Hundetrainer Martin Rütter kann wohl mit verbundenen Augen fühlen, ob ein 200 Meter entfernter Dobermann gerade kuscheln oder doch lieber zwei Zwergpinscher fressen will. Bei seinem Unterricht im Klassenzimmer gab‘s bei ihm aber noch Luft nach oben. Die Schüler hingen in der Sendung "Der Vertretungslehrer" dennoch an den Lippen des Hundeflüsterers.

Eine Kritik
von Bodo Klarsfeld

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Im VOX-Format "Der Vertretungslehrer" kehren Prominente für ein paar Stunden zurück ins Klassenzimmer, um als Vertretungslehrer in Oberstufen deutscher Gymnasien Wissen zu vermitteln.

Dabei geht’s aber eigentlich nie um konventionelle Dinge wie das Deklinieren rechtwinkeliger Lippenblütler oder dergleichen, sondern um Themen, die den bekannten Persönlichkeiten am Herzen liegen. Etwa um das Thema "Körpersprache".

Älter als die Menschheit selbst

Körpersprache ist von allen Kommunikationsformen die älteste. Sie ist sogar älter als der Mensch selbst. Denn ihrer bedienten sich schon jene Primaten, die vor dem Homo Sapiens – also vor uns – auf der Erde herumschlurften oder sich von Ast zu Ast hangelten. Körpersprache, und das wissen Sie natürlich, ist die nonverbale Kommunikation, die sich in Gestik, Mimik, Haltung und im Habitus manifestiert.

Natürlich kommunizieren auch Hunde über den Körper, womit wir schon beim Vertretungslehrer des gestrigen Abends wären: Dem deutschen Hundetrainer und Buchautor Martin Rütter.

Er wechselte vorübergehend seine Profession, um als Kurzzeit-Pädagoge am Johannes-Keppler-Gymnasium in Garbsen bei Hannover 18 Jugendlichen um die 17 Jahre das Thema "Körpersprache" nahezubringen. Für Einblicke in die Thematik sowie körpersprachliche Experimente nahm sich der Promi fast vier Stunden Zeit.

So ganz sicher war sich der Hundetrainer seiner Sache zunächst nicht. "Es ist nicht so einfach, Schüler zu begeistern. Da muss man schon überzeugend sein", meinte er im Vorfeld.

Die Schüler, die noch keine Ahnung hatten, wer den Klassenraum 121 betreten wird, wünschten sich etwa Fußballtorwart Manuel Neuer oder Schauspieler Matthias Schweighöfer.

Die Reaktion, als Rütter das Klassenzimmer betrat? Nun ja. Kein aufbrausender Jubel, keine anfliegenden Blumensträuße, aber auch keine Tomaten oder faulen Eier. Wenn man den lockeren Typen da vorne an der Tafel nicht kennt, übt man sich zunächst mal in Zurückhaltung.

Einstige Faulheit bricht das Eis

Dass Rütter gleich zu Beginn mit dem Angebot, einander zu duzen, an die Klasse herantrat, brachte dem weitestgehend Unbekannten die ersten Sympathiepunkte ein.

Da störte es zunächst auch nicht weiter, dass seine erste Demonstration – er wiederholte das Betreten des Klassenzimmers zwei Mal mit jeweils anderer Körpersprache – eher banaler Natur war. Da mussten rasch persönliche Einblicke her: Der Pfoten-affine Stellvertretungslehrer erzählte somit von seinem Job und davon, dass er darin drei Viertel seiner Zeit Menschen und Tiere beobachten müsse. Auch Einblicke in seine eigene Schulzeit, die "sehr lustig, aber auch wahnsinnig anstrengend" gewesen sei, gab der 48-Jährige.

"Ich bin zwei Mal sitzengeblieben, einmal nicht zum Abitur zugelassen worden und einmal von der Schule geflogen. Ich hatte Schwierigkeiten, weil ich wirklich faul war", so Rütter, dessen Körperhaltung zu Schulzeiten offenbar vor allem zwei Dinge kommunizierte: "Ich bin müde" und "Ich hab' keinen Bock". Das Eis in der Klasse war jetzt jedenfalls endgültig gebrochen.

Dann ging es in den Anschauungsunterricht. Rütter zeigte den Schülern ein Video und ließ sie die Körpersprache zweier, einander auf der Straße begegnender Hunde – einer offensiv, der andere defensiv – analysieren, darstellen und interpretieren. Die daraus gemeinsam gezogenen Schlüsse wie "Man soll nie jemanden bedrängen, sondern dem anderen Freiraum geben" erinnerten ein wenig an heilige Direktiven wie "Du sollst nicht ehebrechen!". Heißt: Alles war ein bisschen fad. Der "Lehrer" blieb den Zöglingen aber weiterhin sympathisch.

Ebenfalls auf dem Stundenplan: Selbstbewusstseins-Tuning

Fein war, dass Rütter versuchte, das Selbstvertrauen einzelner, etwas unsicherer Schüler aufzupolieren, und die Klasse dazu brachte, über ihre eigene Körpersprache zu reflektieren. Etwa, indem er Gesten eines Schülers im Rahmen einer Interview-Situation nachahmte, sein Gegenüber quasi spiegelte. Zwar verunsicherte dies den Jugendlichen zunächst, brachte ihn dann aber zum Lachen. Rütter klärte auf: "Eine ähnliche Körpersprache kann eine Verbindung schaffen, Sympathien füreinander generieren und den Gesprächspartnern total helfen."

So richtig floppte jedoch Rütters letztes Experiment. Das Thema? "Gedankenlesen". Die Intention dahinter: Den Schülern zu demonstrieren, dass sie rein mit der Mimik ihrem Gegenüber die eigenen Gedanken vermitteln können. Aleyna und Alexandra mussten sich zu diesem Zweck gegenüberstellen. Letztere hatte fünf Sekunden die Augen zu schließen und sich dabei zu entscheiden, ob Aleyna ihr näherkommen oder mehr Abstand nehmen soll. Anhand ihrer Mimik sollte Aleyna schließlich erkennen, was sie zu tun hat.

Jetzt ist es so: Wenn man in einen Apfel beißt und seinem Gegenüber nonverbal kommunizieren soll, wie er geschmeckt hat, wird man im Falle eines sauren Apfels nur selten glückselig strahlen. Klar also, dass Aleyna nähertrat, als Alexandra nach dem Öffnen der Augen süß grinste. Lange Rede, kurzer Sinn: Experiment schwach, Erkenntnisgewinn null.

Sympathischer Vertretungslehrer, bereitwillige Schüler

Ob für den sympathischen Martin Rütter, der zwar viel mit Menschen arbeitet, aber vielleicht doch mehr Körpersprache-Expertise bei Hunden hat, dieses Thema in der Sendung "Der Vertretungslehrer" das richtige war, könnte man schon hinterfragen. Stimmt schon, die Schüler haben brav mitgemacht, von Euphorie war aber dennoch wenig zu merken.

Da man aber schließlich nicht alle Tage im Fernsehen landet, waren die vier Stunden mit dem Promi für die Jugendlichen wohl trotzdem ein Abenteuer. Und einen ersten Einblick in ein an sich überaus spannendes Thema gab’s ebenso. Wer wollte, bekam vom Hundeflüsterer auch noch zwei Tickets für dessen Show in Hannover. Die wird wohl auch keiner schwänzen, nur weil zwei Experimente in die Binsen gegangen sind.

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