Ach du dickes Ei: RTL II will mit "Curvy Supermodel" beweisen, dass auch dicke Menschen Models sein können. Dabei war auch in der aktuellen Folge von dicken Menschen weit und breit nichts zu sehen. Und genau das ist das Problem.

Mensch, was können wir froh sein. Nachdem ProSieben mit "Germany's Next Topmodel" nun schon seit zehn Jahren das Schönheitsideal junger Frauen verheidiklumisiert, entdeckt jetzt RTL II endlich all diejenigen, die bislang an der BMI-Schranke von "GNTM" hängen geblieben sind: die Plus-Size-Models.

Denn, so heißt es auf der Webseite von "Curvy Supermodel" über die Show, "der neue TV-Wettbewerb zeigt, dass sich Schönheit nicht mit dem Maßband messen lässt." Guck mal einer an. Wer hätte das gedacht? Aber wir wollen nicht maßlos sein, sondern dankbar, dass sich endlich ein Sender dieser unterrepräsentierten Model-Art angenommen hat. Zugegeben, bei RTL II hätten wir die Rächer der Genährten am wenigsten erwartet, aber sei's drum. Hauptsache, jemand kümmert sich endlich auch um dicke Models.

Dicke Models – wo gibt es denn sowas?

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Doch Moment mal! Dicke Models? Davon war nie die Rede! "Curvy Models" heißt das. Oder "Models mit gesunden Rundungen." Aber nicht dick. Bloß nicht. Dick ist nicht einfach nur ein Körpermerkmal wie groß, klein oder rothaarig. Dicksein ist ein Makel. Wer dick ist, so die Mehrheitsmeinung, der ist faul, unsportlich, ohne Ehrgeiz – und vor allem selbst schuld.

Dass so eine Sichtweise ebenso dumm wie weit verbreitet ist, wird jeder wissen, dessen BMI nicht den Vorgaben von Frauenzeitschriften entspricht und der jeden Tag durch die Spießruten der Dünnen laufen muss. Also verbirgt man sich in der Modewelt und bei RTL II hinter Begriffen wie curvy, stark, plus-size, kräftig, große Größen und ähnlichem Nonsens. Aber dick ist hier natürlich niemand.

Umso erstaunlicher daher, dass sich "Curvy Supermodel" auch in der gestrigen Folge wieder in der Rolle der BMI-Therapeuten sieht. Gleich zu Beginn müssen sich die angehenden Models die Beleidigungen, mit denen sie all die Jahre zuvor gequält wurden, auf ihre Körper schreiben und damit auf dem Münchener Opernplatz für ein Shooting posieren, um die Geister der Vergangenheit loszuwerden, wie Juror Harald Glööckler meint. Laienpsychotherapie mit Benetton-Werbekampagne-Ästhetik.

"Suboptimal zum Arbeiten"

"Curvy Supermodel" will anders sein als GNTM - ist es aber nicht.

Nur wenig später wird ebenjener Glööckler mit seinen Jury-Kollegen einige der angehenden Models dafür tadeln, dass sie sich nicht dem für sie vorgesehenen Frisuren-Diktat unterwerfen wollen. Mit Sätzen wie "Sie sieht jetzt viel hochwertiger aus als vorher", "Bei Céline war kein Umstyling nötig, da war alles perfekt so wie es ist" oder "Deine Länge ist eigentlich suboptimal zum Arbeiten für uns" wird den Damen beigebracht, dass das, was eben noch in der Münchener Fußgängerzone galt, nämlich Selbstbewusstsein, Haltung und Würde, gar nicht mehr so wichtig ist, wenn das Model die Wünsche der Jury oder gar des Kunden befriedigen soll.

Und weil Julia ein bisschen zu viel gemault hat, darf sie auf Einladung der Jury nach der gestrigen Folge die Heimreise antreten. Feenja hingegen fehlt laut Jury "Leidenschaft für diesen Beruf". Ein Satz, den Heidi Klum nicht besser hätte formulieren können. Denn "Curvy Supermodel" ist nichts anderes als "Germany's Next Topmodel", nur eben mit dickeren Models, Entschuldigung, mit Models mit noch gesünderen Rundungen. Auch hier gibt es die gleiche dusselige Storyline mit den üblichen Zickereien, Shootings, der Model-Villa, Haarschneide-Dramen und dem obligatorischen Entscheidungswalk mit anschließendem Heimreise-Ticket.

Curvy Model Heidi Klum?

Glööckler wettert vor Start seiner Show für mollige Models gegen Modewelt.

Würde die Show tatsächlich wie sie verspricht, etwas für das Körperselbstbewusstsein junger Frauen tun wollen, dann würde sie sich nicht hinter modeindustriellen Platzhalterwörtern verstecken. Eine Gisele Bündchen und ja, auch eine Heidi Klum, dürfte man objektiven Auges sicher auch als Frauen mit "gesunden Rundungen" bezeichnen, beide wären aber mit Sicherheit empört, würde man sie in die Kategorie "Curvy Supermodels" stecken.

Wäre es tatsächlich egal, wie viel Bauchfett man herumträgt, dann würden die "Curvy Supermodels" bei "Germany's Next Topmodel" mitlaufen, so unnötig diese Show auch ist. Stattdessen sitzen sie am Katzentisch bei RTL II und müssen ihre Mobbing-Vergangenheit von Motsi Mabuse und Harald Glööckler wegtherapieren lassen.

Aber ungestraft dick sein zu dürfen, ist eben immer noch kein Normalzustand, weder im Fernsehen noch im echten Leben. Wer dicker ist als andere, ist immer noch der Depp, auf den alle herabschauen können. Dick als bloßes Körpermerkmal ohne irgendeine Wertung? Eine ferne Utopie. Da hilft auch kein Curvy- oder Plus-Size-Gerede. Und erst recht keine RTL II-Show wie "Curvy Supermodel".

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