Jan Böhmermann ist zurück im Fernsehen und macht da weiter, wo er aufgehört hat: mit Aufregern. Mit seinem "Verafake" hält Böhmermann auch den Zuschauern ein bisschen den Spiegel vor.

Satiriker blamiert TV-Sender mit einem genialen Coup und wird dafür gefeiert.

Wer sich ernsthafte Hoffnungen auf ein Date mit dem "einsamen Eisenbahnfreund" und Schildkröten-Fan Robin gemacht haben sollte, dürfte Jan Böhmermanns Fernseh-Comeback mit Enttäuschung verfolgt haben. Kein romantisches Kennenlernen am Krötenteich, keine verträumten Blicke auf dahingleitende Züge bei Sonnenuntergang.

Erdogan ist längst vergessen

Statt gegen Erdogan nachzulegen, knöpfte sich Böhmermann im "Neo Magazin Royale" (ZDFneo/ZDF) das RTL-Format "Schwiegertochter gesucht" vor. Und verkündete mit schelmischem Grinsen, dass jener Junggeselle Robin ein von ihm eingeschleuster Schauspieler sei: "Den haben wir uns komplett ausgedacht!" Am Tag danach war Robin nicht mehr auf der Kandidatenliste zu finden. Und die Produktionsfirma verkündet: "Respekt an Herrn Böhmermann". Man sei ihm da komplett auf den Leim gegangen.

Nach Böhmermanns Coup gibt Sender Erklärung zu peinlicher Enthüllung ab.

Böhmermann hat es damit scheinbar geschafft, den Erdogan-Wirbel der vergangenen Wochen in den Hintergrund treten zu lassen. Über sein derbes Gedicht auf den türkischen Staatspräsidenten spricht jedenfalls kaum noch jemand. Stattdessen ist der "#Verafake" - in Anlehnung an "Schwiegertochter gesucht"-Moderatorin Vera Int-Veen und als Anspielung auf Böhmermanns eigenen "Varoufake" - das heiße Thema auf Twitter. Böhmermann ist mal wieder eine Provokation gelungen.

In dem Einspieler, der die große Scharade zeigt, kommentiert Böhmermann genüsslich wie die Macher der RTL-Sendung den Dreh mit "Robin" und dessen weinerlichen Vater "René" - ebenfalls Schauspieler - vorbereiten. Von einer Aufwandsentschädigung von 150 Euro für bis zu 30 Drehtage ist da die Rede. Und dass man bei der Frage, ob "René" täglich Alkohol trinke, "Nein" ankreuzen könne - obwohl dieser acht Bier als Tagespensum anmeldet.

RTL gibt Fehler zu

Das mit dem Alkohol sei definitiv ein Fehler gewesen, gibt RTL zu. Bei der Aufwandsentschädigung sei allerdings zu beachten, dass Arbeitslosen bei einer höheren Summe die Bezüge gestrichen würden - und die beiden Schauspieler hätten sich als solche ausgegeben. Im Großen und Ganzen erklärt der Sender aber: Es seien Fehler bei der redaktionellen Sorgfaltspflicht gemacht worden.

Böhmermann hat sich diesmal ein recht leichtes Opfer herausgepickt. Er ist nicht der Erste, der Kritik an Reality-Formaten übt - und hat das vor Jahren auch schon in seiner Talkshow an Moderatorin Britt Hagedorn und deren Show "Schwer verliebt" durchexerziert. Statt wie beim "Varoufake" Knoten in den Köpfen zu hinterlassen, schlägt er diesmal eher in die Kerbe von Fernseh-Parodisten wie "Switch" oder Oliver Kalkofe ("Kalkofes Mattscheibe"). Und wen schon alles Hape Kerkeling vorgeführt hat!

Viel Widerstand war da nicht zu erwarten gewesen - und RTL präsentiert sich am Ende ja auch als guter Verlierer. Die Fallhöhe ist eine andere als beim "Varoufake" und bei Erdogan. Es steht nicht zu vermuten, dass sich die Kanzlerin zum "Verafake" äußern wird.

Robin ließ die Herzen höher schlagen

Dennoch spielt Böhmermann auch einen Ball, der nicht nur bei RTL landet. Zu so einer Sendung gehören ja auch immer Zuschauer. Über Gaga-Alliterationen wie den "illustren Infrarotsaunagänger Sebastian" oder den "stolzen Stockcar-Fahrer Roland" wird gern gekichert. Ebenso über die Protagonisten.

"Hauptsache ist es natürlich, dass der Zuschauer sich abgrenzen kann, dass er sich überlegen fühlt", sagt die Hamburger Reality-TV-Forscherin Joan Bleicher. Gleichzeitig sei zu beobachten, wie sich Reality-Formate langsam totliefen. "Um noch Aufmerksamkeit zu bekommen, muss man natürlich erfolgsbewährte Effekte steigern. Und dazu zählen natürlich skurrile Kandidaten."

Kandidaten wie der Schildkröten-Freund Robin. Der ließ die Herzen überall höher schlagen. "Wir haben uns in ihn "verliebt"", sagt René Jamm von der Produktionsfirma Warner Bros. ITVP Deutschland.© dpa