Er gilt als Großmeister der gezeichneten Satire: Gerhard Haderer nimmt mit subtilem Humor und feiner Ironie menschliche Schwächen und politische Missstände aufs Korn. Nun wird der Österreicher 65 Jahre alt.

Die Hand ragt noch aus dem Maul des Hais, die Finger umklammern noch fest einen Selfie-Stick samt Smartphone: Österreichs berühmtester Karikaturist Gerhard Haderer hält seit Jahrzehnten detailverliebt und bitterböse das Leben seiner Mitmenschen auf Papier fest.

Verlogene Kleriker, eitle Politiker und biedere Wochenend-Griller bekommen gleichermaßen ihr Fett weg. Hinter jeder schönen Fassade lauert ein Abgrund, der zum Nachdenken anregt.

Mit Publikationen im "Stern" oder in "Titanic" ist er auch in Deutschland bekanntgeworden. Am Sonntag (29. Mai) feiert der erklärte "Geburtstagsmuffel" seinen 65. Geburtstag.

Drollig-entrückte Figuren

Der erhobene Zeigefinger war dem gebürtigen Oberösterreicher stets ein Gräuel. "Ich habe immer versucht, mit einer bestimmten Form von Charme und Menschenliebe so scharf zu kritisieren, dass man es nicht ganz wegstecken kann", sagte der vierfache Vater dem Magazin "Schau" kürzlich.

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Er verzerrt seine Opfer nicht bösartig, im Gegenteil: Seine Figuren wirken mit drolligen Knollennasen und oft entrückten Augen meist sympathisch.

Tabus darf es nicht geben

Tabus dürfe es in seiner Branche aber keine geben: "Satire darf alles, es liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen, Grenzen zu definieren."

Als tiefen Einschnitt bezeichnete er die Attacke auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" in Paris. "Es ist eine Zäsur für uns alle", so Haderer damals. Einschüchtern ließ er sich aber nie.

Haderer selbst stand schon mehrmals in der Kritik für die Kompromisslosigkeit seines beißenden Humors. In seinen ersten Jahren als Cartoonist stellte ihm seine Heimatzeitung "Oberösterreichische Nachrichten" nach einer Satire über eine rassistische Aussage des damaligen Ministerpräsident den Stuhl vor die Tür.

2005 wurde er für seinen Cartoon "Das Leben des Jesus" in Griechenland gar verurteilt: Die Gerichte dort werteten seine Darstellung Jesu als lässigen Weihrauch-Kiffer als Blasphemie.

Figuren lauern an jeder Ecke

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Die Vorlage für seine Figuren findet er praktisch vor seiner Haustür, ob nun in seiner Linzer Stadtwohnung oder dem Ferienhaus am Attersee. "In Österreich gibt es einen wunderbaren Fundus für meine Models", so Haderer. Aber auch er selbst verschont sich nicht: "Selbstironie ist die allerhöchste Form von Humor." Betrachter könnten Haderer laut eigener Aussage selbst in jeder einzelnen Zeichnung wiederfinden.

Sein Beruf bezeichnete er als notwendiges Ventil, um Druck abzulassen. Für eine Karikatur mit seiner ausgefeilten Aquarelltechnik sitzt er oft zehn Stunden akribisch am Schreibtisch. In seinen Pausen erholt er sich gerne in der Natur oder beim Federballspielen mit Freunden.

Das Grauen unter der Oberfläche

Vor allem die absolute Idylle auf dem Land bietet dem ruhigen, aber rastlosen Zeichner viele Vorlagen: "Unter der Oberfläche wohnt ja das blanke Grauen meistens."

Von der Rente ist Haderer jedenfalls noch weit entfernt. Immer wieder lässt er mit neuen Ideen aufhören: Seit einigen Jahre gibt er gemeinsam mit seinem Sohn das "feine Schundheftl" namens "Moff" heraus.

In einer alten Linzer Tabakfabrik, wo er einst für seine eigene Zigarettenration arbeitete, hat er ein Büro. Seit Jahren arbeitet er dort an dem Konzept einer "Schule des Ungehorsams".

Die Menschen sollen in dieser "Denkschule" lernen, ihre Unzufriedenheit konstruktiv zu artikulieren. Haderer will zum positiven Denken anstiften - kombiniert mit Party, Musik und viel Freude.

Für ihn steht fest: Komfort und Wohlstand haben die Gesellschaft zunehmend degeneriert. Überflüssiger Ramsch würde als Luxus definiert: "Wir müssen nicht auf unseren Wohlstand verzichten, sondern nur auf einen Teil unserer Überflusses. Und das zu Recht", sagte Haderer dem Magazin "Schau". Mit dieser Erkenntnis müsse man keine Angst vor den Herausforderungen der Zukunft haben.  © dpa