Vor 30 Jahren lief die erste Folge der "Simpsons" im US-Fernsehen – der Beginn einer einzigartigen Erfolgsgeschichte. Mittlerweile ist die 700. Folge in Planung, die Springfield-Sippe ist fester Bestandteil der Popkultur und hat eine ganze Ära der TV-Unterhaltung geprägt. Unser Autor erklärt, warum "Die Simpsons" für ihn nie langweilig werden.

Christian Stüwe
Meine Meinung
von Christian Stüwe, Freier Autor

Marge und Homer sind spät dran. Mit quietschenden Reifen lenkt Homer das Familienauto im Schnee zur Springfielder Grundschule, wo eine Aufführung der Schulkinder bereits begonnen hat. Mit Schwung parkt er das Auto in einem Schneehaufen, die beiden rennen in die Schule.

So beginnt die erste Folge der ersten Staffel von „Die Simpsons“, die auf dem US-Fernsehsender Fox vor 30 Jahren, am 17. Dezember 1989, TV-Premiere hatte. In Deutschland war die Serie am 13. September 1991 erstmals zu sehen, im Gegensatz zu den USA startete das ZDF aber nicht mit der ersten Folge "Es weihnachtet schwer", sondern stieg mit der vierten Folge "Eine ganz normale Familie" ein.

Ich bin mir ziemlich sicher, die ZDF-Premiere damals gesehen zu haben. Wirklich beeindruckt war ich nicht, es war keine Liebe auf den ersten Blick zwischen den Simpsons und mir. Und wie mir ging es anscheinend vielen, auch das ZDF verlor relativ schnell das Interesse, die Rechte wechselten zu ProSieben, wo "Die Simpsons" bis heute fast täglich zu sehen sind.

Simpsons: Startschwierigkeiten in den ersten beiden Staffeln

Dass die Serie ein gigantischer Erfolg werden sollte, war damals noch nicht abzusehen. Die Figuren waren recht grob gezeichnet und deutlich schlechter als heutzutage animiert.

Auch die Handlung war noch belangloser und weniger durchdacht, die Serien-Macher um Matt Groening brauchten zwei Staffeln Anlaufzeit, um mit den Simpsons richtig durchzustarten.

Ab der dritten Staffel wuchsen mir die Hauptfiguren Homer, Marge, Bart, Lisa und Maggie ans Herz, auch die Nebenfiguren gewannen an Profil und Tiefe. Barbesitzer Moe Szyslak etwa oder der schwerreiche Kernkraftwerksbesitzer Monty Burns, der verfressene, faule Polizeichef Wiggum und sein einfältiger Sohn Ralph, sowie der zu Depressionen und Alkohol neigende Clown Krusty. Um nur einige zu nennen.

Ab Staffel drei brachte die Serie dann auch zeitlose Klassiker wie "Einmal als Schneekönig", "Homer und New York", "Der behinderte Homer" und "Homers merkwürdiger Chili-Trip" hervor.

Was alle diese Folgen gemeinsam haben? Genau. Homer Simpson, Sicherheitsinspektor im Sektor 7G des Springfielder Kernkraftwerks, steht im Mittelpunkt des Geschehens.

Homer als perfekter Antiheld

Homer ist vielleicht der Hauptgrund, warum ich "Die Simpsons" liebe. Er ist ein Chaot, ein übergewichtiger Arbeitsverweigerer, ein Trinker, ein Vater, der seinen Sohn als erzieherische Maßnahme regelmäßig würgt.

Und doch hat der Antiheld das Herz am rechten Fleck, ohne zu zögern stürzt er sich von einem Abenteuer ins nächste, mehrfach landet er im Gefängnis oder auf der Intensivstation, er wird Profi-Boxer, Eisverkäufer, Monorailfahrer und sogar Astronaut.

"Dumme Risiken machen das Leben erst lebenswert", erklärt er in einer Folge seiner Tochter Lisa. Eine der vielen Simpsons-Weisheiten, die immer wieder gerne zitiert werden und an denen sich Simpsons-Fans sofort erkennen.

Den Weltmeister Deutschland prophezeit

Obwohl die Figuren in der Serie nicht altern, halten "Die Simpsons" seit 30 Jahren mit dem Zeitgeist Schritt und geben sich dabei sehr gesellschaftskritisch. Die Republikaner sind ein beliebtes Opfer der Serien-Autoren, das Militär, Großkonzerne wie Apple oder Facebook ebenso.

Selbst der Fußball-Weltverband FIFA und seine Skandale waren in der Folge "Homer, die Pfeife" Thema: Homer muss als Schiedsrichter bei der WM in Brasilien den Bestechungsversuchen südamerikanischer Verbrecher widerstehen.

Ausgestrahlt wurde die Folge erstmals im Frühjahr 2014, inklusive eines Spiels zwischen Deutschland und Brasilien, das die Deutschen gewannen und Weltmeister wurden. Was wenig später dann ja auch tatsächlich passierte.

Es war nicht das erste Mal, dass "Die Simpsons" ihrer Zeit voraus waren. Bereits im Jahr 2000 war vom US-Präsidenten Donald Trump die Rede, der Tigerangriff, bei dem Roy vom Magier-Duo "Siegfried & Roy" 2003 schwer verletzt wurde, fand bei den Simpsons schon 1993 statt.

Es gibt Duff-Bier im Supermarkt

Die Prophezeiungen sind ebenso Teil des Simpsons-Mythos wie die Auftritte der Gaststars. Mehr als 600 Prominente liehen bis heute ihren gelben Serien-Abbildern die eigene Stimme, darunter etwa die Rolling Stones, Justin Timberlake oder Astrophysiker Stephen Hawking, der sich selbst als großer Simpsons-Fan bezeichnete.

In den USA lief gerade die 31. Staffel, die 32. Auflage von "Die Simpsons" ist in Planung. Die 700. Folge ist also nicht mehr fern, nie lief eine Zeichentrick-Serie länger im Fernsehen. Das Budget pro Folge liegt mittlerweile bei einer Million Dollar, sechs Monate wird an den knapp 20-minütigen Folgen gearbeitet.

Das Merchandising rund um die Serie ist gigantisch, sogar Duff-Bier kann man mit etwas Glück im Supermarkt finden. Selbst den Sprung auf die Kino-Leinwand schafften "Die Simpsons" 2007 erfolgreich.

Mit ihrer Mischung aus Slapstick, Gesellschaftskritik und dem Porträt einer amerikanischen Familie ist den Serien-Machern ein außergewöhnliches Erfolgsrezept gelungen. Auch wenn hier nicht verschwiegen werden soll, dass die Luft ein wenig raus ist.

Zu wenig Neues boten mir die letzten Staffeln, nur sehr vereinzelt reichen die Folgen an die Klasse früherer Tage heran. Die Einschaltquoten in den USA sinken.

Was mir aber letztlich völlig egal ist. Denn sobald ich zum gefühlt 27. Mal "Homer in New York" im Vorabendprogramm sehe, blüht die Liebe zu den Simpsons wieder auf.

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