(ska) - Einmal mehr blickt Sport-Europa beeindruckt und vielleicht ein wenig neidisch nach Spanien. Denn nach den Fußballern sichern sich nun auch die spanischen Handballer den Weltmeistertitel. Und auch im Basketball gehören die Spanier zur absoluten Weltspitze - irgendetwas müssen sie also richtig machen.

Der Umbruch hin zur Sportweltmacht offenbart sich bei einem Blick in die spanische Sportgeschichte: Seit den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona hat der Sport in Spanien beständig an Qualität gewonnen. Vor 1992 hatte das Land bei den Olympischen Spielen insgesamt erst 26 Medaillen gewinnen können. Beflügelt von einem neuentdeckten Nationalismus - die Franco-Diktatur lag endgültig hinter Spanien - gab es bei den Spielen 1992 auf einmal 22 Mal Edelmetall. Der ansonsten vorherrschende spanische Regionalismus war zwar während der Spiele nicht vergessen, dennoch konnten sich die Katalanen erstmals auch mit spanischen Sportlern identifizieren. Vor allem beim Fußball zeigte sich die neue Einigkeit deutlich. Im Endspiel hallten "Espana"-Rufe durch das Stadion Camp Nou.

Schon vor den Olympischen Spielen wurde Sport in Spanien groß geschrieben - allerdings eher auf regionaler Ebene. Der erzwungene Zentralismus unter Franco (1939-1975) hatte jedoch dazu geführt, dass einzelne Regionen wie beispielsweise Katalonien ihre Identität vermehrt im Sport auslebten. Eine regionenübergreifende Begeisterung für spanische Sportler war somit kaum möglich. Mit der Demokratisierung des Landes änderte sich die Einstellung zumindest teilweise. Denn seitdem steht das ganze Land immerhin geschlossen hinter seinen Nationalmannschaften, die in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten stets dafür sorgen, dass die Spanier trotz Arbeitslosigkeit und Eurokrise stolz auf ihr Land sein können.

Auch der Minderwertigkeitskomplex, der während der Franco-Diktatur die sportliche Entwicklung Spaniens gebremst hat, sei inzwischen verschwunden. Das meint Sportredakteur von "Spaniens Allgemeine Zeitung" und Spanienexperte Wilhelm Wagner im Gespräch mit unserem Portal. Dafür seien vor allem die Erfolge der Fußballer verantwortlich, "die Siege in anderen Sportarten stellen sich fast automatisch und mit einem gewissen Schneeballeffekt ein."

Barcelona als Dreh- und Angelpunkt

Doch allein mit neuentdecktem Selbstbewusstsein und Sportbegeisterung lässt sich die spanische Dominanz nicht erklären. Einen ebenso großen Anteil am Erfolg hat ein Verein, der vor allem im Fußball vielen als das Nonplusultra gilt: der FC Barcelona. Die Katalanen sind längst kein reiner Fußballklub. Auch im Handball und Basketball schickt "Barca" überragende Teams in den Spielbetrieb. "Més que un club" ("Mehr als ein Verein") ist das Klubmotto des FC Barcelona. Diesem Satz kann man ohne Umschweife zustimmen. Denn der FC Barcelona ist nicht nur ein Verein, sondern Dreh- und Angelpunkt der spanischen Erfolge in den Mannschaftssportarten.

Die vielgelobte Nachwuchsarbeit der Katalanen hat längst nicht nur die goldene Fußballergeneration um Xavi und Andrés Iniesta hervorgebracht. Ohne den FC Barcelona wäre auch der spanische Basketball um einige Stars ärmer. So entstammen beispielsweise die Gasol-Brüder, die beide in der US-amerikanischen NBA spielen, der katalanischen Talentschmiede. Sie zählen ebenso wie ihre Fußballerkollegen zum "Edad de oro", dem goldenen Zeitalter des spanischen Sports. Die spanische Basketballnationalmannschaft holte den Weltmeistertitel 2006 und wurde 2009 und 2011 Europameister. Bei den Olympischen Spielen reichte es immerhin zur Silbermedaille. Der FC Barcelona ist übrigens der amtierende spanische Basketballmeister.

Auch am Erfolg der Spanier bei der Handballweltmeisterschaft in diesem Jahr hat "Barca" einen Anteil. Ganze sechs Spieler der Katalanen standen im Kader des Weltmeisters, der im Viertelfinale die Deutschen ausschaltete. Das ist kein Wunder, denn Barcelona ist bereits seit den späten 1980er Jahren Rekordmeister der spanischen Handballliga.

Konkurrenz beflügelt

Aber auch die Rolle des Hauptstadtvereins Real Madrid nicht zu unterschätzen. Sowohl im Fußball als auch im Basketball stehen beide Vereine in einem ständigen Konkurrenzkampf zueinander und spornen sich so gegenseitig zu neuen Höchstleistungen an. Der Regionalismus, der offenbar in Köpfen fast aller spanischen Vereine noch fest verankert ist, tut sein Übriges dazu, dass die spanischen Vereine auch stets darauf bedacht sind, regionale Größen hervorzubringen. Wobei Real Madrid in dieser Hinsicht bei weitem nicht so konsequent arbeitet, wie das beim FC Barcelona oder Athletic Bilbao der Fall ist.

Wem die spanische Sportübermacht langsam aber sicher zu viel wird, dem bleibt ein kleiner Trost: Seit 1992 hat Spanien zumindest bei den Olympischen Winterspielen keine Medaille mehr geholt.