Naive Teilnehmer, eine strenge Jury, schräge Auftritte und einige Verlierer: "Die Höhle der Löwen" funktioniert wie jede Castingshow. Nur dass es hier um Existenzgründer mit Herzblut geht. Und die müssen ganz schön leiden.

Castingshows sind ziemlich ausgelutscht. Der xte tolle Sänger, das nächste Supermodel oder jemand, der irgendein unnützes Talent hat – das lockt keinen mehr hinter dem Ofen hervor. Doch dann ist da noch "Die Höhle der Löwen", der Quotenhit bei VOX. Das ist zwar auch eine Castingshow, bei der aber nur eins zählt: eine gute Idee. Die genug Potenzial haben muss, sich zu verkaufen.

Wer eine Firma gründen will, braucht Geld. Das kann man zum Beispiel von einem Investor bekommen – oder gleich von fünfen. In der Show preisen hoffnungsvolle Erfinder ihre Ideen an. Und hoffen, dass einer der fünf Investoren, "Löwen" genannt, darauf anspringt und einsteigt.

Sie haben erstaunlich unterschiedliche Pläne. Manche sind lustig, einige schräg, manche einfach schön. Von Stofftieren aus Kinderzeichnungen, Tattoos für High Heels, indisch-vegetarischen Tiefkühlgerichten bis hin zu einem medizinischen Gerät gegen Rückenschmerzen. Die Erfinder haben eines gemeinsam: Sie sind sicher, dass ihre Idee ein großes Ding werden kann. Und erzählen deshalb mehr oder weniger aufgeregt, was sie sich dabei gedacht haben.

Die "Löwen" sitzen derweil ziemlich gönnerhaft in ihren Sesseln. Das können sie sich leisten, schließlich will man etwas von ihnen. Alle leiten ein erfolgreiches Unternehmen. Judith Williams ist die Teleshopping-Queen, sie verkauft ihre eigene Luxuskosmetik und Schmuck. Jochen Schweizer verdient seine Brötchen mit Erlebnisgeschenken, Frank Thelen hat mehrere Startups gegründet und Apps erfunden. Lencke Wischhusen übernahm die Verpackungsfirma ihrer Eltern und gilt als eine der jüngsten Unternehmerinnen Deutschlands. Vural Öger ist ein Pionier bei Pauschalreisen.

Gönnerhaft und gnadenlos

Sie sind nicht nur gönnerhaft, sondern vor allem auch gnadenlos. Aber nur gegenüber den Ideen, weniger gegenüber den Menschen. Es sei denn, die sind zu sehr von sich überzeugt. Immer allerdings legen die "Löwen" die Schwächen der Ideen offen. Denn was sich auf den ersten Blick großartig anhört, ist auf den zweiten Blick vielleicht doch nicht so durchdacht, was Finanzierung oder Vertrieb angeht. Da muss sich der selbstbewusste Bierbrauer anhören, dass er "überheblich" und ein "Blender" sei - und seine Zahlen "Micky Maus". Der Mann wollte eine Flaggschiff-Biermarke schaffen und in Indien verkaufen. "Das ist ein Luftschloss, das ist crazy", nennt Wischhusen das. Die Schonungslosigkeit ist ja auch verständlich: Die Investoren geben ihr eigenes Geld her, und sie wollen mitverdienen. Außerdem ist nicht jede in den Augen des Erfinders fabelhafte Idee eine, die sich auch auszahlt.

Aber mit den weniger Eingebildeten sind die "Löwen" nachsichtiger. Und sie zerreißen nicht alles in der Luft. Personalisierte Liebeslieder, die man im Internet bestellen kann, finden sie super. Trotzdem ist es ein hartes Ringen, bis der Gründer sich mit Jochen Schweizer einigt: Der investiert 115.000 Euro und bekommt dafür 26 Prozent Firmenanteile. Auch die indisch-vegetarische Tiefkühlkost findet die Gnade der Investoren. Dafür müssen die beiden Erfinder aber deutlich mehr Firmenanteile opfern, als sie eigentlich wollten.

Knallhart, aber nicht ganz fies

Umsatz, Gewinn, Verlustrechnung, Profitabilität – das klingt alles so gar nicht nach Unterhaltungsshow, sondern furchtbar dröge. Aber der Charme der Sendung liegt bei den eifrigen Gründern und ihren Erfindungen. Als Zuschauer überlegt man mit: Soll er das Angebot annehmen? Ist der Plan gut genug? Ist der Erfinder der Stofftiere aus Kinderzeichnungen nicht mit zu wenig Herzblut bei der Sache – und die High-Heels-Tattoo-Frau viel zu aufgeregt? Das macht die Sendung international erfolgreich. Die Show stammt ursprünglich aus Japan, sie läuft inzwischen in mehr als 20 Ländern.

Zwei von sechs Gründern gehen nach der Sendung glücklich nach Hause. Klar sieht man die enttäuschten Verlierer leiden. Wie sie zuerst ihre Idee mit strahlenden Augen anpreisen, dann immer bedröppelter schauen, wenn ein Investor nach dem anderen abspringt. Und am Ende mit der Fassung ringen. Aber VOX drückt erstaunlich wenig auf die Tränendrüse, ein bisschen Dramamusik unterstreicht die Stimmung, aber das war es auch schon. Keine Nahaufnahmen von fassungslosen Gesichtern, keine tragischen Geschichten von geplatzten Träumen.

Die Mischung aus Scheitern und Erfolgsstories, kreativen bis schrägen Einfällen und der bohrenden Jury hat tatsächlich Unterhaltungswert. Die Sendung ist knallhart, aber weniger fies als sonstige Castingshows. Persönlich bloßgestellt werden nur die arg von sich Überzeugten. Die anderen müssen nur damit leben, dass sich ihre Geschäftsidee als Luftschloss entpuppt.