Das war sie nun also, die "Topmodel"-Folge, in der alle Mädchen ein Foto bekommen und niemand nach Hause muss. Trotzdem wurde Donnerstagabend geflennt, wo es nur ging. Und die Einzige, die wirklich Grund zum Weinen gehabt hätte, lächelt am Ende. Es ist zum Heulen.

Christian Vock
Eine Glosse
von Christian Vock, Freier Autor

Da stehen sie nun also, unsere Topmodels. Im künstlichen kalifornischen Regen, in schicke Kleidchen gewandet und wimmern wie die Schlosshündinnen. Was ist passiert?

Der geübte Topmodel-Gucker weiß es längst: Nichts natürlich. Genauer gesagt: Ein Shooting. Trauer wurde als Motto ausgerufen, warum erfahren wir später.

Plärren und "Germany's Next Topmodel" gehören ja ohnehin zusammen wie High und Heels. Ständig wird geflennt. An jeder Ecke. Wegen allem.

Die Mädels heulen, weil sie Heimweh haben, weil sie Streit haben, weil sie einen Job nicht bekommen, weil gerade irgendwas ungerecht ist, weil sie Angst haben, dass sie nicht weiterkommen, weil sie weiterkommen, weil sie nicht weiterkommen oder weil sie nur knapp weiterkommen. Irgendwas ist immer.

Feministen hätten bei GNTM Grund zum Weinen

Dabei hätten andere viel mehr Grund zum Weinen. Die Zuschauer zum Beispiel, die endlich einmal wieder gute Fernsehunterhaltung sehen wollen - genauso wie die TV-Kritiker. Feministen hätten Grund zum Weinen.

Und bei Klum'schen Sätzen wie "Ruh dich nicht auf deinem wunderschönen Gesicht aus" dürften auch Sprachästheten feuchte Augen bekommen. Nur die Klum selbst, Schirmherrin des ganzen Geheules, vergießt keine Träne. Nicht eine.

Am traurigsten aber dürfte dem Produzenten zumute gewesen sein, weil ihm wirklich gar nichts mehr Neues einfällt, aus dem er eine Geschichte machen könnte. Also ist diesmal einfach das Heulen selbst die Geschichte.

Diese Woche war nämlich große Familienzusammenführung. Und damit das freudige Treffen auch richtig zur Geltung kommt, muss dem Zuschauer zuvor klar sein, wie sehr die Topmodels ihre Familie und Freunde vermissen. Die Fallhöhe ist bei solchen emotionalen Szenen extrem wichtig!

Damit dann beim großen Hallo auch richtig geflennt wird, dürfen die Damen trainieren – womit wir wieder bei der Eingangsszene wären. Mit den schicken Kleidern. Und dem künstliche Regen.

Doch vor das Heulen-Üben hat der Topmodel-Gott das Heulen-Üben-Üben gesetzt. Also klemmen sich die Mädels in der Topmodel-Villa Zwiebeln auf die Augen und gucken traurige Filme.

Dabei denken sie auch an die Familie und sind traurig, weil die nicht da sein kann. Verständlich, schließlich "ist Familie das Wichtigste", wie Taynara erklärt. Als hätte sie ins Drehbuch gespitzt, dieses Lausemädchen!

Lebensretterin Heidi Klum

Aber nun husch ins Bett, damit sich bis morgen wieder genug Tränenflüssigkeit bilden kann! Bei Kim und Elena C. ist an Schlaf aber nicht zu denken.

Während die anderen Mädchen schlummern, sind die beiden nämlich mit Heidi Klum bei der amfAR-Gala in New York. Promis gucken. War ein Geschenk aus der vergangenen Folge.

Bevor Kim und Elena C. aber Selfies mit Leo DiCaprio machen können, bekommen sie noch Abendkleider. Nur ist das von Kim ein bisschen arg eng geraten.

GNTM-Kandidatin Kim ist richtig sauer auf die Model-Mama.

Zum Stehen reicht es, ansonsten muss sie sich zwischen sitzen und atmen entscheiden – beides gleichzeitig geht offenbar nicht. Doch da hat Heidi die rettende Idee: Sie machen das Kleid erst kurz vor der Gala zu.

Heidi macht den Düsentrieb

So viel Daniel-Düsentrieb-Gene lösen bei Kim größte Bewunderung aus: "Was für mich eigentlich ein Problem war, war innerhalb von 30 Sekunden komplett aus der Welt geschafft." Ja, die Heidi ist schon ein Tausendsassa.

Gala hin oder her – auch Kim und Elena C. müssen am nächsten Tag mit den anderen im Regen heulen. Die Heidi hat sich nämlich ausgedacht, dass die Mädchen beim wöchentlichen Shooting Gefühle zeigen sollen.

"Sie sollen einfach traurig sein und sich wirklich gehen lassen." Dazu müssen sich die Models vor einen schicken Oldtimer stellen und heulen, während es aus einem Schlauch auf sie herabregnet.

Also legt sich jedes Mädchen eine Strategie zurecht, damit die Tränen fließen. Dabei fällt offenbar niemandem auf, dass es so richtig wurscht ist, ob die Models wirklich heulen oder nicht, weil sie beim Shooting ja unter dem Gartenschlauch stehen und niemand ihre Tränen vom Regenwasser unterscheiden kann. "You won't know the rain from the tears in my eyes", wie der Dichter singt.

In Autos regnet es nicht

Und dann legen sich die Models so richtig ins Zeug und heulen sich die Augen aus dem Kopf. Bei Fata wurde aus Wut Trauer, Jasmin denkt an Mama und Papa, Kim an die Trennung der Eltern, Elena K. an die Geschwister und Lara an verloren gegangene Freunde und – o.k., wir sind jetzt bereit für die Familienzusammenführung.

Aber eine Sekunde noch, der Heidi fällt gerade etwas auf! Die Lara steht nämlich als einzige nicht im Regen, sondern sitzt im Auto, während das Wasser vom Dach perlt.

Heidi merkt an: "Sie hat jetzt nicht den Effekt vom Regen, sondern muss das komplett alleine machen da drinnen. Oh ja, sie weint!" Ach, jetzt hat die Heidi das mit dem Regen doch noch gemerkt.

Fata bleibt einsam

Jetzt aber endlich Family and Friends. Das große Familientreffen gerät dann aber doch recht vorhersehbar. Entscheidungs-Walk, Überraschung, Foto, fertig. Nur Fata hat sich den Abend sicher anders vorgestellt.

Bei ihr durften nämlich erst die Mutter und dann auch noch der Freund nicht einreisen, weil sie keine Visa für die USA bekommen haben. Oder wie Fatas Freund es per Videobotschaft formuliert: "Wie du aus eigener Erfahrung weißt, kommt man mit einem bosnischen Pass noch nicht mal ins Phantasialand."

Doch Fata bleibt bei dieser traurigen Botschaft so gefasst wie möglich und lächelt tapfer in die Kamera. Wenn das nicht mal wirklich zum Heulen ist.