Hat er überhaupt geschwitzt? Besonders anstrengend sah Tommy Haas' Sieg in der ersten Runde auf dem altehrwürdigen Rasen von Wimbledon jedenfalls nicht aus. Der 35-Jährige spielt das Tennis seines Lebens - so gut, dass ihm so mancher sogar den ganz großen Wurf zutraut.

"Tommy hat Riesenpotenzial in Wimbledon, wenn man gesehen hat, dass er nicht nur in Paris sehr gut gespielt hat. Er hat Chancen gehabt gegen Djokovic und er hat in Halle ganz knapp gegen Federer verloren", schwärmt Tennisikone Steffi Graf. Es hört sich fast so an, als würde sie Haas tatsächlich den Sieg in London zutrauen. Michael Stich wird da sogar noch konkreter: "Tommy Haas kann Wimbledon gewinnen." Diese Aussage lässt keinen Raum für Spekulationen.

Aber ist ein Triumph im All England Club wirklich realistisch? Zwar ist Haas nicht der älteste Mann im Feld der Einzelspieler - der Franzose Marc Gicquel ist 36 Jahre alt - aber er kommt gleich danach. Es wäre nur logisch, wenn Haas vor allem in punkto Schnelligkeit nicht mehr mit Konkurrenten wie Roger Federer, Andy Murray oder Novak Djokovic mithalten könnte.

Nur, so viel langsamer ist Tommy Haas gar nicht. Und das Quäntchen, das ihm fehlen mag, macht er durch eine intelligente Spielweise wett. Seine jahrelange Erfahrung sorgt dafür, dass Haas fast jeden Schlag seines Gegners voraussehen kann. Und er ist variabler geworden, findet auch Michael Stich in seiner Kolumne für das "Abendblatt": "Wo die meisten einfach nur so hart draufhauen, wie sie können, schafft er es, mal einen überraschenden Stopp zu spielen. Er ist ein kompletter Spieler." Früher hätte Haas vielleicht auch einfach nur draufgehauen. Heute weiß er, seine Stärken anders zu nutzen. Ob vorne am Netz oder von der Aufschlagslinie - er selbst setzt seiner Kreativität keine Grenzen mehr.

Motivationshilfen gibt es genug

Und Haas will es unbedingt noch einmal wissen. Bis heute hat er zwar 100. Matches, jedoch keinen Grand-Slam-Titel gewonnen. Sein größter Erfolg auf dem Rasen von Wimbledon war der Halbfinaleinzug im Jahr 2009. Er war einfach zu oft verletzt. Hüfte und Ellbogen mussten im Jahr 2010 sogar operiert werden. Dieses vermutlich letzte Comeback ist seine große Chance, es der Tenniswelt noch einmal zu zeigen. Ein psychologischer Faktor, den man nicht unterschätzen darf. "Ich glaube auch, dass ihn seine Tochter antreibt. Er will wirklich, dass seine Tochter eines Tages sagen kann: 'Das war mein Papa'", glaubt sein Tennisziehvater Nick Bollettieri im Interview mit der "New York Times" einen weiteren motivierenden Faktor ausgemacht zu haben.

Dennoch, die Konkurrenz ist stark. Auch Roger Federer, Novak Djokovic und Lokalmatador Andy Murray haben die Auftaktrunde ohne großen Aufwand überstanden. Überraschend kam eigentlich nur das Ausscheiden von Rafael Nadal gegen den Belgier Steve Darcis. Und allein dieses Ausscheiden des spanischen Tennisstars zeigt dann doch, dass im Tennis manchmal sehr viel möglich ist. Auch wenn ein Wimbledon-Sieg für Haas doch eine Sensation wäre, man müsste es dem Mann gönnen. Es wäre der Sieg eines Kämpferherzens.

In der nächsten Runde geht es für Haas aber erst einmal gegen den an 152 gerankten Taiwanesen Jimmy Wang. Der ist jedoch hoffentlich nur ein kleines Hindernis auf dem Weg zum ganz großen Wurf.

(ska)