Finale im "Sommerhaus". Wie einen subtilen, aber unüberhörbaren Appell an alle Kritiker, die RTL wochenlang lautstark dafür attackiert hatten, dass Extrem-Toxikern wie Mike Cees-Monballijn ungefiltert eine große Bühne geboten wurde, plätschern die ersten 20 Minuten seichter dahin als Liebeskomödien mit Hugh Grant. Kein Drama, keine Verbalschlägereien, keine Intrigen. Die spannendsten Momente sind noch die, in denen Steff versucht seiner Peggy zu erläutern, Sätze wie "hast du toll gemacht, mein hässlicher Zwerg" wären seine Art von Liebkosung. Beim Carsten-Maschmeyer-Double mit Mallorcahintergrund zählt offensichtlich alles, was noch so gerade jugendfrei ist, als Liebeserklärung.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
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Nach zähen Stunden eines Vormittags, der sich länger hinzieht als das Warten auf Godot, treten die drei verbliebenen Paare dann endlich zum ersten Spiel an. Es geht um Geschicklichkeit, Balance, Koordination und bunte Styropor-Briketts in Form von Pflastersteinen. Zum Glück sind wir nicht in einem Wohnprojekt an der Köpenicker Straße in Berlin, sondern in einer zur Games-Arena umgebauten Scheune in Bocholt. Sonst wäre die gesamte "Sommerhaus"-Belegschaft als gewaltbereite Antifa-Chaoten von Horst Seehofer als letzte Amtshandlung persönlich verhaftet worden, noch bevor ein Siegerpaar ausgerufen werden konnte.

Feueralarm im Vorgarten

So bleibt die einzige Angst ein eskalierender Feldwegkampf der Klassensysteme, bei dem am entscheidenden Finaltag Aktivisten der berüchtigten Trash-TV-Bewegung "Fridays For Fremdscham" zu einer Großdemo im Vorgarten aufrufen. Dort versammeln sich dann 600.000 "Love Island"-Fans, protestieren gegen den Rauswurf von Yasin und Samira und skandieren: "Wer hat uns verraten? RTL-Schwachmaten!" sowie "Wer war mit dabei? RTLZWEI!"

Zum Glück bleibt es ruhig im Problemviertel von Westfalen. Die Kandidaten können ungehindert das Spiel absolvieren. Dabei stellen sich Peggy Jerofke und Steff Jerkel am ungeschicktesten an. Sie verlassen das Haus umgehend. Den Showdown um 50.000 Euro und zwei T-Shirts mit der Aufschrift "Mike ist nicht schuld" liefern sich also "Unter Uns"-Star Lars Steinhöfel mit seinem Dominik sowie Ben Melzer und Sissi Hofbauer. Granatenpromis, wie man sie sonst nur bei der Eröffnung von Pommesbuden auf Baumarkt-Parkplätzen in Wanne-Eickel treffen kann.

Mit nur noch zwei Pärchen im Haus steigt natürlich die Tristesse proportional zur Trägheit. Vor lauter Langeweile löst Security-Experte Lars Steinhöfel einen Großalarm aus, indem er einen gesicherten Notausgang öffnet. Pflichtbewusst begeben er und Sissi Hofbauer sich in den Garten. Wäre es kein Fehlalarm, sondern ein veritabler Feueralarm gewesen, hätte Dominik ganz schön seine Flugbegleiterbeinchen in die Hand nehmen müssen. Der föhnt sich nämlich gerade ausführlich seine blondierte Nick Carter Gedächtnisfrisur und bekommt vom Alarm nichts mit. Entweder ist der Föhn zu laut, oder Dominik ist beauty-konsequent und denkt sich: "Wenn schon havarieren, dann wenigstens geil frisiert!"

"Sommerhaus der Stars": So sehen Sieger aus

Das bleibt aber nicht der einzige Aufreger. Im ruhelosen Action-Spektakel "Sommeraus" geht es direkt weiter mit dem finalen Ausscheidungsspiel. Die beiden Finalisten-Teams müssen zunächst einen Baumstamm zersägen und dann eine Kugel ein Labyrinth hochnavigieren. Das schnellste Paar gewinnt. Alarmexperte Lars und sein Navigations-Adjutant Dominik holen sich ziemlich souverän den Sieg. Die Gewinner im "Sommerhaus der Stars" heißen Lars Steinhöfel und Dominik Schmitt. Sie dürfen sich über 50.000 Euro freuen.

Allerdings nicht zu lange, denn dann kommt Frauke Ludowig. Noch während im bereits vor Wochen aufgezeichneten Finalspiel das Lametta der Siegeseuphorie den Bocholter Nachthimmel in ein Freudenmeer aus Konfetti verwandelt, schaltet RTL knallhart live zum "Großen Wiedersehen".

Gut frisiert und in feinstem Zwirn sitzen dort alle neun Paare aus der "Sommerhaus" Klasse von 2021 zur erzwungenen Cliquen-Reunion. Gnadenlos präsentiert RTL-Promi-Allzweckwaffe Ludowig die signifikanten Drama- und Konfliktszenen. Die Versöhnungs-Party droht kurzzeitig zu einem verbalen Gladiatorenkampf der Intelligenz-Theoretiker zu verkommen. Zum Glück hat Ludowig eine topfeministische Star-Paartherapeutin dabei, die das Konfliktthema erstmal zu einem geschlechterspezifischen Emotionsgefälle runtertheoretisiert: Frauen machen eben aus jeder Mücke einen Elefanten.

Mike, Michelle, Mom

Vor allem der Part, in dem sich TV-Traumatherapeutin Ludowig um Michelle Monballijn und Mike Cees-Monballijn kümmert, sorgt nicht unbedingt vom Fleck weg für uneingeschränktes Rudelverständnis. Mikes allererste Wortmeldung in der Livesendung startet mit einer Art Entschuldigung an seine Frau. Er wirkt aufgeräumt und tatsächlich auch erstmals in den vergangenen Wochen ehrlich betrübt darüber, was seine Frau seinetwegen aushalten musste. Das reicht aber natürlich nicht allen Beisitzern aus.

Mehrfach unterbricht ihn Ben Melzer, der mit sichtlicher Erregung und stark erhöhtem Blutdruck von "Bullshit" spricht und die Beziehung von Michelle und Mike unter anderem mit dem Satz "selbst im Mittelalter wurden die Frauen besser behandelt" beschreibt. Sogar Mola Adebisi, selbst nicht unbedingt Vorsitzender des Mike-Fanclubs, wirkt überrascht, mit welcher Vehemenz Ben seine abgrundtiefe Verachtung für Mike herauspresst.

Auch Bens Freundin Sissi hat sich eine sehr kategorische Meinung gebildet: "Du brauchst Hilfe, das sieht man doch." Ob ein Pranger-Szenario gleich beim ersten Wiedersehen, wie RTL es im Ludowig-Tribunal inszeniert, unbedingt das fairste Vorgehen ist, muss jeder für sich entscheiden. Acht andere Paare trauen sich – auch nachdem sie Rückenwind durch die Reaktionen von Fans und der Social-Media-Community für ihre Meinung spüren – erst heute, Mike und Michelle Monballijn mehr oder weniger konkret anzugreifen. Neben Ben und Sissi ("ich schäme mich, dass ich das nicht erkannt habe und nicht eingegriffen habe") platzt es auch aus Yasin Cilingir, Sascha und Steff raus.

Lars dagegen zeigt verhaltenes Verständnis. Auch Janina Korn verteidigt Michelle und Mike ein wenig. Sie ist allerdings auch schon nach wenigen Stunden als erste von der „Sommerhaus“-Uni exmatrikuliert worden und hat insofern nichts von der Dynamik der Situation um Mike und Michelle Monballijn in der Hausgemeinschaft mitbekommen. Andere, wie etwa Almklausi, haben zu diesem Zeitpunkt – kurz vor Ende der Sendung – noch kein Wort gesagt.

Am Ende kommen Touristen

Ich bin keine Psychoanalytikerin. Ich kann nur das beurteilen und kommentieren, was im Rahmen eines TV-Formats vor laufender Kamera passiert und gesagt wird. An dieser Stelle endet meine "Erlaubnis", ein Urteil zu fällen. Was in den Wochen nach der Produktion bis heute, dem Tag des großen Wiedersehens, privat und intern bei Mike und Michelle passiert ist, warum sie sich entschieden haben, zusammen zu bleiben, wie sie ihre Beziehung und ihr Verhalten ändern möchten und wie die Erfolgsaussichten aussehen – da steht mir keine Bewertung zu. Ich kenne keinen der beiden persönlich und habe keinerlei Einblick in ihren Alltag. Und es geht mich im Übrigen auch nichts an. Offenbar haben sie sich entschieden, an den Turnaround zu glauben und sich entsprechend helfen zu lassen.

Ich wünsche den beiden von Herzen, dass sie so glücklich, frei und erleichtert leben, wie nur irgendwie möglich. Ob das als Ehepaar gemeinsam passiert oder doch eine Trennung notwendig ist, das können letztendlich nur die beiden entscheiden. Es sollte nur, und das gilt insbesondere für Michelle, eine schonungslos ehrliche und klare Entscheidung sein, egal in welche Richtung sie am Ende läuft. Lernen sollte aber auch RTL. Gerade nach dem Fiasko vom Vorjahr hätte man auch redaktionell an der einen oder anderen Stelle aufklärend eingreifen können oder womöglich müssen. Etwas mehr Fingerspitzengefühl würde ich mir da für die "Sommerhaus"-Staffel 2022 wünschen. Ich werde das beobachten.

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