Dieser Film macht Angst. Nicht, weil "Ökozid" ein spannender Justiz- und Polit-Thriller ist, sondern weil er uns eine Zukunft vor Augen führt, die wir mit allen Mitteln und auf allen Ebenen verhindern müssen.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock

Die Entscheidung der Bundesregierung unter der damaligen Kanzlerschaft von Angela Merkel, den Kohleausstieg erst 2038 zu vollziehen, könnte Deutschland nun teuer zu stehen kommen. 31 Staaten verklagen die Bundesrepublik.

Die Staaten werfen Deutschland massive Versäumnisse im Klimaschutz vor und fordern Schadensersatz in Milliardenhöhe. Das Verfahren vor dem internationalen Gerichtshof gilt als eines der bedeutendsten in der Justiz-Geschichte.

Mit dieser Nachricht aus dem Jahr 2034 beginnt der Film "Ökozid", der am Mittwochabend um 20:15 Uhr in der ARD zu sehen war.

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Andres Veiel hat aus dieser fiktiven Ausgangssituation einen spannenden Politthriller mit hochkarätiger Besetzung, unter anderem Ulrich Tukur und Nina Kunzendorf, gemacht. Aber "Ökozid" ist weit mehr als nur ein spannender Film. "Ökozid" wirft einen gar nicht mal so fiktiven Blick in die Zukunft - und die sieht alles andere als rosig aus: Dürren, Hochwasser, Ernteausfälle ...

Das besondere und eigentliche Verdienst des Films ist daher, dass er Fragen stellt, deren Antworten wir jetzt, im Jahr 2020, geben müssen, damit diese Zukunft eben nicht eintritt – oder zumindest nicht in diesem Ausmaß.

Die Botschaft: Wir haben keine Zeit mehr

Es beginnt mit dem Problem der Zeit. Wir haben keine Zeit mehr, weiter zu wenig gegen die Klimakrise zu tun. Viele der Schäden, die wir jetzt anrichten, sind schon unumkehrbar. Die Treibhausgase, die bereits in der Atmosphäre sind, werden dort bleiben. Sehr lange. Und es kommen immer neue Emissionen hinzu.

Dem gegenüber steht die strukturelle Trägheit der Menschheit. Prozesse, die der Klimakrise entgegenwirken, dauern, bis sie eingeleitet und umgesetzt werden – und vor allem, bis sie Wirkung zeigen. Es ist also wichtiger als je zuvor, dass wir keine Zeit mehr verlieren. Wie sehr die Zeit drängt, zeigt im Film auch der Umstand, dass das Gerichtsverfahren von Den Haag nach Berlin-Tegel verlegt wurde – wegen "der dritten Sturmflut in Folge."

"Der folgende Film basiert auf der Auswertung von Original-Dokumenten und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Stand 2020", wird gleich zu Beginn des Films ein Hinweis eingeblendet, dass wir es hier nicht mit einem Bedrohungsszenario zu tun haben, das vielleicht irgendwann einmal eintritt. Nein, Klimakrise ist jetzt und hier, nicht irgendwann und irgendwo.

Nicht das Machbare, sondern das Notwendige durchsetzen

"1,5 Grad sollten erreicht werden. Ich war gerade 18 und habe noch einmal geglaubt, dass es eine Wende geben könnte. 2015 war die letzte Chance für die Welt, nicht nur, sich der Klimakatastrophe zu stellen, sondern auch für eine soziale und gerechte Verteilung von Verantwortung. Ein weiterer Vertrag, der gebrochen wurde" - mit diesem Plädoyer bringt die Anklagevertreterin die politische Dimension ins Spiel, als sie die jahrzehntelangen Versäumnisse und falschen Versprechungen auflistet.

Damit macht das Plädoyer der Anklage gleichzeitig auch den Hebel sichtbar, den jeder Einzelne hat, um etwas gegen die Klimakrise zu tun: Die Politiker zu wählen, die nicht nur die Größe des Problems verstanden haben, sondern auch, dass sie entsprechend der Größe des Problems handeln müssen – auch wenn das kurzfristig Einschnitte bedeutet.

Es geht um politische Verantwortung und um die richtigen Maßnahmen. Darum, dass man das Problem, die Klimakrise, von deren Ende her denkt. Die Frage, die sich die Politik stellen muss, lautet also nicht: Was können wir tun, um die Einschnitte so klein wie möglich zu halten, oder wie es im Film heißt: "das Machbare durchzusetzen".

Sie müsste stattdessen lauten: Was können wir tun, damit das Prognostizierte nicht eintritt? Also: Das Notwendige durchsetzen. Einen Waldbrand löscht man auch nicht mit einem Wasserglas.

Eine Frage der Gerechtigkeit

Diese Botschaft, auf radikale Veränderungen auch radikal reagieren zu müssen, macht "Ökozid" mehr als deutlich und stellt damit auch die Frage nach der Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit für diejenigen, die unter den Folgen der Klimakrise leiden und leiden werden. Im Film sind das Länder, die von Fluten heimgesucht werden, genauso wie deutsche Bauern, die ihre Existenz verlieren, weil "man auf seinem Acker steht und dann bläst der Wind einfach alles weg, alles, was da mal gewachsen ist. Und dann ist da bloß noch Sand."

Es geht aber auch um die Gerechtigkeit für künftige Generationen, die mit den Folgen des jetzigen Nichtstuns leben müssen: Existenzängste, Arbeitslosigkeit, Kosten für Schutzmaßnahmen, eventuelle Schadenersatzforderungen und so weiter. Es wird immer teurer, je länger man nichts macht.

Um diese Gerechtigkeit irgendwie zu gewährleisten – und das macht "Ökozid" ebenfalls deutlich – bedarf es einer radikalen Änderung bisheriger Grundsätze und Mechanismen: Denn wo Umweltschutz und Wirtschaft in Konkurrenz stehen, das hat die Vergangenheit gezeigt, gewinnt immer die Wirtschaft. Dabei wird übersehen: Es geht bei der Klimakrise nicht primär um Umweltschutz. Es geht um Menschenschutz.

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