Mary Roos ist seit Jahrzehnten nicht mehr wegzudenken aus der Schlagerbranche. Am Dienstag war nun ihr Abend bei der Vox-Show "Sing meinen Song". Bei 60 Jahren auf der Bühne gibt es bei dieser Gelegenheit natürlich einiges zu erzählen. Es war aber vor allem eine Geschichte, die bei ihren Kollegen für Erschütterung sorgte.

Christian Vock
Eine Kolumne
von Christian Vock, Freier Autor

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In Deutschland dürfte es nicht viele Menschen geben, die mit dem Namen Mary Roos nichts anzufangen wissen. Kaum eine andere Sängerin steht so sehr für Schlagermusik wie Roos. Dabei hat sie, ganz nüchtern betrachtet, für einen Schlagerstar ihres Formats erstaunlich wenig Präsenz in den Musikcharts gehabt.

Zählt man einmal durch, dann stehen für eine so lange Karriere "nur" 16 Charterfolge, gerade einmal eine einzige Top-Ten-Platzierung und tatsächlich überhaupt kein Nummer-eins-Hit. Ist das schlimm? Natürlich nicht. Schmälert das ihren Erfolg? Auf keinen Fall. Angesichts des Status, den die Sängerin genießt, ist das aber zumindest überraschend.

Die Qualität von Musik mit Chartplatzierungen zu messen, ist aber ohnehin absurd. Denn, und hier sind wir wieder bei "Sing meinen Song": Mary Roos ließ sich am Dienstagabend auf der "Sing meinen Song"-Couch für ihr 60-jähriges Bühnenjubiläum feiern. 60 Jahre, das kriegt man nicht hin, wenn man nicht irgendetwas drauf hat.

Von Rosemarie zu Mary Roos

Vor allem aber hat man nach 60 Jahren auf der Bühne eine Menge zu erzählen. Alphaville-Frontmann Marian Gold hatte in der vergangenen Folge von "Sing meinen Song" ja bereits die eine oder andere Anekdote zum Besten gegeben. Mary Roos sollte die Geschichten an ihrem Abend aber noch toppen.

So erzählt die Sängerin von ihrer Kindheit in Bingen. In dem beschaulichen Winzerstädtchen am Rhein kam sie 1949 als Rosemarie Schwab zur Welt. Den Namen sollte sie zumindest als Künstlerin nicht lange behalten, denn sie wurde bereits als Kind von einer Plattenfirma beim Singen im elterlichen Hotel entdeckt.

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Doch damals verliefen Musiker-Karrieren noch ein bisschen anders als heute, was auch Judith Holofernes gleich bemerkt hat: "Sie ist durch eine ganz andere Schule gegangen." Was Holofernes damit meint, erklärt Roos im Verlauf des Abends selbst. "Wenn man damals Musik machen wollte, dann musste man Schlager machen."

Auch bei ihrem Künstlernamen musste die Rheinland-Pfälzerin Abstriche machen: "Wir mussten alle englischsprachige Namen haben", erklärt die Sängerin. Immerhin konnte sie durchsetzen, ihren eigentlichen Namen einfach umzudrehen und so wurde aus Rosemarie eben Mary Roos.

So reiht sie am gestrigen Abend eine Anekdote an die nächste. Wie sie einmal in London in der "Muppet-Show" auftrat, dass eine Rheinfähre nach ihr benannt ist, dass Donna Summer für ihre Nummer "Arizona Man" als Chorsängerin arbeitete oder dass in Frankreich ein Entlausungsmittel genauso heißt wie sie. Die bewegendste Geschichte sollte sich Roos aber für das letzte Lied aufheben.

Ein verhängnisvoller Anruf

Rea Garvey hatte sich für seinen Auftritt den Song "Aufrecht geh'n" ausgesucht. Er machte daraus eine englischsprachige und bombastische James-Bond-Nummer, aber das Musikalische war bei diesem Lied eher zweitrangig. Kurz zuvor erzählte Mary Roos ihren Kollegen nämlich die Geschichte hinter dem Lied.

Es war der 5. Mai 1984 und Mary Roos sollte am Abend in Luxemburg mit diesem Lied für Deutschland beim Grand Prix auftreten. Am Morgen bekam sie aber einen verhängnisvollen Anruf. Eine Freundin ihres Mannes Werner Böhm (alias Gottlieb Wendehals) meldete sich bei ihr, um ihr zu sagen, dass sie von ihm ein Kind erwarte und sollte Roos ihr kein Geld geben, würde sie damit zur Presse gehen. Die Kollegen auf der Couch waren sichtlich schockiert, Roos selbst kamen die Tränen.

Angesichts solcher Geschichten rückte der Gesangsteil des Abends dann natürlich ein wenig in den Hintergrund. Musikalisch war das verzeihbar, denn obwohl Roos mit den Darbietungen glücklich war, gab es keine Interpretation, die noch länger im Gedächtnis bleiben dürfte.

Leslie Clio sang Roos größten Erfolg "Arizona Man", Johannes Strate machte sich auf Französisch an "Morgens um fünf" und Judith Holofernes bohrte "Geh nicht den Weg" ein bisschen mit der E-Gitarre auf, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Viel spannender war es gestern Abend einfach, Geschichten wie dieser zuzuhören. Über ihren Wunsch nach Zweisamkeit erzählt Roos, dass sie einmal die Gelegenheit hatte, einen reichen Schuhfabrikanten zu heiraten. "Aber der sah sehr schirch aus", wie Roos kommentiert: "Der hatte zwar viel Geld, aber das ist es ja auch nicht", erklärt sie und ergänzt: "Und jetzt begegnen mir die Männer und sagen, 'Ich war mal in Sie verliebt'. Und ich sag: 'Um Gottes willen, warum habt ihr denn nichts gesagt?' Jetzt ist es zu spät."

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung wurde der Mädchenname von Mary Roos fälschlicherweise mit Böhm angegeben und später zu Schwab korrigiert.