Das Dschungelcamp ist wie das erste Auto, die große Liebe, Raider statt Twix: In der nostalgischen Verklärung der Vergangenheit erscheint alles viel großartiger als es wirklich ist. Dabei ist die aktuelle Staffel von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" genauso öde und spannend zugleich wie die vorherigen Ausgaben. Denn erst im Endspurt zeigen die Prominenten immer, was wirklich in ihnen steckt.

Hach, was ist das langweilig. Kein Streit, keine Zickereien, keine dämlichen Sprüche. Das liest man dieser Tagen überall, ob in der "Bild", der "Süddeutschen Zeitung" oder der "Bäckerblume"; suchen Sie sich das Qualitätsmedium Ihres Vertrauens aus. Das ist natürlicher vollkommener Quatsch. Das Dschungelcamp 2015 unterscheidet sich nicht großartig von seinen Vorgängern. "Aber im letzten Jahr gab es doch Larissa ...!" Stimmt. Die nervige "Germany's next Topmodel"-Teilnehmerin, die die ersten Tage unerträglich war, jede Prüfung versemmelte und am Ende fast gewonnen hätte, weil den anderen C-Promis auch irgendwann auffiel, dass sie unerträglich ist.

"Und was ist mit Helmut Berger?" Ja, den gab es auch. Den ehemals großen Visconti-Schauspieler, von dem zwar niemand einen Film gesehen hat, aber der immerhin mal "der schönste Mann der Welt" war. So wie unzählige andere auch. Der vor dem Einzug ins Camp für ordentlich Promo sorgte und dann nur noch schnaufend in einer Ecke des Dschungels lag.

Der Dschungel ist überall

Sie verstehen, was ich sagen will: Eigentlich ist alles wie immer. Was sich tatsächlich verändert hat, ist die Berichterstattung. Selbst die altehrwürdigen Tageszeitungen mit vermeintlicher intellektueller Hoheit berichten täglich. Fernsehen, Radio, Internet - der Dschungel ist überall. Natürlich war das auch vorher so. Aber der Trubel wird größer. So wie die großen Fußballturniere in den letzten Jahren zu einem Ballermann-Massenphänomen angewachsen sind, ist "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" heute ein Ereignis, dem man nicht mehr entkommen kann. Und mit mehr Aufmerksamkeit steigen auch die Erwartungen.

Aber wie das eben so ist mit Erwartungen: Sie werden meist nicht erfüllt. Von dem Kabarettisten und Liedermacher Rainald Grebe gibt es dazu ein paar schöne Zeilen, die es auf den Punkt bringen: "Früher war alles besser. Das heißt mit anderen Worten: Gestern ging es uns besser als heute. Das heißt aber auch: Heute geht es uns besser als morgen. Und viel besser als übermorgen. Und Überübermorgen. Das heißt also: So gut wie heute wird es uns nie wieder gehen."

Natürlich erscheinen uns die vergangenen Staffeln des Dschungelcamps viel amüsanter, viel abwechslungsreicher. Weil sie in der Vergangenheit liegen und wir sie verklärt nostalgisch betrachten. Dabei hat sich eigentlich wenig verändert. Die großen Momente, es gibt sie immer noch in diesem Dschungelkindergarten.

Etwa, als Maren Gilzer beim Buchstabieren scheitert. Sie, die sich eine Karriere mit dem Umdrehen von "ERNSTL" sicherte. Oder Walter Freiwald, der in Tränen ausbricht, weil eben jene "Glücksrad"-Fee mit seiner Familienplanung Deutschland gegen Brasilien bei der letzten Fußball-WM nachspielen will. Aber auch Aurelio Savina, der endlich einen dieser sinnfreien Sätze ausspricht, weswegen man ihn für diese Staffel eingekauft hat: "Manche wollen Wölfe sein. Und manche sind es." Aha.

Ablehnung, Verwirrung, Sympathie

Das alles ist aber nur das Vorgeplänkel für das große Finale. In der ersten Woche gilt es, Charaktere zu formen, die eine Entwicklung durchlaufen können. Maren, die nun ihre zickigen Seiten offenbart. Aurelio, der vom Schweiger zum Weichei mutiert. Und natürlich Walter Freiwald, das Meisterstück dieser Staffel.

Mehr als eine Woche zeigte uns RTL den wimmernden, den größenwahnsinnigen, den zynischen Walter Freiwald. Um uns nach der Karikatur eines gefallenen Teleshopping-Königs jetzt die sanfte Seite zu präsentieren. Den Walter, den seine Eltern nie liebten. Der sich versöhnlich an Maren heranschiebt, wenn auch vorsichtig (die Gefahr für die Weichteile ist schließlich noch immer da). Der seiner Frau Annette direkt in die Kamera gesteht: "Ein Stück von mir ist nicht da. Ich bin nicht komplett."

Ablehnung, Verwirrung, Sympathie. Eine ganz klassische Dramaturgie. Wen die Zuschauer zuvor gehasst haben, liebt es danach umso mehr. Denn bei all dem Gerede über die angebliche Metaebene von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" darf man nicht vergessen, dass dies in erster Linie eine Unterhaltungsshow ist. Und alles, was wir sehen, ist nur das, was wir sehen sollen. So funktioniert perfektes Fernsehen. Nichts wird dem Zufall überlassen, alles ist inszeniert. Fertig ist der nächste Dschungelkönig.