gegenteil.

Und so ist es durchaus denkbar, dass sich die Entrüstung nicht gegen Franz Beckenbauer richtet, sondern gegen die Scheinwerfer, wenn schon bald die Schattenseite einer Lichtgestalt beleuchtet wird.

WM 2006: Hintergründe zur DFB-Affäre