Der neue Tennis-Weltranglistenerste, Daniil Medwedew, verzichtet bislang auf jede Protestnote gegen Putin. Viele prominente russische Sportler äußern sich, aus Angst vor Konsequenzen, bislang eher zurückhaltend. Dass er Putin nicht hofiert, muss uns vielleicht für den Moment reichen.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
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Nicht jeder Weltsportler zeigt Mumm wie Garri Kasparow. Der ehemalige Schachweltmeister, Titelträger von 1985 bis 1993 und inzwischen 58 Jahre alt, demonstrierte schon früh gegen den Herrschaftsanspruch des russischen Präsidenten Wladimir Putin und wurde dafür ins Gefängnis geworfen.

Aufgeben wollte Kasparow nie. Er nutzte seine Prominenz für öffentliche Proteste und redete Klartext, wann immer ihn das Fernsehen im Westen einlud. So geht Oppositionspolitik auch: Bekannte Sportler begehren gegen Machtmissbrauch an der Spitze des Staates auf.

Krieg in der Ukraine: Russische Sportler wie Medwedew halten sich zurück

So weit will Daniil Medwedew offenbar nicht gehen. Der neue Tennis-Weltranglistenerste verzichtet bislang auf jede Protestnote gegen Putin. Man spürt bei vielen prominenten russischen Sportlern eine Furcht, die zur Zurückhaltung zwingt. Sie reduzieren ihre Meinungsäußerung auf ein Statement, das nicht schmerzt: "No war!", schrieb sein russischer Landsmann Andrej Rubljow nach seinem Sieg im Halbfinale in Dubai über den Polen Hubert Hurkacz: "Kein Krieg!"

In Russland gilt die Ukraine-Invasion nicht als Krieg; also schadet "no war" nicht wirklich. Jedes weitere Wort gegen Putin, das angebracht wäre, vermeidet ein Star wie Medwedew. Er beließ es nachdem er am Montag Weltranglistenerster wurde bei der Message: "#kiddontstopdreaming", bei der er für Frieden in der Welt und zwischen den Ländern bittet. Muss er deshalb gesperrt werden?

Führt Zurückhaltung zwingend zu Bestrafung?

Der ukrainische Tennis-Verband lässt keinen Zweifel daran und fordert: Man solle Medwedew von den größten Tennisturnieren ausschließen und ihm die Weltranglistenpunkte nehmen. Der Vorwurf, der im Raum steht: unterlassene Hilfeleistung.

So kann und muss wohl ein Verbandspräsident sprechen, der sein Heimatland in Schutt und Asche aufgehen sieht. Das ist die eine Seite. Die andere: Niemand weiß, wie Medwedew wirklich denkt und fühlt. Auch er hat Familie und Freunde, die in Gefahr sind, wenn er Putin attackiert. Darf man deshalb Revolutionäres von ihm erwarten? Die Frage kann nur beantworten, wer selbst einmal eine Antwort auf Leben und Tod geben musste. Vom Sofa oder Bürostuhl aus lässt sich schnell Zivilcourage einfordern.

Natürlich ist enttäuschend, wenn Medwedew ausweichend sagt: "Es ist nicht leicht, all diese Neuigkeiten zu hören. Hier in Mexiko aufzuwachen und die Nachrichten aus der Heimat zu sehen, war nicht einfach." So viel Laienpsychologie sei aber erlaubt: Hier hat jemand Angst. Dass er Putin nicht hofiert, muss uns vielleicht für den Moment reichen. Nicht in jedem Sportler steckt ein Kasparow.

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Pit Gottschalk, ist Journalist, Buchautor und Chefredakteur von SPORT1. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier.
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