Der Rücktritt von Wolfgang Niersbach bietet in der Frage nach dessen Nachfolge als DFB-Präsident Raum für Spekulationen. Beste Chancen werden Reinhard Rauball zugeschrieben. Es gibt aber noch eine ganze Handvoll weiterer Kandidaten.

Nach den Spekulationen ist vor den Spekulationen. Der Rücktritt von Wolfang Niersbach hat genau eine Frage beantwortet: wie lange sich der schwer angeschlagene Präsident des größten Sportfachverbands der Welt wohl noch im Amt halten könnte.

Und er hat unweigerlich eine neue Baustelle eröffnet. Gemäß Satzung übernehmen die beiden Vizepräsidenten Reinhard Rauball und Rainer Koch kommissarisch die Amtsgeschäfte. Es steht fest, dass das kein Dauerzustand bleiben wird. Bis zur EM 2016 - spätestens - will der Verband einen neuen Präsidenten präsentieren.

Bereits nach Niersbachs bemerkenswert missratener Pressekonferenz war über eine Demission und damit auch die Nachfolgefrage debattiert worden. Die Forderungen nach einem transparenten, offenen, modernen DFB sind nach Jahrzehnten der Klüngelei nur konsequent.

Es bleibt die Frage, wer einen schwer erschütterten Verband, der bisher als Vorzeigebetrieb im oftmals schmutzigen Weltfußball galt, nun wieder auf die rechte Bahn bringen kann.

Die Pressestimmen zum Rücktritt von DFB-Präsident Niersbach.

Rauball mit guten Chancen

Es liegt nahe, die beiden Interimspräsidenten als Favoriten für die Niersbach-Nachfolge zu betrachten - wobei beide doch ziemlich unterschiedliche Karrieren und Stärken aufweisen. Rauball ist eine Eminenz des deutschen Fußballs, hervorragend vernetzt im Profibereich und mit der DFL.

Er ist erfahren, auch im Umgang mit großen Krisen, die er mit seinem Klub Borussia Dortmund schon durchstehen musste. Mit bald 69 Jahren kratzt Rauball aber an der DFB-Altersgrenze von 70 Jahren. Rauball wäre demnach eine etwas längere Interimslösung. Dem DFB bliebe dann aber mehr als ein Jahr Zeit, um mit Rauball an der Spitze einen echten Neuanfang vorzubereiten.

Koch ist der Mann der Basis, er weiß viele Regional- und Landesverbände hinter sich. Aber er ist kein großer Redner, eher farblos und bringt im Umgang mit Medien und Sponsoren eigentlich nicht das Format mit, welches man in einem solchen Umfeld und für diesen Job benötigt.

Ähnlich verhält es sich mit dem Schatzmeister und CDU-Bundestagsabgeordneten Reinhard Grindel. Kaum jemand kennt den 54-Jährigen, der als zielstrebig und ehrgeizig gilt. Aber vorzuweisen hat Grindel kaum etwas und er hat keine große Lobby. Seine Berufung wäre eine kleine Sensation - und nicht wirklich das richtige Signal einer Aufbruchsstimmung.

Auch Helmut Sandrocks Ambitionen dürften darunter leiden. Der Generalsekretär folgte Niersbach 2012 in eben jenes Amt und war seitdem der stille Helfer an der Seite des gestürzten Präsidenten. Die Nähe Sandrocks zu Niersbach könnte sich als Hindernis erweisen - so der 59-Jährige überhaupt Ambitionen hegt.

Brisantes Dokument trägt laut "Bild" Unterschrift Beckenbauers.

Bierhoff hat wohl andere Vorstellungen

Oliver Bierhoff wäre ein anderer Kandidat, der den angestaubten DFB in eine neue Ära führen könnte. Nach mehr als zehn Jahren als Teammanager der Nationalmannschaft hat Bierhoff zwar Stallgeruch, ist aber mit seiner oft unbequemen Art doch keiner der üblichen Apparatschiks und auch deshalb an der Basis, beim Amateurfußball, so gar nicht beliebt.

Dafür hat Bierhoff mit seinen aktuellen und ehemaligen Wettstreitern schon viele verkrustete Strukturen aufgebrochen und den Verband auf Trab gehalten, unter anderem in den Verhandlungen mit dem Ausrüster "Nike" damals oder als es um seine und die Vertragsverlängerung von Joachim Löw vor fünf Jahren ging.

Allerdings würde Bierhoff wohl gerne sein "Baby" in planender und ausführender Funktion auf die Welt bringen: Der Bau des DFB-Campus am Rande von Frankfurt ist Bierhoffs ganz große Aufgabe in den kommenden Jahren. Von der Konzeption bis zur Fertigstellung sollte alles über Bierhoffs Schreibtisch laufen. Als möglicher DFB-Präsident wäre er aber raus aus dem operativen Geschäft.

Und: Bierhoff eilt der Ruf vorraus, er würde sich seine Dienste etwas zu gut vergüten lassen. Als Präsident würde er aber offiziell ein Ehrenamt bekleiden und mit vergleichsweise mickrigen 6.000 Euro Aufwandsentschädigung pro Monat auskommen müssen. Nicht das beste (finanzielle) Geschäft für den Geschäftsmann Bierhoff.

Müsste Hoeneß ran?

Blieben noch zwei, die beim FC Bayern unter Vertrag stehen. Matthias Sammer kennt den DFB noch aus seiner Zeit als Sportdirektor und es gibt nicht wenige, die dem Querkopf Sammer, unter dessen Regie einige Titel im Nachwuchsbereich eingefahren wurden, noch heute leise nachtrauern. Ursprünglich war dessen Kontrakt beim DFB bis März 2016 datiert.

Dass Sammer den Bayern aber den Rücken kehrt und die tägliche Arbeit, samt der engen Bindung zur Mannschaft auf einen Schlag wieder aufgibt, erscheint als wenig wahrscheinlich.

Und Uli Hoeneß? In wiederkehrenden Zyklen hätten sich wohl auch die schärfsten Kritiker und Gegner der Bayern insgeheim gewünscht, dass einer wie er den darbenden DFB mal so richtig durchschüttelt. Bei den Bayern verantwortet Hoeneß in seiner Zeit als Freigänger den Umbau der Nachwuchsabteilung. Es halten sich hartnäckig Gerüchte, dass dies aber nur eine Übergangslösung sein soll, um ihn später dann wieder ins Präsidentenamt zu hieven. In das der Bayern, wohlgemerkt. Nicht beim DFB.

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