(ska/jfi) - Lance Armstrong hat den Kampf gegen die amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA aufgegeben. Nun droht ihm die Aberkennung seiner Tour-Siege. Profiteur des tiefen Sturzes von Armstrong könnte einer sein, der bei Freunden des sauberen Sports ebenfalls längst in Ungnade gefallen ist: Jan Ullrich, Tour-de-France-Sieger 1997 und dreifacher Zweiter hinter Lance Armstrong.

Lange wollte Armstrong die Ermittlungen gegen ihn nicht akzeptieren. Doch seine Klagen gegen die USADA, die den Radstar am liebsten nach allen Regeln des Gesetzes durch den Fleischwolf drehen würde, wurde alle abgeschmettert. Nun resigniert der 40-Jährige: "Ich weigere mich, in einem einseitigen und unfairen Prozess mitzumachen." Für viele kommt diese Aussage einem Schuldeingeständnis gleich - und könnte Armstrong seine Titel kosten.

Der große Gewinner dieses Sommertheaters könnte Jan Ullrich heißen. Der deutsche Radprofi hatte sich in den Jahren 2000, 2001 und 2003 in der Tour de France mit Platz zwei hinter einem damals alles überragenden Lance Armstrong begnügen müssen. Sollte der Amerikaner nun tatsächlich seine Tour-Titel verlieren, würde Ullrich in logischer Konsequenz nachrücken und wäre somit zusammen mit seinem Sieg 1997 vierfacher Tour-de-France-Gewinner.

Ullrich selbst äußerte sich zu dieser Möglichkeit äußerst zurückhaltend. "Ich schaue nicht auf diese Titel, ich verfolge das Verfahren auch nicht intensiv", sagte er dem "Tagesspiegel". "Wenn der Fall tatsächlich eintritt, werde ich mich dazu äußern. Bis dahin ist das Spekulation."

Die Nachrück-Regelung fand bereits in den Fällen Floyd Landis und Alberto Contador Anwendung. Landis, der 2006 positiv auf Testosteron getestet worden war, musste seinen Tour-Titel an Òscar Pereiro Sio abtreten. Von Contadors Doping-Sperre profitierte der Luxemburger Andy Schleck.

Doch Ullrich ist ebenfalls verurteilter Doping-Sünder. Im Februar dieses Jahres gab der Ex-Telekom-Star zu, Kontakt zu Doping-Arzt Eufemiano Fuentes gehabt zu haben und entschuldigte sich: "Ich weiß, dass das ein großer Fehler war, den ich sehr bereue. Für dieses Verhalten möchte ich mich aufrichtig bei allen entschuldigen – es tut mir sehr leid." Der Internationale Sportgerichtshof CAS konnte ihm Doping ab Mai 2005 nachweisen. Alle Ergebnisse, die Ullrich seit diesem Zeitpunkt eingefahren hatte, wurden gestrichen. Er ist noch bis August 2013 gesperrt. Der CAS geht jedoch davon aus, dass Ullrich auch vor diesem Zeitpunkt schon gedopt hat. Es gibt also berechtigte Zweifel, ob Ullrich drei zusätzliche Tour-de-France-Titel wirklich verdient hätte.

Wie durchzogen der Radsport von Doping ist, zeigt ein Blick auf Platz drei und vier der Tour de France in den fraglichen Jahren. 2000 und 2001 durfte sich jeweils der Spanier Joseba Beloki vom Team Festina über Platz drei freuen. Doch auch er war in den Skandal um Doping-Arzt Fuentes verwickelt, wurde 2006 von der Tour de France ausgeschlossen. Auch der im Jahr 2000 viertplatzierte Christophe Moreau ist kein unbeschriebenes Blatt. Er war in den Festina-Skandal, der 1998 die Tour erschüttert hatte, verwickelt.

Ähnlich sieht es im Jahr 2003 aus. Damals war der Russe Alexander Winokurow auf Platz drei gefahren. Ihm konnte 2007 Fremdblutdoping nachgewiesen werden. Der Vierte, Tyler Hamilton, fungiert als Kronzeuge im Prozess gegen Lance Armstrong. Er hatte selbst hatte zugegeben mit Wachstumshormonen, Testosteron, EPO und Insulin gedopt zu haben.

Es ist erschreckend, doch die Zahl der Radprofis, an deren Unbescholtenheit es nichts zu rütteln gibt, dürfte erstaunlich gering sein.