Klaus Borowski trifft in seinem neuesten Fall auf eine mysteriöse Pädagogik-Bewegung aus vergangenen Tagen. Das Traurige an diesem Film: Er hat einen realen Hintergrund.

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Im neuesten "Tatort"-Fall aus Kiel muss sich Ermittler Klaus Borowski alias Axel Milberg mit einer zweifelhaften Erziehungsbewegung auseinandersetzen.

Diese wendet trotz ihres anti-autoritären Grundtenors streng autoritäre Führungselemente an. Überschattet wird dies zusätzlich von vertuschten Missbrauchsfällen in der Vergangenheit.

Ein Paradoxon, das nur im Film existiert oder gibt es ein reales Vorbild?

Das denkt Axel Milberg über den "Tatort"-Fall

Hauptdarsteller Milberg stellt im Interview zu seinem neuen Film klar, dass "alles sorgfältig recherchiert" wurde und es auch ihn überrascht habe, dass die dargestellten Problematiken aus den 60er und 70er Jahren tatsächlich ein reales Phänomen behandeln.

"Die eigene traumatische Erinnerung an NS-Erziehung und Nazi-Eltern machte es vielen schwer, das richtige Maß für eigene idealistische Ideen zu finden", versucht sich Milberg in einem Ansatz der Erklärung.

Gibt es einen realen Hintergrund?

Parallelen zum Fall der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim sind offensichtlich: Ende der 90er Jahre wurden erste Berichte publik, wonach dort jahrzehntelang und systematisch sexueller Missbrauch an Schülerinnen und Schülern stattfand.

Das mittlerweile insolvente Landeserziehungsheim in freier Trägerschaft galt zuvor lange Zeit als ein Vorzeigeinternat und Musteranstalt der populären Reformpädagogik, ein alternativer Ansatz von Schule, Unterricht und allgemeiner Erziehung nach Prägung des Philosophen Jean-Jacques Rousseau.

Nacktsport mit entblößten Lehrern

So zählte unter anderem zum Konzept ein Mitgestalten, Mitbestimmen und Mitverantworten der Schüler, aber zum Beispiel auch ein skurriler Nacktsport für Mädchen und Jungen – inklusive entblößter Lehrkräfte. Auf Jahrgangsstufen wurde komplett verzichtet, Lehrer wurden durchgängig geduzt. Ein Mekka der modernen Pädagogik? Mitnichten!

1998 wurden erste Berichte ehemaliger Schüler bekannt, nach denen vor allem in den 70er und 80er Jahren Dutzende Schüler durch den damaligen Direktor Gerold Becker und dessen Lehrkräfte sexuell missbraucht worden seien.

Es sei nahezu täglich zu Übergriffen in allen erdenklichen Konstellationen und Situationen gekommen. Eine strafrechtliche Aufarbeitung dieser Fälle fand bis heute nur in ganz wenigen Einzelfällen statt. Viele der ehemaligen Lehrer waren schon gestorben, die allermeisten Taten verjährt.

Riesiger Aufschrei in den Medien

Dennoch gab es eine öffentliche Aufarbeitung der Vorkommnisse und der Aufschrei der Medien war riesengroß: Zwei Juristinnen wurden mit der intensiven Untersuchung der angeblichen Missbrauchsfälle beauftragt. Ihrem Bericht zufolge konnten zwischen den Jahren 1965 und 1998 Übergriffe auf 132 Schüler belegt werden, die Dunkelziffer sei jedoch riesengroß.

Sozialpsychologen sahen sich die Zustände auf der Odenwaldschule anschließend ebenfalls genau an. Ihr Fazit: Gerold Becker habe den Zeitgeist der freiheitsliebenden 60er und 70er Jahre ausgenutzt und einen Liberalisierungsprozess von der vorangegangenen NS-Zeit angestoßen. Jedoch nur scheinbar: Eigentlich habe er damit die Basis für ein sexuelles Missbrauchssystem geschaffen.

Externe Schulaufsichten hätten versagt. Die Schüler seien von den Pädagogen in Beziehungen verstrickt worden, die von emotionaler Ausbeutung und sexueller Aufladung geprägt waren. Die Jugendlichen hätten kein Regulativ besessen, das ihnen geholfen hätte, den verbrecherischen Charakter der Missbräuche zu entlarven. Es seien Ringe des Schweigens um die Schule gezogen worden, um die Taten zu vertuschen. (dr)  © spot on news

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