Der Bremer "Tatort" ist ja nicht unumstritten: Zu dick aufgetragen, zu abstruse Geschichten, zu viele Verschwörungstheorien, so die Vorwürfe vieler Kritiker. Nun lief also "Er wird töten". Und man muss zugeben: Dieser Fall war anders. Sehr bedrückend.

Verjüngungskur für den "Tatort"

So sieht das junge Ermittlerteam aus Erfurt aus.

Inga Lürsen (Sabine Postel) und ihr Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) finden sich in einem nächtlichen Psychothriller wieder. Und schon nach wenigen Minuten muss der Zuschauer schlucken, weil das Blut spritzt: Lürsens Lover, der einige Jahre jüngere Leo (Antoine Monot, Jr.), wird hinterrücks erdolcht. Er liegt auf dem Revierklo, in seinem eigenen Blut. Tot. Was für ein Schock. Kein Fünkchen Spaß ist da dabei. Kein bisschen Leichtigkeit oder gar Humor, wie bei den Münsteranern. Im Gegenteil: Der Bremer Fall ist traurig. Und das ist gut so!

Verwirrt von den Neuerungen beim ARD-Kultkimi? Wir klären auf.

Interessant ist ja, dass es wohl immer mehr zum guten Ton der "Tatort"-Krimis gehört, eigenwillige Gastermittler in die Storys einzubauen. Die Fans scheinen diese schrulligen Personen mit Handkuss anzunehmen. So erreichte etwa Fabian Hinrichs in der Münchner Ausgabe "Der tiefe Schlaf" als Kommissar Gisbert Engelhardt rasend schnell Kultstatus – in Foren und sozialen Netzwerken wurde schon seine Rückkehr gefordert. Vergleichbares gilt für Antoine Monot, Jr. ("Männerherzen", "Absolute Giganten", "Das Experiment").

Er war schon in der letzten Bremen-Episode "Puppenspieler" der junge Liebhaber von Inga Lürsen und mit seiner Art eine reichlich merkwürdige Ermittlerfigur. Zugegeben: So ganz vorstellen konnte man sich zwar schon damals nicht, dass eine Frau wie Lürsen sich tatsächlich in einen Mann wie Leo Uljanoff verliebt. Sie: kühl, brav, ordentlich. Er: kauzig, langhaarig-zottelig, komische Worte sprechend. Aber gut, Geschmack ist das eine, Spannung das andere – und davon gibt es reichlich in "Er wird töten".

Trauma, Trauer, Schuld, Verlust und Düsternis – das sind die Dinge, die in diesem "Tatort" schwer wiegen und den Zuschauer mit Kloß im Hals weitergucken lassen. Lürsen – geschockt über Leos Tod – ermittelt tapfer. Sie will unbedingt selbst den Mörder ihrer neuen Liebe finden. Mal mit Tränen in den Augen, mal wie ferngesteuert. Auf jeden Fall ziemlich bewegend für den Zuschauer. Sie kann sich gar nicht richtig über die Rückkehr ihres traumatisierten Kollegen Stedefreund aus Afghanistan freuen. Und dann ist es auch noch eigentlich durchgehend Nacht oder zumindest dunkel in dem "Tatort". Nein, leichtverdaulich ist der Film nicht.

Erst am Ende wird es Tag in Bremen. Als die paralysierte Marie (Annika Kuhl) gesteht, dass sie sowohl ihre Tochter als auch Leo auf dem Gewissen hat. Als klar wird, dass ihr Ex-Mann Joseph (Peter Schneider) – lange Zeit der Hauptverdächtige – sieben Jahre unschuldig im Gefängnis saß. Als Leo beerdigt wird. Inga Lürsen kann in Ruhe trauern. Und der Zuschauer auch.

Wir haben den schrulligen Kommissar Leo Uljanoff doch so schnell ins Herz geschlossen. Und man hätte sich schon sehr für Inga Lürsen gefreut, wenn sie in Liebesdingen einmal Glück gehabt hätte. So bleibt zu hoffen, dass beim nächsten Mal nicht wieder Verschwörungstheorien, verworrene Plots und zu dick aufgetragene Geschichten erzählt werden. Ohne Leo. Ohne Monot.