Erdogan war gestern: Jan Böhmermann kontert in der ersten Ausgabe des "Neo Magazin Royale" nach dem Skandal um sein Schmähgedicht auf brillante Art und Weise: mit einem neuen Coup.

Vier Wochen ist es mittlerweile her, dass Jan Böhmermann das Schmähgedicht auf den türkischen Präsidenten Erdogan vortrug. Obwohl der Moderator sich direkt danach zurückzog, war er trotzdem dauerpräsent.

Medien, Politiker, Prominente, jeder hatte eine Meinung zum Thema. Selbst den Titel des "Spiegel" zierte Böhmermann. Doch der Komiker, der auf einmal zum Aushängeschild von Kunst und Satire erkoren wurde, schwieg.

Dass ihm die Affäre um seine Person, bei der auch seine Familie kurzzeitig unter Polizeischutz gestellt werden musste, naheging, flackerte immer nur kurz auf. Etwa in einem Live-Video-Chat auf Facebook, bei dem ihm seine Fans Fragen stellen konnten.

Der "blasse dünne Junge" präsentiert seinen neuesten Streich.

Da erklärte er, dass es "als Spaßvogel natürlich mega war, so eine Nummer abzuziehen". "Die persönlichen Konsequenzen sind jedoch so unangenehm, dass es an die Nerven geht." Die Bühnenfigur lässt sich eben doch nie vollkommen von der Privatperson trennen.

Von Letzterer war nach vier Wochen Sendepause natürlich wenig zu sehen. Stattdessen kokettierte Böhmermann als Running Gag mit dem eigenen Skandal. Die Witze des Eröffnungsmonologs stammten diesmal von den Zuschauern.

103 Euro zahlte die Redaktion für jeden gesendeten Gag. Eine Anspielung auf den Paragrafen 103 des StGB, wegen dem sich Böhmermann vor Gericht verantworten muss. Dazwischen witzelte er noch über Didi Hallervorden (der einen eigenen Schmähsong schrieb) und Vera Int-Veen (die in ihren Jacketts aussieht wie Kanzlerin Merkel).

#Verafake mit RTL: Böhmermanns Coup

Direkt auf das Thema Erdogan eingehen wollte die Redaktion des "Neo Magazin Royale" offensichtlich nicht. Stattdessen verbiss sich Böhmermann minutenlang in die schrulligen Kandidaten des RTL-Kuppelformats "Schwiegertochter gesucht", die natürlich ein leichtes Ziel abgeben. Seltsame Männer mit eigenartigen Frisuren in Messie-Wohnungen, wie aus dem Lehrbuch des Trash-TV.

Für die Zuschauer war dies für einen kurzen Moment befremdlich: Sollte das die Antwort von Böhmermann auf den eigenen Skandal sein? Sich über die lustig machen, die sowieso schon alle auslachen?

Doch das Ganze sollte nur der Auftakt zu einem weiteren Coup von Böhmermann sein. Per Skype rief er bei Robin, 21, dem "einsamen Eisenbahner" aus "Schwiegertochter gesucht", an.

Er ist der beliebteste Kandidat der aktuellen Staffel des Trash-Formats. Robin sammelt Schildkröten, hatte noch nie eine Freundin – und ist wie sein Vater René ein vom Team des "Neo Magazin Royale" engagierter Schauspieler. Zack, und fertich.

Das breite Grinsen bekam Böhmermann in den nächsten Minuten nicht mehr aus dem Gesicht. Natürlich auch deswegen, weil in den nächsten Tagen nun endlich niemand mehr über sein Schmähgedicht reden wird.

Bereits Minuten nach der Ausstrahlung tauchte das YouTube-Video zu seinem RTL-Coup überall in den sozialen Medien auf. Ein perfekt orchestrierter Coup, bei dem natürlich auch Glück eine Rolle gespielt haben muss.

Wirklich witzig ist Jan Böhmermanns Neuauflage von "Wetten, das..?" nicht. Was aber nicht weiter schlimm ist. Vielmehr legt der Satiriker den Finger in die Wunde, warum das originale "Wetten, dass..?" gescheitert ist.

Skrupellosigkeit als Prinzip bei "Schwiegertochter gesucht"

Die wirklichen Enthüllungen des #verafake getauften Streichs von Böhmermann waren natürlich überschaubar. Dass in so ziemlich jedem Reality-Format nachgeholfen wird? Geschenkt. Das stand zu befürchten. Dass RTL seinen Kandidaten "auf die Sprünge hilft", wenn sie nicht unterhaltsam genug sind? Ebenso.

Dass die ganzen Wurstherzen die Idee von zynischen Redakteuren sind? Ja, leider. Dass hier Menschen vorgeführt werden, die es nicht einmal merken? Das ist das Prinzip der Sendung.

Erschreckender ist vielmehr, wie skrupellos dies bei "Schwiegertochter gesucht" geschieht. Der Druck, nach zehn Jahren immer noch einen drauflegen zu müssen, scheint für die Macher der Show immens zu sein. Da muss Böhmermanns Fake-Kandidat Robin ihnen wie ein Geschenk des Himmels vorgekommen sein.

"Schräges Hobby. Asi-Wohnung. Schräges Aussehen", so der Moderator. Der perfekte Teilnehmer für die Show. Da konnte RTL offensichtlich nicht widerstehen. Und legte sogar noch einen drauf.

"Liebes RTL, fürs Geschäft macht ihr echt alles"

Dem Schildkrötensammler brachte das Team noch mehr Figuren für seine Wohnung mit, legte ein rosa "Liebe ist ..."-Puzzle auf den Küchentisch und diktierte ihm schrecklich peinliche Sätze. Dass Vater René offensichtlich Alkoholiker ist, interessierte sie hingegen nicht.

"Liebes RTL, fürs Geschäft macht ihr echt alles", sagte Böhmermann danach genüsslich in die Kamera. "Ihr habt Robin und René noch dümmer gemacht als wir sie uns ausgedacht haben. Und das will was heißen."

Dass danach Studiogast Gregor Gysi partout über Erdogan sprechen wollte, interessierte da schon keinen mehr. Böhmermann inklusive. Der hielt sich die Ohren zu und sang "la la la la la".

Denn ab jetzt kann der Moderator wieder beruhigt schlafen. Das Internet hat seinen nächsten Hype gefunden, an dem es sich in den nächsten Tagen abarbeiten kann. Unruhige Nächte dürften allerdings RTL und der Produktionsgesellschaft von "Schwiegertochter gesucht" bevorstehen.

Sie müssen sich eine plausible Erklärung einfallen lassen, wie sich Böhmermanns Schauspieler in die Show schmuggeln konnten. Ganz ohne Personalausweise. Denn Urkundenfälschung begehen wollten Böhmermann und sein Team nicht.

Und wie die Produzenten ihr menschenverachtendes Vorgehen erklären. Es könnten bange Wochen für viele TV-Sender werden. Bis es den Nächsten erwischt. Denn wie drückte es Böhmermann so schön am Ende seines #verafake aus: "Wer weiß, in welche Sendung wir noch jemanden eingeschleust haben ..."