"Toni Erdmann" war bei den Filmfestspielen in Cannes der große Renner bei Publikum und Kritik. Seitdem gilt die Tragikomödie als Favorit auf den Oscar als bester ausländischer Film - und wurde folgerichtig auch nominiert. Aber ist der Film wirklich so gut?

Eine Kritik
von Mathias Ottmann, Redakteur Unterhaltung (nicht mehr im Unternehmen)

Winfried Conradi (Peter Simonischek) ist einsam. Der Musiklehrer ist geschieden und lebt alleine mit seinem altersschwachen Hund Willi in einer Wohnung ganz in der Nähe seiner sehr, sehr alten Mutter.

Seine Tochter Ines (Sandra Hüller) wohnt als erfolgreiche Unternehmensberaterin seit längerer Zeit für ein Projekt in Bukarest und hat bei einem kurzen Besuch kaum Zeit für ihn. Seine Zeit vertreibt sich Winfried mit kindischen Scherzen, die er selbst am lustigsten findet.

Bekannt ist der Oscar-Moderator vor allem wegen eines Running Gags.

Als Winfrieds Hund stirbt, reist er kurzentschlossen nach Bukarest, um Zeit mit Ines zu verbringen. Die ist aber gerade im Stress und hat gar keinen Nerv für ihren Vater. Dann fängt er auch noch mit seinen Scherzen an, steckt sich künstliche und extrem abstoßende Zähne in den Mund, setzt sich eine Perücke auf und gibt sich vor Fremden als Life-Coach von Ines' wichtigstem Kunden aus.

Kuriose Momente und Langeweile

Nach einigen unangenehmen Momenten merkt Ines, dass sie selbst ähnlich einsam geworden ist wie ihr Vater. Sie beschließt, seine Spinnereien mitzumachen - mit haarsträubenden Folgen.

"Toni Erdmann" wandelt zwischen den Genres. Er springt zwischen deprimierender Tragödie und skurriler Komödie wild hin und her und liefert vor allem in der letzten halben Stunde einige der kuriosesten Kinomomente der letzten Jahre.

Bis dahin zieht sich der Film allerdings streckenweise doch arg hin. Und für Menschen, die selbst zur Melancholie neigen, kann er in seinem Realismus und seiner scheinbaren Ausweglosigkeit auch noch ziemlich niederschmetternd sein.

Wieso die ganze Kulturlandschaft diesem Film zu Füßen liegt, ist schwer nachzuvollziehen. Er war der Abräumer bei den europäischen Filmpreisen, für einen Golden Globe und einen BAFTA nominiert - und jetzt eben auch für einen Oscar.

Dabei ist es ein anstrengender Film, der viel Geduld und Anteilnahme vom Zuschauer einfordert. Nicht gerade das, worauf das Kinopublikum normalerweise steht.