• Im Ludwigshafener "Tatort: Unter Wölfen" wird ein größenwahnsinniger Nachtclubbesitzer ermordet.
  • Lena Odenthal stößt auf die enge Verbindung zwischen Politik und privaten Sicherheitsdiensten.
  • Es kommt zum Machtkampf zwischen der Kommissarin und dem skrupellosen Chef einer Security-Firma.
  • Ein gelungenes Weihnachtsgeschenk ist dieser "Tatort" leider nicht.
Iris Alanyali.
Eine Kritik
von Iris Alanyali

Lena Odenthal ist wieder da. Ausgerechnet die dienstälteste "Tatort"-Kommissarin war im Jubiläumsjahr kaum zu sehen – im März hatte sie ihren einzigen Fall. Jetzt bekommt Odenthal (Ulrike Folkerts) aber immerhin den traditionellen "Tatort"-Sendeplatz am zweiten Weihnachtsfeiertag.

In "Unter Wölfen" wird der fiese Macho und Nachtclubbesitzer Timur Kerala mitten in der Nacht an einer Ampel aus seinem 200.000-Euro-Ferrari gezerrt, verprügelt und später tot ohne seine 20.000-Euro-Uhr im Sand einer Baustelle verbuddelt. Aus der hebt ihn am nächsten Morgen ein Baggerführer sehr fotogen mit seiner Schaufel in die Lüfte – ein vielversprechender Anfang für diesen "Tatort", der die industrielle Seite Ludwigshafens in kühlen, klaren Bildern ausleuchtet.

Machtkampf in der Unterwelt

Bald stellt sich heraus, dass es um einen Machtkampf in Ludwigshafens Unterwelt geht: Gerhardt Arentzen, schmieriger Chef eines Security-Unternehmens, passte es ganz offensichtlich nicht, dass Kerala mit eigenen Türstehern ins Geschäft einsteigen wollte.

Ein äußerst lukratives Geschäft, zumal sich der genauso schmierige Innenminister Theodor Lenglich (Nils Düwell) ganz gut damit arrangiert hat, dass dank der Sparmaßnahmen bei der Polizei zunehmend Halbweltunternehmer wie Arentzen für die Sicherheit offizieller Stellen und Personen sorgen.

Und der führt sich tatsächlich auf wie der pflichtschuldige weiße Ritter zur Verteidigung von Recht und Ordnung angesichts staatlicher Unfähigkeit: "Die Politik spart Sie zu Tode", spuckt Arentzen Lena Odenthal vor die Füße, als sie ihn vernimmt, "die Justiz verrät Sie in jedem zweiten Strafverfahren, und die, die Sie eigentlich beschützen sollten, beschimpfen Sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit." Sie solle sich mal nicht so anstellen. Und lieber nicht einmischen: "Die Unterwelt regelt sich von selbst".

So viel selbstherrliches Machtgebaren ist natürlich genau das Richtige für Lena Odenthal. Mit mühsamer Beherrschung und der Unterstützung der gewohnt besonnenen Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) macht sie sich daran, herauszufinden, wer da wann und warum gegen die Regeln verstoßen hat – die der Straße und die der Polizei.

Aber dann scheinen alle, die bereit sind, den Kommissarinnen zu helfen, dafür bezahlen zu müssen. "Unter Wölfen" wird härter und härter, zeigt ein ungeschöntes Bild von der Gewalt und Unbarmherzigkeit, die herrschen, wenn Gesetzlose glauben, ihre eigenen Gesetze machen zu können.

Odenthal als einsame Wölfin unter Wölfen

Als Timur Keralas Ex-Frau (Annika Blendl) im Krankenhaus landet und Lena Odenthal ihre kleine, aber zähe Tochter (Lucy Loona) bei sich aufnimmt und Johanna Stern auf Recht und Ordnung pocht, wo Angst und Willkür herrschen, da wird Odenthal wieder zur einsamen Wölfin unter Wölfen, fest entschlossen, den Schuldigen das Handwerk zu legen. Koste es, was es wolle. Und auch sie wird bezahlen ...

"Unter Wölfen" vom Odenthal-erfahrenen Regisseur und Drehbuchautor Tom Bohn hätte ein abgeklärter, schnörkelloser "Tatort" für seine abgeklärte, schnörkellose Ludwigshafener Kommissarin werden können. Zu einem Thema – die folgenschwere Privatisierung öffentlicher Sicherheit -, das viel Stoff zum Nachdenken bietet. Und mit einer Figur, Arentzen, der man bei aller kriminellen Energie eine moralische Vielschichtigkeit verleihen hätte können.

Der Rottweiler sticht positiv heraus

Szene aus "Tatort: Unter Wölfen".

Aber Thure Riefenstein als Arentzen schafft den Spagat leider nicht wirklich – auch deshalb nicht, weil "Unter Wölfen" ziemlich dürftig erzählt ist. Ein Patzer in den ersten Minuten des Films wird so zum schlechten Omen: Da sieht man die Entführer Keralas wieder in die Autos steigen und abfahren – aber man sieht auch, wie auf dem Gehweg der Hochstraße über ihnen ein Komparse auf einem Fahrrad wartet und dann ganz offensichtlich auf Anweisung der Regie brav losradelt.

Mit hölzernen Dialogen und unsinnigen Einfällen geht es weiter – warum agiert einer wie Arentzen aus einem ausrangierten Eisenbahnwaggon heraus? Selbst wenn es sich dabei um einen eleganten Pullmannwagen handelt – die Kulisse ergänzt hier nicht die Charakterzeichnung, sondern irritiert nur und wird höchstens zum Hinweis auf das behäbige Erzähltempo.

Es rumpelt wie eine Eisenbahn, über weite Strecken viel zu langsam, dann plötzlich absurd actiongeladen. Auch was die schauspielerischen Fähigkeiten und Kampfszenen angeht, sticht vor allem Arentzens Rottweiler Lothar positiv heraus.

Nein, ein Weihnachtsgeschenk ist dieser "Tatort" nicht. Der Sendeplatz scheint eher der Versuch zu sein, "Unter Wölfen" zu "versenden", in der Annahme, dass niemand guckt. Denn wer am 26. nicht einschaltet, verpasst nicht viel.

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Teaserbild: © SWR/Jacqueline Krause-Burberg