Da denkt man sich, Quizformate seien hierzulande bereits in allen Ausprägungen abgefrühstückt, biegt plötzlich wieder RTL mit Günther Jauch, Johannes B. Kerner und Guido Cantz im Schlepptau um die Ecke, um gemeinsam den nächsten Anlauf zu nehmen. Der ist aber ganz schön misslungen, denn beim "Gipfel der Quizgiganten", wo Quiz-Veteranen gegen das prominente Quiz-Dreigestirn bestehen müssen, ging es nicht nur viel zu hektisch zu. Auch die Spiele schienen eher Klein- bis Halbwüchsige zu adressieren.

Robert Penz
Eine Kritik

Eine Quizshow bei RTL? "Na das ist ja mal ein echtes Novum", werden sich viele beim vorabendlichen Studium des hauptabendlichen TV-Programms und Entdecken der Sendung "Gipfel der Quizgiganten" ein wenig in Ironie geübt haben. Zur Verteidigung des Senders: Drei hierzulande überaus erfolgreiche Quizmaster - Günther Jauch ("Wer wird Millionär?"), Johannes B. Kerner ("ZDF-Quiz-Champion") und Guido Cantz ("Quizz dich auf 1") - vereint in einem TV-Format? Das gab es vermutlich wirklich noch nicht, war jetzt aber auch nicht extrem notwendig.

Und hier gleich die erste Frage, die sich an diesem Abend aufdrängte: Wie lange würde Günther Jauch brauchen, um mit den Scheinchen seiner jährlichen TV-Gagen ganz Potsdam zuzupflastern?

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Moderiert wurde die unfassbare RTL-Innovation übrigens von der deutsch-russischen Fernsehmoderatorin und Schauspielerin Palina Rojinksi, die einst bei VIVA sowie in der Fernsehshow MTV Home an der Seite der Pro7-Allzweckwaffen Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf bekannt wurde.

Quizgiganten versus Quizveteranen

Aber worum ging’s eigentlich? Das Quiz-Triumvirat musste am Montagabend in vier Runden gegen erfolgreiche deutsche Quiz-Urgesteine bestehen, die gemeinsam bereits in unzähligen Quiz-Formaten reüssieren konnten und durch das ewige Buzzern bereits mächtig Muskulatur aufgebaut haben.

Die Regeln: Jeder Veteran musste gegen das Triumvirat ran und mehr Wissensfragen aus Kategorien wie "Erdkunde", "Film und Fernsehen" oder "Unnützes Wissen" als die vermeintlich schlauen Promis korrekt beantworten, um die Finalrunde, in der dann mächtig Pekuniäres wartete, zu erreichen. Siegen die Herausforderer, dürfen sie das erspielte Geld einsacken. Wenn nicht, wandert es in den Jackpot für die nächste Show. Zwischenzeitlich mussten Jauch, Kerner und Cantz auch Geschicklichkeit und Sportsgeist demonstrieren. Aber der Reihe nach…

Rojinski machte vom Start weg einen nervösen Eindruck und schien froh zu sein, dass relativ bald mal der erste Promi-Gegner Jan Stroh - er räumte einst bei Jauch die Million ab - via Einspieler vorgestellt wurde. "Den hab ich am Zettel", bemerkte Kerner, der den jungen Millionär ebenso in seiner Quiz-Show zu Gast hatte. Eine der sieben Fragen in der Runde "Stroh versus Promis":

Wie heißt in der "Harry Potter"-Reihe der Drache von Wildhüter Rubeus Hagrid?

  • A: Manfred
  • B: Wolfgang
  • C: Norbert
  • D: Siegfried

"Jetzt wird sich mein Sohn über seinen Vater kaputtlachen", so Cantz, der - wie seine Promipartner auch - nicht die geringste Ahnung hatte. "Wir haben uns für 'Wolfgang' entschieden und werden unsere Niederlage ob des übergroßen Vorsprungs mit Fassung tragen", konstatierte Jauch, dessen Team zu diesem Zeitpunkt lediglich knapp in Führung lag. Stroh musste ebenso raten, lag mit Antwort C aber goldrichtig.

Dass Stroh nicht wusste, dass die erste Strophe der Goethe’schen Ballade "Erlkönig" mit "Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm" endete, und letztlich gegen das Quiz-Triumvirat ohne Chance blieb, schien Günther Jauch irgendwie zu freuen. Fast meinte man, der 65-Jährige könne "seinen" Neo-Millionär nicht wirklich leiden.

"Ich war mir nicht sicher, wo die erste Strophe genau aufhört", bemerkte Stroh. "Na genau da!", wies "Geldgeber" Jauch höhnisch auf die korrekte Zeile hin. Jedoch lediglich ein kurzer Moment des Knisterns, denn bis dahin war der "Gipfel der Quizgiganten" nicht nur viel zu hektisch, sondern auch ziemlich zerfahren sowie obendrein laut, da Rojinksi nicht nur beim Vorlesen der Fragen brüllte. Der ehrgeizige Stroh war am Ende seines Auftritts jedenfalls echt enttäuscht, wie sein Gesichtsausdruck verriet.

Thomas Kinne mit imposanter Quiz-Karriere

Auch Thomas Kinne durfte an diesem Abend das Dreigespann "Jauch, Kerner und Cantz" herausfordern. Traurig, aber wahr: Der Einspieler, der den Übersetzer und Quiz-Veteran vorstellig machte, gehörte noch zu den interessantesten Momenten des Abends. Schon vor über 30 Jahren –- Cantz war damals gerade mal mit der Bundeswehr fertig - sackte Kinne bei Frank Elstners "Jeopardy" jede Menge Kohle ein.

Selbst in der US-Version des legendären Formats war der routinierte Quizzer, der sich privat gern mit Literatur und Film befasst sowie mit Verve Drehorte von Filmen besucht, mit von der Partie. Im Hotel, in dem einst Stanley Kubrick mit Jack Nickolson "The Shining" gedreht hatte, habe er schon übernachtet. Ebenso sei er bereits in Neuseeland auf den Spuren der Hobbits unterwegs gewesen, offenbarte Kinne, der etwa Fragen wie die folgende, die seine Kontrahenten im Dunklen tappen ließ, richtig beantwortete:

Wie heißt ein erst in den letzten Jahrzehnten entstandenes Teilgebiet der Mathematik?

  • A: Polare Mengenlehre
  • B: Gemäßigte Algebra
  • C: Tropische Geometrie
  • D: Mediterrane Stochastik

"Es gibt viele Menschen, die sich totlachen, wenn ich mich hier einmischen würde", bemerkte Kerner. Auch Kollege Jauch bekundete, stets schwach in Mathematik gewesen zu sein. Quiz-Oberchecker Kinne nagelte hingegen die "Tropische Geometrie" fest und war damit im Finale. Die Promis, die auf die "Polare Mengenlehre" setzten, verkalkulierten sich.

"Schick, Schnack, Schnuck"-Artiges dazwischen

Zwischen den Fragenrunden hatten sich die Promis auch noch im Rahmen "lustiger" Geschicklichkeitsspiele zu beweisen. Der Sinn dahinter: Im Vorfeld dieser musste das Studiopublikum tippen, wem von den drei Quizmastern sie den Sieg beim jeweiligen Spiel am ehesten zutrauten. Tippte es auf den späteren Sieger, kamen weitere 15.000 Euro für den Kandidaten in den Jackpot.

Nach den ersten Quizfragen mussten beispielsweise Elfmeter geschossen werden, was einem in deutschen Unterhaltungsshows wohl schon mindestens zweihundertdrölfzig Mal zuvor begegnet war. Danach ging’s für die Zuseher erst einmal in die rettende Werbepause.

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Bemühter Cantz scheiterte an der Tristesse

Später mussten Jauch, Kerner und Cantz dann auch noch Darts spielen und - man konnte es kaum fassen - zusammengeknülltes Papier in Papierkörbe werfen und brennende Streichhölzer so lange wie möglich in der Hand halten, weshalb man in der nächsten Ausgabe wohl mit "Schere, Stein, Papier" rechnen muss. Lediglich Guido Cantz versuchte ein wenig gute Laune und Jokes in der vorherrschenden Highspeed-Tristesse unterzubringen, was das betreute Quizzen im konventionellen Fragensetting aber nicht wirklich retten konnte.

Im Gegenteil: Die an sich löblichen Versuche wirkten im humorbefreiten Kontext fast schon deplatziert.

Während nach Jan Stroh es auch Annett Biller nicht schaffte, das Finale zu erreichen, hatte Quiz-Profi Dorothée Zensen, die Jörg Pilawa schon mal 30.000 Euro abknöpfte und auch bei Cantz bereits hatte gewinnen können, mehr Erfolg. "Wenn man die Augen und Ohren aufmacht, dann nimmt man überall was mit", erklärte die 52-Jährige, die bereits 21 Berufen nachging. Eine der Fragen, die Rojinksi ihr und den Promiherren stellte:

Einer der Unterschiede zwischen einer "Deutschen Aufstellung" und einer "Amerikanischen Aufstellung" ist die…?

  • A: Positionen der Violinen im Orchester
  • B: Anzahl der Sitzplätze im Flugzeug
  • C: Anordnung der Loks bei Güterzügen
  • D: Darstellung eines Stammbaums

Während diese Frage sowohl von der Kandidatin als auch den Promis korrekt beantwortet werden konnte, ließ das Interesse in Social Media am "Gipfel der Quizgiganten" massiv ab. Die Zuseher schienen zusehends abzuwandern. "Es bleibt superspannend", machte sich indes Rojinski selbst etwas vor.

Werbepause mitten im Finale

Das Finale, in dem 20 offene Fragen ohne Antwortmöglichkeiten beantwortet werden und der Buzzer so rasch wie möglich bemüht werden musste, lautete letztlich Team "Zensen und Kinne" versus Team "Jauch, Kerner, Cantz". Der absolute Gipfel beim "Gipfel der Quizgiganten": RTL hielt es offenbar für eine formidable Idee, die im sportlichen Tempo gespielte Finalrunde mit einer Werbepause zu unterbrechen, was aber vermutlich eh nicht mehr wahnsinnig viele gestört haben wird. Stichwort "Abwanderung".

Niederlage für Jauch & Co.

Es lag vor allem am schlauen Kandidaten Thomas Kinne, dass die Promis bereits in der Premierensendung des "Gipfel der Quizgiganten" eine Niederlage hinnehmen mussten. Ihm war etwa bekannt, dass der "Wellenbrecher" als Wort des Jahres 2021 gekürt worden war, und auch die allerletzte Frage des Abends - "Oberhalb welcher Zahl befindet sich auf einer deutschen PC-Tastatur das Ausrufezeichen?" - konnte er in einer Zehntelsekunde mit "1" beantworten.

Der Übersetzer sowie Kollegin Dorothée Zensen durften sich jetzt 85.500 Euro teilen, wozu Jauch, Kerner und Cantz herzlich gratulierten. "Mir hat’s ganz großen Spaß gemacht. Ich hoffe, Sie hatten genauso Spaß", meinte Moderatorin Palina Rojinski am Ende eines überlangen Abends. Die Ausschaltquoten werden ihr vermutlich widersprechen.