Das Shakespear'sche Familiendrama zwischen dem Saarbrücker Kommissar Adam Schürk und seinem tyrannischen Vater findet im neuen "Tatort" seinen Höhepunkt. Darin liegt eine Chance für das saarländische Team – aber auch eine Gefahr.

Iris Alanyali.
Eine Kritik
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Nach 15 Minuten ist Kommissar Adam Schürks Vater aus dem Weg. Der Tyrann, der seinen Sohn als Kind tagtäglich verprügelte, hungern ließ, über Nacht in Schränke sperrte und am Morgen seinen eigenen Urin trinken ließ. Er ist endlich weg, nicht nur ins Koma gefallen.

Ein "Tatort" aus Saarbrücken mit Backstory

Im Koma lag er 15 Jahre lang, weil Adams bester Freund Leo (Vladimir Burlakov) dem brutalen Vater schließlich mit der Schaufel eins über den Schädel zog. Gemeinsam vertuschten die Jungen die Tat. Am Ende des ersten saarländischen "Tatorts" wacht der alte Roland Schürk aus dem Koma auf. Sein Sohn und sind frisch gebackene Kollegen im Saarbrücker Kommissariat. Adam (Daniel Sträßer) war gerade erst nach 15 Jahren Abwesenheit nach Hause zurückgekehrt.

Der Saarländer "Tatort" erzählt seit dem Neustart mit dem Team Schürk und Hölzer die Geschichte der beiden Kommissare horizontal, und weil diese Backstory der beiden emotional so dicht und hoch aufgeladen ist, funktionierte das ausgezeichnet. Das horizontale Erzählen wird allerdings auch immer schwieriger, je länger erzählt werden muss, schon weil Monate zwischen den einzelnen "Tatort"-Folgen liegen. Dass Roland Schürk mit "Das Herz der Schlange jetzt ein Ende findet, ist also verständlich – aber ob das für das Saarbrücker Team auch gut ist?

Adams Unschuld wird schnell vermutet

Im dritten Fall für Adam Schürk (Daniel Sträßer) und Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) geht es um einen missglückten Einbruch in einer teuren Villa, bei dem die Bewohnerin getötet wird und ein Einbrecher im Krankenhaus landet. Und es geht um den Zusammenhang zwischen diesem Einbruch und einem schlimmen Verdacht gegen Adam Schürk.

Als Zuschauer vermuten wir bald Adams Unschuld. Und auch Leo Hölzer glaubt nicht wirklich, was Adam unterstellt wird. Doch die Freundschaft der beiden ist kompliziert. Tief und eng, weil sie so jung begann und weil die beiden ein folgenschweres Geheimnis teilen, aber auch von Angst und Nervosität geprägt. Leo Hölzer droht das Ende seiner Karriere, sollte seine Tat von früher ans Licht kommen. Und aus Adam ist zwar ein loyaler, talentierter Kollege geworden, aber in ihm steckt auch ein traumatisierter Junge. Adam ist ein aufbrausender Grübler und wer weiß wie belastbar.

Leo Hölzer ist also so ziemlich der Letzte, der sich wundern darf, wenn sich herausstellt, dass bei Adam Schürk schließlich doch eine Sicherung durchgebrannt ist. Trotzdem hilft er dem Freund. Verteidigt ihn gegen die Kolleginnen. Hintergeht für ihn die Kolleginnen.

Der Vater ist der Teufel

"Das Herz der Schlange" erzählt von der Macht, die ein Monster wie Roland Schürk auf seine Umgebung ausübt. Darum, ob Humanität gegen eine solche Skrupellosigkeit überhaupt eine Chance hat.

Das Drehbuch stammt – zum dritten Mal – von Hendrik Hölzemann. In der ersten Folge seiner Roland-Schürk-Trilogie lernten wir den Vater nur durch Rückblenden mit den Kommissaren als Jugendlichen kennen – und hassen. Im zweiten Teil ("Der Herr des Waldes") dann der Versuch, das Monster zum Menschen zu machen: Darsteller Torsten Michaelis brillierte in seiner Rolle eines durch das Koma geschwächten Despoten, der gleichzeitig von Reue und Misstrauen gegenüber seinem Sohn geplagt wird.

Davon ist in "Das Herz der Schlange" nichts übrig: Äußerlich ist Roland Schürk vielleicht noch schwach auf den Beinen – das Ungeheuer in ihm ist allerdings zu alter Stärke erwacht. Dieser Vater ist der Teufel. Ein abgrundtief böser Mensch, der seinen Sohn verachtet und ihn über jedes menschliche Maß hinaus demütigen und schwächen kann und will.

Kann eine derart gebrochene Seele wie Adam Schürk genug Kraft aufbringen, um sich gegen so einen Vater zu wehren? Hält die Freundschaft zwischen ihm und Leo, die eigentlich eine Art Bruderschaft ist, auch dieser Belastung stand? Auch davon handelt "Das Herz der Schlange".

Die Frauen nerven und das Drehbuch wirkt verzweifelt

Natürlich hat eine derart große erzählerische Geste ihren Reiz. Torsten Michaelis spielt sich als Roland Schürk erneut in den verdienten Mittelpunkt. Und Luzie Looses nüchterne Regie verankert "Das Herz der Schlange" zugleich fest im Saarbrücker Alltag, wo der Mordverdacht Adam Schürk ins Gefängnis führt.

Aber vielleicht weil die Tragödie mit dem Tod Roland Schürks so früh schon einen Höhepunkt erreicht, versucht das Drehbuch verzweifelt, das shakespear'sche Familiendrama mit einem ebenso theatralischen Krimifall am Laufen zu halten. Überladen, mit angestrengten Konstruktionen und Wendungen, holpert "Das Herz der Schlange" dem Ende entgegen.

Da passt wenig zusammen: Der perfide Plan des Vaters mit farbenfrohen, aber hanebüchenen Hilfsmitteln einerseits, wackere Polizeiarbeit unter schmierigen Anwälten und beleidigten Kleinkriminellen andererseits. Männer in emotionaler Extremsituation, und Frauen, die einfach nur nerven. Esther Baumann (Brigitte Urhausen) muss wieder die undankbare Rolle der zickigen Zweiflerin spielen. Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer) ist der übermüdete loyale Maulwurf, der sich tief in den Fall wühlt.

Bislang sah es nicht so aus, als ob die so spezielle Hölzer-Schürk-Dynamik noch mehr Reibungsflächen verträgt. Alle Versuche, die beiden Frauen zu interessanten Mitspielern des Teams zu machen, wirken bislang bestenfalls bemüht und meistens eher störend. Vielleicht ist das Ende des Alten für diese beiden eine Chance.

Aber für Adam Schürk und Leo Hölzer? Es dürfte schwierig sein, aus ihnen brav ermittelnde Buddies zu machen. Er wird fehlen, der teuflische Tyrann.