Erst einmal tief durchatmen! Schließlich forderte der Frankfurter "Tatort: Unter Kriegern" die zarte Zuschauerseele von Beginn an heraus. Nicht etwa durch Blut und Waffen - sondern aufgrund einschneidender psychischer Gewalt, die sich im neuen Fall von Brix und Janneke vor allem in der empathielosen Elite und den Abgründen des Leistungssports spiegelte.

Was war los?

Im Keller eines Sportleistungszentrums findet man ein totes Kind. Malte Rahmani (Ilyes Raoul Moutaoukkil) wurde getötet, indem man ihn einsperrte und verhungern ließ. Die aufgewühlten Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) verdächtigen Hausmeister Sven Brunner (Paraderolle für Stefan Konarske), auf den alles hindeutet: Er traf sich öfter mit Malte, hatte den Schlüssel, ist aggressiv ("Bullenarsch"), zudem Ex-Hooligan, er rastet im Verhör laufend aus.

Worum ging es wirklich?

Um Kindermord ging es diesmal nicht im erwarteten Sinne. Die schreckliche Tat war für den "Tatort" nur Aufhänger, um mit einer narzisstischen Elite abzurechnen, die sich selbst und ihre Kinder durch Leistungsfetisch und emotionale Kälte zu Monstern macht. So kaputt der Mordverdächtige auch dargestellt wurde - viel mehr ekelte man sich vor dem Leiter des Zentrums Joachim Voss (wunderbar: Golo Euler), dem Inbegriff des emotional beschädigten Managers, der für einen wichtigen Posten als Sportfunktionär alles tut. Kurz zusammengefasst: ein "German Psycho" aus dem Bilderbuch.

Was war besonders schlimm?

Kann man kaum sagen - so vielfältig erschreckend waren die Abgründe, die der "Tatort" grandios inszenierte. Am brutalsten war wahrscheinlich der Sadismus, mit dem Voss und sein ebenso zugerichteter Stiefsohn Felix auf dessen Mutter Meike eindreschen. Die laufende Erniedrigung äußerte sich vor allem in Worten: "Wenn sie wenigstens die Wohnung sauberhalten würde", so Voss, und: "Du bist schlicht nicht vorzeigbar"; "Ey, wir haben Hunger, Mann!" wird sie vom Sohn angeschrien. Kein Wunder, dass sie sich, als Häufchen Elend von Lina Beckmann denkwürdig gespielt, über Giftspritzen informiert und über den Mord an ihrem Mann fantasiert.

Wie schaffte es der "Tatort", dass man plötzlich ein Kind verachtete?

Ja, es wird jeder gemerkt haben: Der neue "Tatort" begann für die Zuschauer mit dem heimlichen Drang, ein Kind zu würgen. Denn der Bengel, der da zu sehen war, drangsaliert seine Mitschüler, erpresst den Lehrer nach einer besseren Note und ignoriert am Boden liegende alte Damen. Jener bereits erwähnte Felix, ein klassischer Bully, fantastisch herzlos verkörpert vom Nachwuchsschauspieler Juri Winkler, ist natürlich nur Produkt seiner Erziehung: "Gibst du auf? - Niemals!" - Diese Parole prügelt ihm der Vater ein.

Was sollte die eigenartige Therapie-Nebenhandlung?

Vielleicht Kritik an unmenschlicher Therapie, vielleicht Gelegenheit, das Ganze noch abgründiger zu machen, nun wo es eh schon egal war. In einer eigentlich nicht notwendigen Nebenhandlung ging der "Tatort" auf die fragwürdige Therapieform ein, der sich der zunächst Verdächtige Brunner unterzieht. Im "Verein für soziale Neuorientierung", geleitet von einem abermals psychopathisch wirkenden Charakter namens Kristof Waldner (Marek Harloff), leben die Patienten ihre Aggressionen aus, beschimpfen und beleidigen sich. Ja, selbst die, die angeblich helfen, sind in diesem "Tatort" jenseits jeder Vernunft.

Gibt es derlei Therapieformen wirklich?

Psychologisch anerkannt sind sowohl Anti-Aggressions-Training als auch Anti-Aggressions-Therapie. Ersteres richtet sich auf die Änderung des Verhaltens, zweitere sucht eher nach den Ursachen. Wie in allen Bereichen gibt es allerdings zahlreiche zwielichtige Angebote von selbsternannten Wunderheilern.

Wie realistisch war das Ganze?

Der "German Psycho"-Manager ("Immer ein Beweger bleiben"), sein ebenso brutaler Ziehsohn ("Ich sauf dein Blut, Hure!"), die völlig kaputte Mutter ("Du bist ein Teufel!"), dazu der Verdächtige, der mit Aggroblick herumschreit, sowie sein "Therapeut", der Gewalt mit Gewalt beantworten will - sie mögen stereotyp gezeichnet wirken. Man wünschte es sich, aber ahnt insgeheim, wie viel Wahrheit in diesen Charakterdarstellungen steckt. Die Hölle, sie umgibt uns - versteckt unter einer dürftigen Kruste aus Zivilisation. Und: Von den gesellschaftlichen Verhältnissen zugerichtet sind nicht nur die Abgehängten des Prekariats. Gerade die Gewinner und sogenannten "Leistungsträger" des Systems bewegen sich nicht selten am Rand der psychosozialen Verkommenheit.

Wie reagierten die Ermittler auf all diese Abgründe?

Fast beruhigte es, nebenher zu sehen, wie ein vom Fall aufgewühlter Kommissar angesichts der ekelhaften Elitetypen wütend wird, billige Wortspiele bringt ("Mit 20 war er Judokader - heute legt er andere mit Investments aufs Kreuz") und sich auf dem schwierigen Frankfurter Wohnungsmarkt eine neue Bleibe suchen lässt. Endlich ein normaler Mensch! Ebenfalls fast halb witzig in diesem Zusammenhang: Staatsanwalt Cariddi (Bruno Cathomas) und das Schweigen über seine Wunde, die ihm von Straßenschlägern zugefügt wurde.

Wie gut war der "Tatort"?

Kaltherzige Elite, unterdrückte Frauen ohne Ausweg, fragwürdige Therapiemethoden und das dunkle Management des Leistungssports - der Frankfurter "Tatort" bot ein dunkelbuntes Spektrum der psychischen Zerstörtheit. Allein, dass man als Zuschauer Hass auf ein Kind entwickelte und mit einer gepeinigten Ehefrau fäusteballend mitlitt, beweist die Stärke des Films. Beklemmender Psychothriller mit herausragenden Darstellern - inszeniert von der mehrfachen Grimmepreisträgerin Hermine Huntgeburth.

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