Vom Bundestrainer aussortiert, vom Vereinstrainer auf die Reservebank versetzt: Thomas Müller hat keine leichte Zeit hinter sich. Doch nun schießt er wieder Tore beim FC Bayern. Hat das eine Nachnominierung für den Nationalkader zur Folge?

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk

Dieser Mann ist ein Rätsel. Die große Unbekannte des Fußball-Jahres 2020. Im vergangenen Jahr wirkte Thomas Müller noch wie das personifizierte Reserverad des FC Bayern. Niko Kovac setzte den Weltmeister von 2014 beim Rekordmeister auf die Bank.

In der Nationalmannschaft schien Müller vor allem auf der rechten Außenposition, die ihn 2010 weltberühmt und 2014 zum Weltmeister machte, neben den jungen, pfeilschnellen Spielern der neuen Generation nicht mehr mithalten zu können. Und dann sortierte ihn Bundestrainer Joachim Löw aus.

Thomas Müller erlebt seinen zweiten Frühling

Je schlechter der Angreifer behandelt wurde, desto besser schien er dann aber zu spielen. Und nun erlebt der 30-Jährige seinen zweiten Frühling. Müller ist vor dem Spitzenspiel am Sonntag gegen RB Leipzig wieder Stammspieler beim FC Bayern, er schießt Tore. Und jeder Treffer ist ein Klopfzeichen an die Tür, hinter der Bundestrainer Joachim Löw sitzt und an seinem Konzept der Zukunft tüftelt.

Löw stellt sich dort dieselbe Frage, die sich alle Experten und Fans gerade auch stellen: Wie baut man eine Legende in eine Zukunftsstory ein?

Die Meinungen gehen auseinander. Für den FC Bayern, sagte Aufsichtsrats-Chef Herbert Hainer, sei Müller so wichtig wie der Marienplatz für München. Kritiker wiederum tuscheln, Müller sei auch so beweglich und so schnell wie der Marienplatz. Bundestrainer Löw eiert herum und scheint ihm für die EM 2020 ein Türchen halboffen zu lassen zu wollen – also im Notfall.

U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz wiederum setzte Müller auf die 50 Mann starke Kaderliste für Olympia 2020 in Tokyo. Und hören wir auf die Zwischentöne in den Ausführungen von Toni Kroos diese Woche, scheint der Chef-Stratege von Real Madrid ebenfalls kein großer Fan der Comeback-Diskussion zu sein. Ja, sogar Hasan Salihamidzic, der Sportchef des FC Bayern, lässt sich zu keiner klaren Aussage hinreißen, wenn das Thema auf eine Vertragsverlängerung von Müller über 2021 hinaus kommt.

Mit 30 zu alt für den Nationalkader?

Man muss das verstehen. Und kritisch anmerken, dass es keine Präzedenzfälle gibt, die einem Hoffnung machen. DFB-Comebacks von Spielern, die in höherem Alter nochmal aufblühten, gingen oft schief. Siehe Lothar Matthäus, siehe Stefan Effenberg.

Und, mal ganz ehrlich: Wollen wir bei der EM 2020 wirklich einen Neuaufbau starten, der das deutschen Team in eine Position rückt, die bei der WM 2022 den nächsten Titelgewinn ermöglicht – oder wollen wir sentimental sein? Können wir beklagen, dass BVB-Trainer Lucien Favre den 19 Jahre alten Wunderstürmer Erling Haaland schon wieder auf die Bank gesetzt hat – und gleichzeitig ein Comeback von Müller im Nationalteam fordern?

Das klingt hart, ja. Und natürlich kann Müller seine Chance bekommen, wenn die Personaldecke vor der EM dünn werden sollte. Aber: Löw hat einen neuen Weg eingeschlagen. Einen, der Tempofußball erfordert, Variabilität und Außenspieler, die schneller sind als ihr Schatten. Einen Weg, an den die Leute nach dem Reinfall der WM 2018 jetzt wieder glauben können. Einen, der auf Spieler wie Serge Gnabry setzt, auf Leroy Sané, auf Julian Brandt oder Timo Werner. Keiner von denen ist übrigens älter als 24 Jahre.

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