Es ist immer ein Vabanquespiel, wenn der Zuschauer am Sonntagabend beim vertrauten "Tatort" den Täter schon nach wenigen Minuten kennt. Dann kann der Film seine Spannung nicht mehr aus der Frage nach dem "Wer war's?" ziehen. Es geht vielmehr darum, auf welche Weise der Kommissar dem Mörder auf die Schliche kommt. Und das gelingt Borowski in Kiel eindrucksvoll.

Beim Jubiläums-"Tatort" aus Kiel - Borowski (Axel Milberg) ermittelt dort seit zehn Jahren - stellt sich noch eine weitere Frage: Warum tut Sabrina Dobisch, sensationell gespielt von Lavinia Wilson, das alles? Warum tötet sie gleich mehrfach? Und warum entwickelt sich nicht ein Hauch von schlechtem Gewissen bei ihr? Am Ende wird nicht jede offene Frage beantwortet. Aber unterhaltsam ist es, wie eigentlich fast immer, wenn der Kommissar aus dem Norden seine durchweg ungewöhnlichen Fälle löst.

Worum geht's hier eigentlich?

Gute Frage. Zunächst geht es um eine junge Frau, die - offensichtlich von Komplexen gepeinigt - ihrer Auffassung nach nicht genügend Aufmerksamkeit durch ihre Umgebung erfährt. Die sich einfach mal ein "Danke" wünscht. Die sich nach Mitgefühl sehnt. Um das zu erreichen, lässt sie auf der Straße eine Katze frei, in der Hoffnung, diese würde dann von einem herbeirasenden Wagen überfahren und jeder würde sich danach besorgt um sie, die vermeintliche Besitzerin, kümmern. Doch alles kommt anders: Die Autofahrerin weicht aus, fährt einen jungen Mann tot und rauscht in einen Blumenladen. Spontan lügt sich die Täterin eine neue Geschichte zurecht, in der sie als Heldin des Alltags gefeiert wird. Doch Borowski hat Zweifel.

Wie nervenzerfetzend ist die Spannung?

Spannend im eigentlichen "Tatort"-Sinne ist hier erstaunlich wenig. Das Drehbuch des erfahrenen "Tatort"-Autors Sascha Arango zieht seinen Reiz vielmehr zum einen aus der Frage nach dem "Warum?": Warum baut sich das Mädchen ein solch fragiles Lügengebäude auf? Und zum anderen geht es um die Frage, wie es Borowski am Ende zum Einsturz bringt. Die achtminütige Enttarnung der Täterin gehört fraglos zu den besten "Tatort"-Szenen dieses Jahres.

Ergibt das alles Sinn?

Gleich zu Beginn sieht der Zuschauer Borowski einen Vortrag vor Schülern über das Wesen des Bösen halten. Seine Feststellung: Die Frage ist nicht, warum Menschen Böses tun, sondern warum sie es nicht tun. Insofern ergibt dieser "Tatort" allemal Sinn, indem er die Betrachter auffordert, sich selbst Gedanken über das Böse zu machen. Inhaltlich diesmal die Sinnfrage zu stellen, erübrigt sich fast. Natürlich kann man sich ein solches Verhalten im wahren Leben bei einem Verbrecher nicht vorstellen. Wer findet, dass der "Tatort" zwingend realistisch zu sein hat, war in Kiel schon öfter falsch aufgehoben. Das ist diesmal nicht anders.

Braucht man das Drumherum?

Schleichend hat sich Kommissar Borowski in all den Jahren vom unfreundlichen, wortkargen Einsiedler hin zum durchaus gesellschaftsfähigen, ja gar freundlichen Mordermittler entwickelt. Das ist eigentlich schade. Borowski war einst ein echt kruder, seltsamer Typ. Heute sind die meistens Kanten glatt. Privates wird diesmal so gut wie gar nicht erzählt. Nichts über die Epilesie-Erkrankung der Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli), nichts über Borowskis Tochter, ganz wenig über seine leise versteckte Sehnsucht nach Liebe. Einzige Ausnahme: Sein Chef schießt sich aus Versehen in den Fuß ...

Würde man diese Kommissare im Notfall rufen?

Absolut. Borowski ist vertrauenswürdig, seriös und akribisch in seiner Arbeit. Außerdem verfügt er über einen guten Riecher und die notwendige Portion Einfühlungsvermögen. Kollegin Brandt indes kennt sich mit moderner Technik aus und hat das Herz am rechten Fleck. Ein sympathisches und uneitles Duo.

Wie fies sind die Verbrecher?

Sehr fies. Und dann doch eigentlich wieder gar nicht. Sabrina Dobisch - die Lügnerin mit den schönen Beinen im Blümchenkleid - will niemanden töten und tut es dann doch zweimal. Dass sie am Ende ausgerechnet für den Mord bestraft wird, den sie gar nicht begangen hat, während ein anderer unaufgeklärt bleibt, ist eine interessante Ironie der Geschichte.

Muss man das sehen?

Unbedingt. Einen "Tatort" wie diesen sieht man selten. Eine faszinierende Krimi-Parabel und ein angemessener Fall zum Jubiläum von Axel Milberg © 1&1 Mail & Media/teleschau