Als "brillanter Comedian, der uns lächeln ließ", wird Bill Cosby beschrieben. Doch vor einer Verurteilung retten können Gags den einst so ulkigen Schauspieler nicht. Beim Strafprozess wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe wirkt Cosby gefasst und selbstsicher.

Keisha Knight Pulliam hätte wohl kaum geahnt, dass sie ihren Schauspielerkollegen Bill Cosby Jahre später unter diesen Umständen wiedersehen würde.

Als fiktive Tochter Rudy hatte sie an der Seite von Sitcom-Familienvater Cliff Huxtable in der "Bill Cosby Show" gespielt, die den Entertainer in den 1980er und 90er Jahren beliebt, berühmt und reich machte.

Der Royal beginnt ein Polo-Benefizspiel in Singapur mit einer Gedenkminute.

Nun steht sie vor einem Gerichtsgebäude im Städtchen Norristown in Pennsylvania an seinem Geländewagen, um ihn unterzuhaken und zum Eingang zu führen. Anlass: Cosbys erster Strafprozess wegen mutmaßlicher sexueller Nötigung.

Pulliam an Cosbys Seite

Der 79-Jährige wirkt etwas schwerfällig, aber selbstsicher, als er sich von seinem Assistenten aus dem Auto helfen und das passende dunkle Anzugjackett überstreifen lässt.

Er lächelt, plaudert mit Pulliam, lässt seinen Gehstock ein paar Mal an seinen rechten Knöchel tippen.

Auf Zurufe aus der Reporter-Schar reagiert er nicht. Bill Cosby sieht an diesem Montagmorgen nicht aus wie ein Mann, der sich kurz vor einer Verurteilung zu einer jahrelangen Haftstrafe fühlt.

Zahlreiche Vorwürfe gegen Cosby

60 Frauen haben Cosby sexuelle Übergriffe vorgeworfen, strafrechtliche Folgen hatte bislang keiner dieser mutmaßlichen Fälle.

Gegenstand des laufenden Verfahrens sind sie bis auf eine einzige Ausnahme (die Verteidiger wollen eine Frau aussagen lassen, die von einem ähnlich gelagerten Fall berichten soll) auch nicht.

Es geht einzig und allein um Andrea Constand, der Cosby einschläfernde Tabletten verabreicht und sie sexuell missbraucht haben soll.

Und doch wirkt dieser Prozess stellvertretend für die ganze Masse an Anschuldigungen gegen Cosby - und irgendwie auch allgemein für die unzähligen Fälle von Vergewaltigungen, die zu oft stillschweigend hingenommen oder nicht strafrechtlich verfolgt werden.

Umso gründlicher scheint Richter Steven O'Neill die Geschworenen belehren zu wollen, die über Cosbys Schicksal entscheiden müssen, als diese zum ersten Mal im voll besetzten Saal Platz genommen haben.

"Sie müssen sehr genau verfolgen, was im Lauf des Verfahrens gesagt wird", sagt O'Neill in seiner einstündigen Erklärung.

Geschichte der Serie wird nach 23 Episoden enden.

Mit fester Stimme stellt er klar: "Sie sind für eine der wichtigsten Bürgerpflichten ausgewählt worden." Cosby hat sich der Gruppe zugewandt - sehen kann er sie nicht. Eigener Aussage zufolge ist er mittlerweile blind.

Staatsanwaltschaft von Cosbys Schuld überzeugt

Zweifel an Cosbys Unschuld und seinen Übergriffen auf Constand gibt es aus Sicht der Staatsanwaltschaft kaum. "Es gibt keinen Zweifel, dass er ihr eine Pille gab. Es gibt keinen Zweifel, dass er mit ihr sexuellen Kontakt vornahm, nachdem sie diese Pille einnahm", sagt Staatsanwältin Kristen Feden.

Sie zeichnet das Bild eines mächtigen TV-Stars, der seinen Einfluss und seine Berühmtheit an der Temple Universität ausnutzte, um sich an Frauen zu vergreifen. "An der Temple war Bill Cosby eine Legende", sagt Feden.

Und auch Constand habe zu ihm aufgeschaut, dem mehr als 30 Jahre älteren, erfahrenen Mann. "Sie glaubte an eine ehrliche Freundschaft, eine ehrliche Vorbildfigur, aber sie irrte sich."

Bis ins kleinste Detail dürften Feden und ihr Kollege Kevin Steele im Lauf der nächsten zwei bis drei Wochen ausführen, was sich an jenem Abend im Januar 2004 in Bill Cosbys Haus abgespielt haben soll. "Nachdem Andrea diese Tabletten nahm, wurde ihr schwindelig und übel. Er half ihr zur Couch, legte sie hin. Während sie das Bewusstsein verlor und wiedererlange, wurde sie Zeuge, wie ihr Körper für seine sexuelle Befriedigung benutzt wurde."

Verteidigung versucht es mit emotionalem Plädoyer

Cosbys Verteidiger Brian McMonagle versucht nach diesem emotionalen Eröffnungsplädoyer die Jury kumpelhaft auf seine Seite zu ziehen. "Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber...", beginnt er sein Plädoyer.

Wen sie in Bill Cosby sehen würden? "Möglicherweise sehen Sie einen brillanten Comedian, der uns zu Zeiten in unserem Leben lächeln ließ, als es vielleicht schwierig war, zu lächeln. Jemand, der das Größte erreicht hat und jemand, der eine nicht auszuhaltende persönliche Tragödie erlitten hat."

Klage gegen Schauspieler wegen "widerrechtlicher Tötung" eingereicht.

McMonagle erinnert daran, dass viele von Constands Aussagen bei der Polizei widersprüchlich gewesen seien, dass sie Details ausgelassen und später ergänzt habe.

13 Jahre hat es gedauert, bis dieser eigentlich abgeschlossene Fall vor einem Strafgericht gelandet ist, nachdem Constand und Cosby sich 2006 außergerichtlich geeinigt hatten.

Eine Verurteilung würde den späten Cosby bei vielen Amerikanern endgültig in Ungnade fallen lassen. "Lassen Sie dieses Verfahren seinen Lauf nehmen", bittet O'Neill die Zuschauer mit Blick auf Verhaltensregen im Saal. "Ich kann nicht unterstreichen, wie wichtig das alles ist."  © dpa