Die ARD hat sich in einer öffentlichen Stellungnahme bei FDP-Politikerin Katja Suding entschuldigt. In der "Tagesschau" vom Dienstagabend waren in einer Einstellung deren Beine zu sehen. Ein Tabubruch oder übertriebene Angst vor Wutbürgern im Internet?

Die Empörung im Netz ließ nicht lange auf sich warten. Schon wenige Minuten nach dem Ende der "Tagesschau" am Dienstagabend klagten die ersten Nutzer bei Twitter über den "geifernden Blick" der ARD auf die Beine von Katja Suding. Sogar der berüchtigte Hashtag #aufschrei trat in Erscheinung. Während einer Rede von FDP-Parteichef Christian Lindner hatte die Fraktionsvorsitzende der Hamburgischen Bürgerschaft hinter ihm im schwarzen Rock auf dem Podium gesessen. In einer Einstellung fährt die Kamera von Sudings Füßen langsam nach oben. Zu langsam, fanden wohl einige Zuschauer.

Aus diesem Anlass fühlte sich "ARD-aktuell"-Chefredakteur Kai Gniffke veranlasst, im "Tagesschau"-Blog eine reumütige Stellungnahme abzugeben: "Es ist einer dieser Schwenks, die wir in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren noch gesehen haben", sagte Gniffke und entschuldigte sich: "Der Beine-Schwenk gehört auf den Index. Tut mir leid, Frau Suding." Ob Gniffke persönlichen Anstoß an der Kamerafahrt nahm? Die Bilder seien zwar unangebracht gewesen, jedoch "nicht, weil feministische Gäule mit mir durchgehen, sondern schlicht deshalb, weil diese Einstellung dazu angetan ist, einen Teil unserer Zuschauerinnen und Zuschauer zu empören." Es wirkte wie prophylaktische Schadensbegrenzung. Die empörten Kommentare zur "Tagesschau"-Kamerafahrt hatten sich bis dahin nämlich in äußerst überschaubaren Grenzen gehalten. Erst durch Gniffkes öffentliche Entschuldigung rückte der vermeintlich skandalöse Schwenk in den Fokus. Ein Schnellschuss also?

Mitarbeiter lädt versehentlich Sendeablauf der Vortags-Ausgabe.

Was sich einmal über soziale Netzwerke verbreitet, lässt sich so schnell nicht mehr unter den Tisch kehren. Rasch werden einzelne Kommentare so zum Strohfeuer oder zeitgemäßer ausgedrückt: Shitstorm. Twitter und Co. haben sich im Zuge der vergangenen Jahre immer mehr zum gefürchteten Wachhund für politische oder mediale Entgleisungen entwickelt. Mit dieser Form der Publikumsbeteiligung ist auch eine neue Debattenkultur entstanden. Deshalb wurde der Hashtag #aufschrei 2013 auch mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Dank Twitter gelangte das Thema Sexismus plötzlich ins Visier der breiten Öffentlichkeit. Ursache war ein "Stern"-Artikel, in dem die Journalistin Laura Himmelreich ihren Unmut über unangebrachte Äußerungen des damaligen FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle ihr gegenüber zum Ausdruck brachte.

Es kann gut sein, dass Medien wie Politiker durch diese Entwicklung vorsichtiger geworden sind. Oder aber die Umstände zu ihren Gunsten zu nutzen versuchen. Bei genauem Lesen von Gniffkes Blog-Eintrag fällt nämlich auch der folgende Satz auf, der wie ein versteckter Vorwurf wirkt: "Es ist ja nicht so, dass die FDP selbst die Bildregie geführt und darauf geachtet hätte, dass eine besondere Art von Bildern entsteht, die die FDP positiv erscheinen lässt, auch wenn auf solchen Parteigroßveranstaltungen jedes Bild genau kalkuliert ist und die Liberalen ihr Spitzenpersonal natürlich publikumswirksam ins Bild gesetzt haben."

Tabubruch hin oder her - die Causa Suding ist zumindest ein (vermeintlicher) Shitstorm, bei dem die gebeutelten Liberalen mal nicht die Zielscheibe sind.