Politiker verurteilen das Titelbild als Schande, Händler boykottieren das Magazin - und über Social-Media-Plattformen schwappt eine Flut an zornigen Kommentaren. Der amerikanische "Rolling Stone" sorgt mit seinem aktuellen Cover für einen Eklat.

Terrorist oder Popstar?

Das US-Musikmagazin sorgt damit für eine Welle der Empörung.

Auf den ersten Blick ist es ein "Rolling Stone"-Cover wie so viele. Es zeigt einen jungen Mann mit langen Locken, unrasiert, mit großen dunklen Augen, ganz der sympathische, melancholische Indie-Künstlertyp à la Adam Green. Erst auf den zweiten Blick wird klar: Der Mann ist kein Musiker - sondern der mutmaßliche Attentäter, der im April den tödlichen Bombenanschlag beim Boston-Marathon verübt haben soll. Der US-"Rolling Stone" hat Dschochar Zarnajew zum Coverstar gemacht und damit eine heftige Welle der Empörung provoziert.

Tom Menino, Bürgermeister von Boston, verurteilte das Cover als Schande. "Unter den Überlebenden des Anschlags waren genug Künstler und Musiker. Die verdienen eine Story", schrieb der Bürgermeister in einem Brief an die Zeitschrift. "Nur denke ich, dass der 'Rolling Stone' es nicht mehr verdient, über sie zu schreiben." Der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, nannte das Titelbild "einfach nur geschmacklos".

Die heftigste Entrüstung entlud sich auf Social-Media-Plattformen: "Warum zeigt ihr ein romantisiertes Bild eines Monsters?", fragte ein Facebook-Nutzer. "Ihr verherrlicht den kaltblütigen Mörder unschuldiger Menschen", so eine weitere Lesermeinung. In über 15.000 Kommentaren kritisieren User das Cover als "sensationsgeile Geldmacherei", "abstoßenden Marketinggag" und als "Ohrfeige für die Opfer". "Ihr seid als Musikmagazin gescheitert – ihr seid eine Zeitschrift ohne Herz", schrieb eine Userin. Ein anderer Leser erklärte, sein seit 1972 bestehendes Abo zu kündigen. Diesem Beispiel folgten den Kommentaren zufolge zahlreiche weitere Abonnenten.

Auch im Handel stieß das Cover auf Empörung: Ketten wie CVS und Tedeschi Food Shops reagierten mit einem Verkaufsboykott der August-Ausgabe des renommierten Magazins. "Musik und Terrorismus vermischt man nicht", teilte Tedeschi mit.

Magazin beruft sich auf seine journalistische Tradition

Die Redaktion des amerikanischen "Rolling Stone" verteidigt ihr Covermotiv auf ihrer Webseite: "Die Titelgeschichte steht in unserer journalistischen Tradition. 'Rolling Stone' fühlt sich verpflichtet, gewissenhaft über alle wichtigen aktuellen politischen und kulturellen Themen zu berichten." Zarnajew sei im selben Alter wie viele Leser des Magazins. "Deshalb erachten wir es als besonders wichtig, uns eingehend mit dem Thema auseinanderzusetzen, um zu verstehen, wie diese Tragödie passieren konnte."

Auch die deutsche "Rolling Stone"-Redaktion nahm zur Diskussion Stellung und bezeichnete sie in einem Onlineartikel als "letztlich eine ästhetische Debatte, die in einer langen Tradition der Covergeschichten über Terroristen steht. Von Carlos ('Der Schakal') bis zu den Mitgliedern der deutschen RAF. Eine Diskussion, die mit den üblichen schrillen Tönen geführt wird."

In den über vier Jahrzehnten seines Bestehens zeigte die US-Zeitschrift neben Popstars auch andere Personen aus Popkultur und Politik auf seinen Covers. 1970 veröffentlichte die Zeitschrift einen ähnlich provokanten Titel mit Charles Manson.

Bei dem Bombenanschlag im Umfeld des Boston-Marathons im April 2013 wurden drei Menschen getötet und über 260 Menschen verletzt. Dschochar Zarnajew soll den Anschlag mit seinem Bruder verübt haben. (cgs)