"Pinker Lippenstift, rosa Jogginganzug, blonde Dauerwelle"? Besser und prägnanter kann man sie nicht vorstellen und so begann im "Stern" denn auch die Story zum "Rücktritt" von Cindy aus Marzahn. Die prollige Langzeitarbeitslose mit schlechtem Geschmack und derbem Mutterwitz heißt mit bürgerlichem Namen Ilka Bessin (44).

Die Stand-Up-Komikerin aus Luckenwalde hat diese Kunstfigur um 2000 erdacht, erfunden und verkörpert. Elf Jahre lang. Eine Figur, deren Ende sie jetzt in einem Interview mit dem "Spiegel" verkündete. Ilka ist Cindy aus Marzahn. Genauer gesagt: war Cindy – und das mit vollem Körper-Einsatz, mit Leib und sehr viel Seele.

Das Ende der pinken Ära stimmt manchen Fan traurig, aber die Gründe, die Frau Bessin ins Feld führt, sind stichhaltig. "Wenn man sich elf Jahre lang Abend für Abend eine Perücke aufsetzt und einen pinkfarbenen Jogginganzug anzieht, muss man aufpassen, dass die Leute nicht irgendwann denken: Boah, ich kann den Scheiß nicht mehr sehen." (Spiegel) Und wie ein Warnung an sich selbst fügt sie hinzu: "Man darf so eine Figur nicht totspielen."

Warum hat diese Kunstfigur (nein, sie war nie echt!) so lange so wunderbar funktioniert? Weil die pfundige Wuchtbrumme mit dem losen Mundwerk der perfekte Gegenentwurf war zu all den rundgeschliffenen Moderatoren/innen, die mit ihrem Konsens-Gelaber die TV-Gemeinde bespaßen. Weil die fette Prinzessin sagen konnte, was man sonst vielleicht nur denkt. Weil sie dem Volk aus den Problemvierteln genau aufs Maul geschaut hatte und das laut vor einem Millionenpublikum hinausberlinerte.

Wir erinnern uns: Nach Anfängen im "Quatsch Comedy Club" begann Cindys große Zeit anno 2011 mit der Ausstrahlung ihres Live-Programms "Nicht jeder Prinz kommt uff'm Pferd" auf RTL. Es folgten: Ausverkaufte Tourneen, Assistentin von Markus Lanz bei "Wetten, dass?", "Mother of Big Brother" mit eigener Webshow im Netz, Vorlage für ein von Matthias Schweighöfer geplantes Biopic – spätestens zu diesem Zeitpunkt war Cindy längst ein nationales Phänomen geworden.

Doch die laute Stimme im Chor der notorischen Ja-Sager wurde nicht immer gerne gehört. Anwürfe im Netz (sie gehöre "zurückgef***t und abgetrieben") zeugen von der Dumpfheit dieser Schreiberlinge. Aber auch Kollegen sparten nicht mit Kritik. "Wenn du so wüst beschimpft wirst, sitzt du auch mal nur zu Hause und flennst", gesteht Ilka in ihrem ziemlich nachdenklichen "Spiegel"-Interview.

Die Verschmelzung der Darstellerin mit ihrer Figur war da natürlich schon sehr weit fortgeschritten, und wohl auch gewollt. Teilweise beruhte der Erfolg von Cindy auf der Vorstellung, sie sei echt. Kein Wunder, dass die Komikerin ihren Entwurf "Cindy aus Marzahn" wie eine "beste Freundin" empfand. Cindy konnte sagen, was Ilka nur dachte. Cindy konnte Mitleid für sich und andere einfordern, wo Ilka an der Kälte der modernen Welt direkt gescheitert wäre.

Doch je sensibler und politischer die dicke Dame aus Marzahn wurde, desto weniger Zuspruch fand sie beim breiten Publikum. Die wollen breit, die wollen Haudruff, die wollen die Mario-Barth-Keule. Die wollen keine hintersinnige Satire und kein politisches Kabarett, die wollen Comedy und basta.

Nun heißt es also "bye bye Cindy!", und Bessin beweist ob des Endes ihrer Figur Haltung: "Bei mir ging es eine Zeit lang extrem bergauf. Dann muss es auch mal den Berg runtergehen." Wir werden uns gerne an Cindys pinke Revolution erinnern und können Frau Bessin mit einem echten Lindenberg beruhigen: Hinterm Horizont geht es weiter ...

In diesem Sinne Euch allen einen erfolgreichen Wochenstart und Ahoi!
Euer Christian Schommers