Diversity! Personality! Ja, die Klum hat seit ein paar Staffeln neue Lieblingswörter. Deswegen findet sie gerade alles toll, was vielfältig ist. In der jüngsten Folge von "Germany's next Topmodel" sollen aber plötzlich wieder alle gleich sein: sexy, folgsam und bitte, bitte nicht selber denken!

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock

"Germany's next Topmodel" ist ja ein bisschen wie so eine Luftpolsterfolie. Alles ist glatt und makellos und wie all die kleinen Lufpölsterchen sehen am Anfang auch die Kandidatinnen alle gleich aus, sodass man gar nicht weiß, wer wer ist. Und dann kommt irgendwann die Klum und zerdrückt ein Luftpölsterchen nach dem anderen, bis nur noch kleine zerplatzte Seelen übrigbleiben.

Dabei hat sich die Klum so viel Mühe gegeben, dass unter all den Luftpölsterchen auch ein paar dabei sind, die eben nicht so aussehen wie alle anderen: ein etwas kräftigeres Pölsterchen, ein tätowiertes, eines mit krankheitsbedingtem Haarausfall und so weiter.

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Und was macht die Klum in der jüngsten Folge mit der ganzen Diversität? Sie wünscht sich, dass all die bunten Pölsterchen wie ein 1950er-Klischee-Sexsymbol aussehen und lässt sie deshalb als Marilyn Monroe die berühmte "Ups, mir fliegt das Kleidchen hoch"-Szene aus "Das verflixte 7. Jahr" nachstellen. Dass das Ganze in einem Glaskasten auf dem Walk of Fame in Hollywood passiert, muss wohl technische Gründe haben.

Also versuchen die Damen in dem Kasten irgendwie, die Windmaschine zu bändigen, die ihnen unablässig das Kleid nach oben bläst, während sie gleichzeitig mit den noch zur Verfügung stehenden Körperteilen sexy sein müssen.

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Mareike hat Stress mit Fotograf Yu Tsai

Während die einen ohne Mühe ein sexy Schnütchen ziehen, bahnen sich bei anderen Models erste Identitätsprobleme an: "Das mit dem Sexysein weiß ich nicht, ob ich das hinbekomme, weil ich eigentlich die Süße bin", erklärt Sarah P. vor dem Shooting. Ja Mensch, da hast du endlich eine Schublade für dich gefunden und dann ist es die falsche.

Das Gleiche gilt für Mareike, doch hier handelt es sich um ein Versehen. Mareike wollte eigentlich auch die Sexy-Schublade aufmachen, griff aber daneben und erwischte die Rotlicht-Schublade. Das meinte zumindest Sexy-Monroe-Shooting-Fotograf Yu Tsai und hielt mit seiner Meinung gegenüber Mareike nicht hinterm Berg.

In einer Art Feedback-Runde greift Heidi die Dissonanzen zwischen Mareike und Fotograf Yu Tsai nach dem Shooting noch einmal auf, woraufhin Mareike erklärt, dass sie doch bitte nicht als Prostituierte bezeichnet werden möchte, denn das sei respektlos.

Was andernorts sehr wahrscheinlich als legitime Bitte interpretiert worden wäre, sorgt bei "Germany's next Topmodel" hingegen für einen kleinen Wortwechsel über die Wirkung von bildhafter Sprache, an dessen Ende Heidi Klum den Diskurs brutalst möglich vereinfacht: "Und weißt du, was ich dann mache, wenn irgendeiner mir was sagt: Ich glaube, dann mache ich noch bessere Fotos."

"Interviewtraining" bei "Germany's next Topmodel"

Doch der Rotlicht-Streit sollte an anderer Stelle noch einmal zur Sprache kommen, in der Zwischenzeit arbeitet man im Schnittraum noch an einem Streit zwischen Maribel und dem Rest der Model-Meute. Erst einmal rein vorsorglich, man weiß ja nie, wann man so einen Streit nochmal gebrauchen kann. Irgendwann kommt sicher noch eine inhaltliche Durststrecke und dann kann man schnell einen Streit einstreuen und sagen: "Das bahnte sich ja schon seit längerer Zeit an."

Doch da naht auch schon das obligatorische Interview-Training. Diesmal hat man "Taff"-Moderator Christian Düren davon überzeugen können. "Ich will heute mal gucken, welches von den Mädels, die es bis hierhin geschafft haben, auch das Zeug dazu hat, wirklich dauerhaft in diesem Geschäft zu überleben", erzählt Düren über den Grund seines Daseins.

Also recherchiert Christian Düren, der den Journalismus "von der Pike auf gelernt hat", tagelang über den Hintergrund der Damen, spricht mit Experten, befragt Menschen, die die Models sehr gut kennen, fertigt in mühevoller Kleinstarbeit ein psychologisches Gutachten an und wälzt Vergleichsstudien über das Model-Business bis er wirklich sicher ist, das Ganze beurteilen zu können – sollte man nach so einer Aussage meinen.

Doch Düren entscheidet sich für eine noch seriösere Methode: Er klickt sich durch Instagram. Danach unterzieht er die Damen so lange einem "investigativen" Interview oder zumindest etwas, das er dafür hält, bis er ihre Persönlichkeit mit einem Hashtag zusammenfassen kann.

Lucy muss gehen

Und so flattern nach den Kurzgesprächen mit Düren den Damen Hashtags ins Haus: ein #Langweilerin für Anastasia, ein #Alphatier für Nadine, ein #Eisklotz für Maribel und so weiter. Mareike bekommt von Persönlichkeitsexperten Düren das Hashtag NoRolemodel verliehen, weil sie ihm zum einen von ihrem Streit mit dem Fotografen erzählte und zum anderen, weil sie bei Instagram zu viel Haut gezeigt hat.

"Glaubst du, dass du ein gutes Vorbild bist?", fragt deshalb Inspektor Düren und das ist insofern drollig, da er das in einer Show macht, in der die Kandidatinnen in jedem Jahr zu einem obligatorischen Nacktshooting gebeten werden.

Als die Damen dann beim Entscheidungswalk als Bilder (!) mit ihrem Hashtag herumlaufen müssen, erkennt Mareike zum Glück, dass Dürens Fragerei nichts mit seriösem Journalismus, sondern eher etwas mit Anmaßung zu tun hat: "Ich finde es schon ein bisschen arg, dass jemand, der einen nur zehn Minuten kennenlernt, dir direkt so einen Stempel verpasst."

Ja, so ist das eben bei "Germany's next Topmodel". Da ruft die Klum immer zu "Personality" auf, meint aber damit Vermarktbarkeit, denn als Model funktioniert man offenbar dann am besten, wenn man so ist, wie man ist – nur eben anders. Für Lucy ist diese Lektion aber inzwischen unnötig, denn nach dem Entscheidungswalk bittet die Klum sie, die Show wegen unzureichender Leistungen zu verlassen.

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