"Sissi" erzählt die Liebesgeschichte zwischen Elisabeth von Österreich-Ungarn und Kaiser Franz Joseph I. als heimatliche, ganz und gar unpolitische Romanze. Ein Rückblick auf einen wundervoll kitschigen Film, der Glanz und Gefühl über die Zwänge der Geschichte setzt.

"Ach, Franz", seufzt die junge Elisabeth ihren geliebten Franz Joseph an. "Es wär alles so schön, wenn du kein Kaiser wärst!" So ganz richtig liegt sie damit aber nicht: Schön wäre es vielleicht für das Liebesglück der beiden, aber nicht für den Zuseher.

Heimatfilm statt Geschichte

60 Jahre ist es mittlerweile her, dass dieser Reigen aus Glanz und Gefühl das erste Mal gezeigt wurde. Am 21. Dezember 1955 wurde in Wien die Weltpremiere von "Sissi" gefeiert, und der Film gehört zusammen mit seinen beiden Fortsetzungen zu den größten Erfolgen des deutschsprachigen Kinos.

Bis heute prägt er das Bild der Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, die sich hier so zuckersüß Hals über Kopf verliebt und zwischen Zuneigung und adeliger Etikette die Orientierung behalten muss.

Gerne wurde und wird dem Film von Ernst Marischka vorgeworfen, er sei historisch nicht genau. Aber wie könnte er es sein? Und warum sollte er? "Sissi" erzählt die Geschichte von Franz Joseph und seiner jungen Braut Sissi als Romanze im Stil vom "Förster vom Silberwald" und den vielen anderen Heimatfilmen der Fünfziger Jahre: Aufrichtige Gefühle keimen zwischen satten Wiesen und malerischen Bergen auf, die Stimmung ist versöhnlich und herzlich, das private Glück überstrahlt alles andere.

Unpolitischer Zeitgeist

So unpolitisch, wie die Geschichte aufgezogen ist, liegt der Gedanke tatsächlich nicht fern, dass das Kaiserrolle von Franz ausblendbar sein könnte. "Gewiss, ich bin Kaiser von Österreich, Herr eines mächtigen Landes", erklärt er seiner Sissi an einer Stelle. "Ich nehme meine Pflichten sehr ernst, Sissi. Ich werde nicht viel Zeit für meine Frau haben. Und trotzdem, Sissi, wär' ich glücklich, eine Frau neben mir zu haben, wie du es bist". Es ist die aufrichtige Liebeserklärung eines Mannes, der leider immer wieder Überstunden im Büro schieben muss.

Sissis Dilemma ist dabei auch ganz persönlicher Natur: Eigentlich soll sich ja ihre Schwester Helene mit Franz verloben – und diesem Glück möchte sie nicht im Wege stehen. Nicht einmal dann, als sie erfährt, dass die Kaiserliche Hoheit gar nicht so hingerissen ist von seiner Versprochenen. "Wie kann man sich denn mit jemandem verloben, den man gar nicht liebt?", fragt Sissi ihn. Franz Joseph erklärt ihr, wie das mit dem Kaisersein funktioniert: "Das kommt in unseren Kreisen öfters vor."

Man merkt in solchen Momenten immer wieder, wie sehr "Sissi" ein Produkt der 60er Jahre ist: Die Gedanken, die geäußert werden, entstammen dieser Zeit und nicht dem Jahr der Handlung, 1853. Ganz zu schweigen vom Zeitgeist: Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die Menschen eine heile, überschaubare Welt im Kino sehen.

So erstrahlt das Land auch in "Sissi" in prächtigen Farben und sonnigem Glanz. "Ein schönes Land ist deine neue Heimat", findet auch Sissis Vater, der bayrische Herzog Maximilian Joseph. Die Inszenierung hat ihm das herrliche Österreich schon vorher direkt vor die Nase gesetzt: Der angebliche Starnberger See, an dem er haust, wird vom schönen Fuschlsee gedoubelt.

Eifrige Polizisten und waschechte Bayern

Ganz Heimatfilm sind auch die charmanten Nebenfiguren, die für entspanntes Schmunzeln sorgen dürfen. Da ist der dienstbeflissene Major Böckl, der in der kleinen Sissi eine Attentäterin vermutet und ihr vergeblich hinterherhetzt – abgelenkt unter anderem von Kaiser Franz, der ihn, um Sissi einen Vorsprung zu geben, ausgiebig nach dem Wetter befragt. In einer Szene auf dem Postamt haut er empört mit der Faust so nachgiebig auf den Tisch, dass er dabei ein Telegramm abschickt.

Ein knuffiger Komödiant ist auch Franz' Vater, der Erzherzog Franz Karl. Im wirklichen Leben war er ein großzügiger, kulturinteressierter Mann, in "Sissi" ist er ein lieber alter Onkel, der vorgibt, schwerhörig zu sein, und jede Entwicklung mit den Worten "Na bravo" kommentiert.

Und vergessen wir nicht Sissis Vater, den waschechten Bayern, der mit dem adeligen Getue gar nichts anfangen kann: "Das war mir auch immer zum … Abgewöhnen". Herzog hin oder her, Max spielt eben gern mit seinen Freunden Kegeln und genießt dabei sein Bier.

Romy und der Grießbrei

Herzstück des beschwingten Miteinanders ist aber natürlich die herzallerliebste Romy Schneider. 16 Jahre alt war sie damals, also nur unwesentlich älter als ihre Filmfigur, und von solch entwaffnender Offenheit, von solch liebreizender Unschuld, dass sie sich direkt ins Herzen des Publikums spielte. Es ist bekannt, wie sehr sich Schneider gegen die Popularität der Rolle sperrte: "Das pappt ein Leben lang wie Grießbrei an mir", sagte sie einmal. Es stimmt, dass sie stets mit Sissi in Verbindung gebracht wurde – aber viele Schauspielerinnen haben das Glück gar nicht, die Zuseher so intensiv zu erreichen.

Und so wäre es natürlich gar nicht schön, wenn Franz kein Kaiser wäre. Dann würden wir heute wohl kaum von "Sissi" reden. Oh ja, der Film ist honigsüßer Kitsch – aber er ist auch eine herzliche Romanze, die mit einnehmendem Charme ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Wen interessiert die historische Elisabeth, wenn er stattdessen diese so wohlig schimmernde Fantasie haben kann?