Jeden Tag nur Corona-Nachrichten und kein Fußball, das hält kein Mensch aus. Viel schöner ist es da doch, in Erinnerungen zu schwelgen. Genau deshalb erzählen uns verschiedene Persönlichkeiten des Fußballs von ihrem persönlichen "Spiel meines Lebens". Als Nächster an der Reihe: Trainerlegende Ottmar Hitzfeld.

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Bei Ottmar Hitzfeld ist es besonders spannend, für welches Spiel er sich entscheidet. Schließlich hat der ehemalige Trainer von Borussia Dortmund und dem FC Bayern deutlich mehr erinnerungswürdige Partien erlebt als andere. Man denke nur an das dramatische Champions-League-Finale 1999 mit dem FC Bayern gegen Manchester United, als ihm und seiner Mannschaft der sicher geglaubte Sieg in letzter Sekunde entrissen wurde.

Oder das Herzschlag-Saisonfinale gegen den HSV 2001, oder das CL-Finale gegen den FC Valencia wenige Tage später, oder das Königsklassen-Finale mit dem BVB 1997, oder oder oder…

Saisonfinale mit dem BVB

Doch Hitzfeld selbst sind ein bestimmtes Spiel und auch der Tag danach doch am lebendigsten in Erinnerung geblieben: das Saisonfinale des BVB 1995 gegen den Hamburger SV. Das erzählt Hitzfeld in unserer Serie "Spiel meines Lebens":

"Ich habe mich für das Spiel Dortmund gegen den HSV am 17. Juni 1995 entschieden, als Borussia Dortmund nach 32 Jahren endlich wieder Deutscher Meister wurde. Das hatte eine immense Bedeutung für das Ruhrgebiet und natürlich speziell für den BVB.

Undankbare Konstellation für Rehhagel

An dem Spieltag gab es eine einzigartige Konstellation mit Werder Bremen. Wir haben uns bis zum Schluss ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert. Bremen musste bei den Bayern in München spielen. Es war zu erwarten, dass es schwer wird für Bremen und auch für Otto Rehhagel, weil er schon als zukünftiger Trainer der Bayern feststand. Also wollten sich die Spieler der Bayern natürlich beweisen und zeigen, was sie können. Eine undankbare Konstellation für Otto Rehhagel. Deshalb habe ich schon damit gerechnet, dass Bremen in München nicht gewinnt. Bei einem Unentschieden von Werder musste Dortmund mit 2:0 gewinnen.

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Bundesliga Classics 1997/98: Otto Rehhagels Rache am FC Bayern - Vom Aufsteiger zum Meister

Das Coronavirus hat auch den Fußball in die Knie gezwungen. Um die Zwangspause etwas angenehmer zu gestalten, widmen wir uns in den nächsten Wochen in einer Serie einigen Klassikern der Bundesligageschichte. Die vierte Folge: Als Otto Rehhagel den FC Bayern narrte und Kaiserslautern vom Aufsteiger zum Deutschen Meister coachte.

Ich habe in den Tagen vor dem Spiel die Mannschaft immer wieder auf die Situation hingewiesen. Auch in den Medien wurde viel berichtet. Das war schon eine unglaubliche Spannung. Vor der Partie habe ich zu meiner Mannschaft gesagt, wir müssen uns nur auf unser Spiel konzentrieren, Ruhe bewahren und die Stärken zeigen, die wir schon die ganze Saison gezeigt haben. Und auch, wenn wir in Rückstand geraten sollten, haben wir immer noch die Chance, das Spiel für uns zu entscheiden. Als Trainer muss man da Druck rausnehmen.

Viele Zuschauer hörten am Radio mit

Wir haben zu Hause gegen Hamburg dann schon in der 8. Minute mit 1:0 geführt durch ein Tor von Andreas Möller. Das war natürlich ein Befreiungsschlag, gleich so früh in Führung zu gehen. Das hat die Mannschaft beschwingt. In der 28. Minute hat dann Lars Ricken das 2:0 geschossen.

Im Stadion hatten viele Zuschauer zusätzlich zu unserem Spiel am Radio gehört, wie es in München steht. Da ging dann immer ein Raunen durch das Publikum, wenn die Bayern ein Tor geschossen haben. Das konnte man richtig spüren. Das ging wie eine Welle durchs Stadion. Es war ein unglaublicher Krimi. München hat am Ende gegen Bremen mit 3:1 gewonnen.

In der zweiten Halbzeit haben wir das Spiel kontrolliert, und es war schon eine unglaubliche Euphorie im Stadion. Die Leute lagen sich in den Armen, und wir haben dem Druck standgehalten und wurden am Ende nach 32 Jahren endlich wieder Deutscher Meister.

Die Saison war verrückt

Ich habe das Spiel auch ausgewählt, weil die ganze Saison die verrückteste Saison war, die ich je gespielt habe. Das Jahr war von unglaublichen Rückschlägen geprägt. Wir waren souverän Herbstmeister, aber hatten sehr viele Verletzte. Das hat angefangen mit Flemming Povlsen, ein sehr guter Stürmer, Kreuzbandriss. In der Rückrunde Stephane Chapuisat, Kreuzbandriss. Im Mai dann noch Kalle Riedle, Kreuzbandriss. Der gesamte Angriff aus hochkarätigen Spielern ist ausgefallen. Ich hatte viel Glück, dass wir im Nachwuchs mit Ibrahim Tanko, knapp 18 Jahre alt, und Lars Ricken, achtzehneinhalb, große Talente hatten, die ich einsetzen konnte. Man hat sie auch "Babysturm" genannt. Und die beiden konnten die Erwartungen erfüllen – natürlich nicht in dem Maß wie Riedle oder Chapuisat, aber sie haben einen guten Job gemacht. Das war ein absoluter Glücksfall.

Ich habe von der Saison zwar kein Erinnerungsstück zurückbehalten, aber wenn man die Bilder wieder sieht, wie die Zuschauer nach dem Spiel auf den Platz strömen, das vergisst man nicht. Da hätte die Schale überreicht werden müssen, aber das ging fast nicht, weil das ganze Stadion, der ganze Rasen voller Leute war. Es war das reinste Chaos.

Eine unglaubliche Euphorie beim Empfang

Am meisten in Erinnerung ist mir eigentlich der Empfang am nächsten Tag in der Stadt. Wir sind durch die Straßen gefahren mit einem offenen Bus, und da waren Millionen auf den Straßen. Alle Dortmunder und auch die Leute aus den angrenzenden Orten waren da. Es war unglaublich. Auch sehr viele ältere Leute standen an schwarz-gelb geschmückten Fenstern und winkten raus. Das war eine unglaubliche Euphorie, die ich so nie mehr erlebt habe.

Es war etwas Besonderes. Bei den Bayern zum Beispiel ist es normal, dass man Meister wird. Da stehen da mal ein paar Tausend beim Autokorso am Rand. Aber bei Dortmund war das eine unglaubliche Konstellation. Einen Krimi hätte man nicht besser schreiben können."

Im ersten Teil der Serie erzählt Timo Hildebrand von der Partie des VfB Stuttgart beim VfL Bochum 2007.

Bildmaterial von imago/WEREK/Claus Bergmann/Horstmüller