Deutschland startet stark ins olympische Handball-Turnier - und ist Topfavorit? Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt Handball-Ikone Stefan Kretzschmar, warum das nicht so ist, was er von den Verbal-Attacken eines Robert Harting hält und ob er in seiner Sportart Doping vermutet.

32:29 gegen Schweden, 32:29 gegen Polen - Deutschlands Handballer sind bei Olympia 2016 auf Temperatur. Werfen sich unsere EM-Helden jetzt auch bei den Spielen in Rio zu Gold, wie von Torwart Andreas Wolff prophezeit?

Vor dem dritten Gruppenspiel gegen Gastgeber Brasilien an diesem Donnerstag (21.40 Uhr MESZ, bei uns im Live-Ticker und im ZDF-Livestream) warnt TV-Experte Stefan Kretzschmar im Gespräch mit unserer Redaktion vor falschen Erwartungen.

Der langjährige Nationalspieler spricht über mögliches Doping im Handball und darüber, warum sich mit einem Olympiasieg der "Bad Boys" für seine Sportart hierzulande schlagartig alles ändern würde.

Herr Kretzschmar, gut, dass die Russen zumindest beim olympischen Handballturnier nicht mit dabei sind oder?
Stefan Kretzschmar: Russland spielt derzeit nicht die große Rolle im Welthandball. Ihre großen Zeiten sind längst vorbei. Die Frage zielt sicher auf die Doping-Problematik ab. Bei Handballern hatte ich ehrlich gesagt noch nie Bedenken. Ich kenne die Russen als tadellose Typen.

Im Handball gibt es kein Doping?
In keinem Fall in der breiten Form. Mir ist aus meiner jahrelangen Karriere nichts bekannt. Es wäre auch kein zwingender Wettbewerbsvorteil für einen Handballer. Ich weiß, dass in anderen Sportarten viele hinter vorgehaltener Hand wissen, dass dort gedopt wird. Im Handball war das nie ein Thema.

Wie ist es mit Schmerzmitteln? Ein Spiel folgt dem anderen, mancher klagt über die Belastung.
Wenn einer extreme Schmerzen hat, zum Beispiel in den Gelenken, nimmt er sicher schon mal eine Voltaren. Aber die steht nicht auf der Dopingliste.

Die Nationalspieler müssen direkt nach Olympia in der Bundesliga ran. Gehen wir noch verantwortungsbewusst mit den jungen Sportlern um?
Schon lange nicht mehr. Ein Nationalspieler, der auch Champions League spielt, kommt auf 80, 90 Spiele im Jahr. Das ist ein Brett, Raubbau an der Gesundheit.

Wir beklagen das seit Jahren. Nur es geht eben auch bei uns, wie in vielen anderen Sportarten, nur noch ums Geld. Da macht keiner Abstriche, weder die Bundesliga, noch die Internationale Handballföderation (IHF) noch die Europäische Handballföderation (EHF). Jeder sieht nur seinen Gewinn.

Es geht nur noch um Interessen der Funktionäre?
Es geht um die Interessen aller, die an diesem Sport verdienen. Die Klubmanager etwa wollen ihre Vereine auf noch breitere Beine stellen, aber es geht auf Kosten der Sportler.

Man muss einen Kompromiss finden. Der erste Schritt im Handball wäre ein einheitlicher Spielkalender. In einem Jahr, in dem Olympische Spiele sind, braucht es nicht noch eine EM.

Nationalspieler Patrick Groetzki forderte eine Bundesliga mit weniger Klubs.
Das würde ich nur befürworten, wenn sich alle entgegenkommen. Wenn zum Beispiel die Champions League erheblich reduziert würde, wenn es im Olympia-Jahr keine EM gäbe. Wenn jeder einen Schritt macht, wäre ich aus deutscher Perspektive gesprächsbereit.

Die Sportpolitik ist allgegenwärtig, auch bei Olympia. Spektakulär war die Attacke von Robert Harting gegen IOC-Boss Thomas Bach. Kritiker nennen Harting einen Polemiker - und Sie?
Ich finde es in Ordnung, wenn jemand seine Meinung sagt und diese begründet. Wenn jemand nur Parolen raushaut wie Sandro Wagner im Fußball und keinerlei Argumente folgen lässt, finde ich das schwach. Jemanden wie Harting, der Vorschläge hat, wie es besser sein könnte, respektiere ich, dass er auch mal provoziert und aneckt.

Wie ich zu seiner Aussage stehe, ist eine andere Geschichte. Wir fordern aber immer Sportler mit Persönlichkeit, mit Ecken und Kanten, wenn wir dann mal einen haben wie Harting, sieht man das wieder kritisch.

Ein Typ ist auch Bundestrainer Dagur Sigurdsson. Der Isländer singt sogar die deutsche Nationalhymne mit.
Er ist ein sehr bedachter Typ, kein Schreihals. Er bespricht sehr viel intern im Team, ist kein Small-Talk-Typ. Er beschränkt sich einzig auf seine Arbeit, ist immer fair, gegenüber allen Beteiligten.

Ein typischer Isländer, ein Kämpfer, einer, der auch mal den unbequemen Weg geht, der keine Angst vor Neuerungen hat, was in einem Verband wie dem Deutschen Handballverband (DHB) nicht einfach ist.

Typen stehen auch im deutschen Tor, Silvio Heinevetter und Andreas Wolff. Bislang funktionierte das Zusammenspiel mit der Abwehr aber nicht einwandfrei.
Wir haben gegen Schweden und gegen Polen gespielt, zwei Nationen, die im Welthandball was zu sagen haben, die in der Lage sind, unsere Abwehr auseinander zu spielen. Man darf nach dem EM-Titel nicht erwarten, dass wir dominant auftreten.

Dieser EM-Titel hatte neben Können und Unbekümmertheit viel mit Glück zu tun. Für die Jugend unserer Mannschaft haben sie das bislang grandios gelöst. Ich bin überrascht über ihre Coolness. Da hat ja noch keiner Olympia gespielt.

Wie interpretieren Wolff und Heinevetter ihr Torwartspiel?
Wolff ist groß, spielt, wie man es von der klassischen Torhüterschule kennt. Er geht in die Ecke, arbeitet viel mit seinem großen Körper, bewegt sich aber nicht spektakulär wie ein Heinevetter. Silvio ist der verrückte Instinkttorwart, der völlig atypische Bewegungen macht. Als Duo sind sie perfekt.

Neben Heinevetter ist Kapitän Uwe Gensheimer wieder dabei. Seine Tempogegenstöße sind eine echte Waffe, auch die Konterläufe von Tobias Reichmann. Der Schlüssel zum Olympiasieg?
Ich will gar nicht an einen möglichen Olympiasieg denken. Für mich ist klar, dass wir uns für das Viertelfinale qualifizieren. Wenn du siehst, was da in der anderen Gruppe kommt, Frankreich, Dänemark, Kroatien oder Katar, dann ist alles möglich, auch ein Ausscheiden. Aber natürlich sind die Gegenstöße über zwei schnelle Außen immer eine beliebte Waffe von uns gewesen.

Katar wäre ein möglicher Gegner. Ein Team mit vielen eingebürgerten Spielern. Ein Aufreger, nicht?
Ich bin kein Freund davon, dass man als Sportler seine Nationalität einfach mal wechseln kann, wie man möchte. Im Fußball kann einer, der einmal für sein Land gespielt hat, nicht mehr für ein anderes Land spielen. Das finde ich vernünftig.

Aber: Wenn ich aus Mazedonien komme oder aus anderen Ländern mit geringem Wohlstand und die Chance habe, gutes Geld zu verdienen, um dort, woher ich komme, ausgesorgt zu haben, kann ich das keinem Sportler verdenken. Wer sorgt denn später für diese Sportler, wenn sie das Wahnsinnsangebot nicht annehmen?

Abschließend: Ein Olympiasieg wäre für den deutschen Handball…?
Gold wert! Davon wagen wir nicht zu träumen. Wir verhandeln gerade über einen neuen TV-Vertrag für die Bundesliga. Der deutsche Handball ist in den vergangenen Jahren durch ein tiefes Tal der Tränen gegangen wegen der Nicht-Qualifikation für drei von vier Turnieren.

Natürlich wäre ein Olympiasieg ein Lottogewinn. Wenn wir im Finale stehen, sitzt ganz Deutschland vor dem Fernseher. Wir reden über einen unerhörten Imagegewinn. Ein Olympiasieg ist mit nichts zu vergleichen.

Stefan Kretzschmar spielte zwischen 1993 und 2004 insgesamt 218 Mal für die Handball-Nationalmannschaft, wurde 2002 mit dem DHB-Team EM-Zweiter, 2003 WM-Zweiter und gewann 2004 bei Olympia in Athen mit Deutschland die Silbermedaille. Der 43-Jährige war dreimal bei Olympia (Atlanta 1996, Sydney 2000, Athen 2004). Mit seinem langjährigen Klub SC Magdeburg gewann der mehrmalige Deutsche Handballer des Jahres den EHF-Cup (1999) und die EHF-Champions-League (2002). Später führte Kretzschmar den SC DHfK Leipzig Handball als Aufsichtsrat in die Bundesliga. Seit Jahren arbeitet er als Handball-Experte für verschiedene TV-Sender.

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