In wenigem sind sich "Tatort"-Fans einig, in einem meistens doch: Die Fälle der Berliner Ermittler Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) eignen sich meistens nur zu einem guten Zweck – als Einschlafhilfe, wenn man an einem Sonntagabend mal früher ins Bett gehen möchte. Mit dem aktuellsten Fall "Tatort: Gegen den Kopf" ist diese alte Gewissheit jedoch flöten gegangen. Erzählt wurde eine beklemmende Geschichte über brutale U-Bahn-Schläger, Zivilcourage und sensationsgeile Gossenreporter. Der Fall polarisierte – und überzeugte über weite Strecken.

Der Berliner "Tatort" begann mit einer Szene, die jeder kennt und fürchtet, der zu ungewöhnlichen Uhrzeiten im Untergrund pendelt: In den frühen Morgenstunden eines Tages, der wie so oft in Berlin grau und wie ausgekotzt wirkt, pöbeln zwei Jugendliche einen gehbehinderten Rentner in der U-Bahn an. Erst nehmen sie ihm seine Spezialkrücke weg, dann fordern sie für deren Rückgabe plötzlich Geld. Mark Haessler (Enno Kalisch), ein groß gewachsener Mann, der die rüpelhafte Anmache zufällig beobachtet, kann nicht länger zusehen. Er geht dazwischen und weist die beiden Rabauken zurecht. Doch die wollen sich sein Eingreifen nicht einfach so bieten lassen – vor allem nicht, weil sie fürchten, dass Haessler ein Handyfoto von ihren Übergriffen gemacht hat.

Ein ganz alltäglicher U-Bahn-Held

An der Station Schönleinstraße in Kreuzberg steigt das Trio aus. Wenig später liegt der Mann, der mutig so etwas wie Zivilcourage bewiesen hatte, schwer zusammengeschlagen auf dem Bahnsteig. Dann ist er tot. Die Jungs, die jeder im Zug gesehen hat, sind spurlos verschwunden. Ganz spurlos? Natürlich nein. Fieberhaft lassen die Berliner Kommissare, die an den Tatort gerufen werden, alle verfügbaren Bilder der Überwachungskameras auswerten. Noch während die Spurensicherung arbeitet, setzt ein teuflischer Wettlauf gegen die Zeit ein: Eine Radiostation rüttelt die Großstadt mit der Sensationsmeldung des tot geprügelten U-Bahn-Opfers wach. Schon bald flackern die Kerzen, und die Blumensträuße auf dem Bahnsteig häufen sich. Doch für Stark und Ritter steigt der Druck: Immer rascher müssen sie Ergebnisse liefern – ihre Chefin bittet sie fast stündlich zum Rapport. Doch vorzuweisen haben sie zwar viele Spuren – aber lange Zeit keine Täter.

Konzentration wäre besser gewesen – noch besser

Der vom zweifachen Grimme-Preisträger Stephan Wagner geschriebene und selbst inszenierte Fall ging unter die Haut – gerade weil die Kommissare lange so hilflos und die Lügen des eiskalten Schlägers so dreist sind. Ein wenig Schwung verschenkt der "Tatort", weil er wieder einmal nicht ganz bei der Sache bleiben kann, sondern zwischenzeitlich Gefahr läuft, sich in Nebenstränge zu verlieren (etwa die geheime Liebesaffäre des Opfers sowie die Räuberpistole des "Maulwurfs" bei der Polizei, der die Paparazzi und Schmierenschreiber der Presse bereitwillig mit Insider-Informationen versorgt). Dennoch packte die Erbarmungslosigkeit des Themas – in einem der besten Berlin-Fälle seit längerem. Bei diesem "Tatort" konnte man auch hinterher kaum einschlafen.