Genialer Schriftsteller, eitler Selbstdarsteller oder beides? An Tom Wolfe schieden sich Zeit seines Lebens die Geister. Nun ist der US-Autor und Journalist im Alter von 88 Jahren gestorben.

Er war einer der innovativsten Journalisten der USA: Tom Wolfe ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Wolfes Agentin, Lynn Nesbitt, bestätigte der "New York Times", der Autor und Schriftsteller sei in einem Krankenhaus in Manhattan verstorben. Er war aufgrund einer Infektion eingeliefert worden.

Nesbitt teilte aber noch mehr mit. Sie korrigierte dessen Alter zum Zeitpunkt seines Todes. Wolfe sei am Montag im Alter von 88 und nicht 87 Jahren gestorben, sagte Nesbitt der Deutschen Presse-Agentur. Wolfes Tochter Alexandra habe das Alter ihres Vaters beim Tod nun klargestellt. Nähere Details zur Todesursache nannte Nesbit nicht.

Ganz in Weiß, mit Maßanzug und Hut: So spazierte Tom Wolfe bis zuletzt noch hin und wieder durch sein New York, durch seine Upper East Side. Langsam, aber stolz und aufrecht.

Einer der Mitgründer des New Journalism

Seit 1962 - als er bei der "The New York Herald Tribune" als Reporter anfing - lebte Wolfe in New York. Zu seinen bekanntesten Werken zählen "Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby" und "Die Helden der Nation". Sein Welterfolg "Fegefeuer der Eitelkeiten" katapultierte ihn in den Literatur-Olymp.

Zusammen mit Truman Capote, Norman Mailer, Hunter S. Thompson und Gay Talese galt Wolfe als Gründer des New Journalism - einem Reportagestil, der sich literarischer Elemente bediente. Ein Hybrid zwischen Journalismus und Fiktion entstand, der eine ganze Generation von Journalisten prägte.

Wolfe polarisierte auch unter Kollegen

Wolfe polarisierte - auch innerhalb seiner Zunft. Auf der einen Seite standen millionenfach verkaufte und erfolgreich verfilmte Bücher sowie treue Fans, vonseiten des literarischen Establishments schlug ihm scharfe Kritik entgegen.

Als "Massenunterhaltung" diskreditierten Größen der amerikanischen Literatur wie Norman Mailer und John Updike seine Werke, John Irving lästerte über die "Geschwätzigkeit" seines Kollegen und erklärte sich unfähig, Wolfes ersten Roman zu Ende zu lesen.

Auch Literaturkritiker zeigten sich gespalten. Zwar wurde an seinem Status als "erster Pop-Journalist" ("The Guardian") und Miterfinder des New Journalism nicht gerüttelt, aber er galt auch als eitler Selbstdarsteller, als "Amerikas größter Satz-für-Satz-Angeber" ("The Guardian"), der genüsslich die Schwächen anderer Menschen beschrieb.

Wolfe leugnete das nie. "Wenn die meisten Schriftsteller ehrlich mit sich selbst wären, würden sie zugeben, dass sie nur das erreichen wollen: Vorher nahm sie niemand wahr, jetzt schon."

Eitler Gesellschafts- und Zeitdiagnostiker

Wolfe umgab immer etwas Mystisches. Er galt als Gesellschafts- und Zeitdiagnostiker, der für jedes Jahrzehnt das passende literarische Sittengemälde lieferte.

Auch aus seinem Alter machte er gerne ein Geheimnis. Während sein deutscher Verlag 1931 als Geburtsjahr angab, sprachen andere Quellen von 1930 - etwa die New Yorker Stadtbibliothek, die 2015 für mehr als zwei Millionen Dollar das aus 190 Kisten bestehende Archiv des Schriftstellers kaufte.

In den vergangenen Jahren zog sich Wolfe zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück. Zwischendurch meldete er er sich sich mit neuen Werken immer wieder zurück, streitlustig wie eh und je. 2016 griff er in "Das Königreich der Sprache" Charles Darwins Evolutionstheorie und den Literaturwissenschaftler Noam Chomsky an. 2012 legte er sich in "Back to Blood" mit den Eliten der Sonnen-Metropole Miami an.

Geboren wurde Wolfe in Richmond im US-Virginia in eine reiche Professoren- und Plantagenbesitzer-Familie. Seine Mutter führte ihn in die Künste ein, ließ den kleinen Tom in Ballett- und Stepptanz ausbilden, zeichnete und las viel mit ihm.

Kaum neun, soll der Junge versucht haben, eine Biografie über Napoleon sowie einen illustrierten Band über Mozarts Leben zu schreiben. Er studierte an der Elite-Universität Yale und bewarb sich dann als Journalist.

"Ich habe mehr als hundert Bewerbungen an Zeitungen geschrieben", erzählte er einst der "Paris Review". "Drei Antworten habe ich bekommen. Zwei Absagen." Die "Springfield Union" in Massachusetts stellte ihn an.

Mammutwerk "Fegefeuer der Eitelkeiten" erschien als Fortsetzungsroman

Über einige andere Zeitungsjobs landete Wolfe schließlich in New York und bei der Belletristik. "Acht Monate lang saß ich jeden Tag an meiner Schreibmaschine und wollte das 'Fegefeuer der Eitelkeiten' anfangen und nichts passierte. Mir wurde klar, dass ich es nur schaffen kann, wenn ich mir eine Abgabefrist setze."

Das Werk über die Geldgier von Wall-Street-Bankern und Kredithaien erschien Mitte der 80er Jahre zunächst als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift "Rolling Stone" und wurde dann als Roman ein Welterfolg und mit Tom Hanks, Melanie Griffith und Bruce Willis verfilmt.

Später folgten Erfolge wie "Ein ganzer Kerl" und "Ich bin Charlotte Simmons" sowie zahlreiche Reportagen und Essays.

Selbstzweifel blieben bis zuletzt

Die Selbstzweifel seien geblieben, sagte der zweifache Vater Wolfe, der mit seiner Frau im 14. Stock eines eleganten Appartementhauses direkt am Central Park wohnte.

"Man geht jeden Abend ins Bett und denkt, dass man die brillantesten Seiten aller Zeiten geschrieben hat, und am nächsten Tag merkst du, dass es nur Gefasel ist. Manchmal auch erst sechs Monate später. Das ist eine konstante Gefahr."

Trotzdem sei ihm die Lust an seinem Job nie vergangen, sagte er einmal in einem Interview. "Der größte Spaß am Schreiben ist das Entdecken." (ank/dpa)