Sonntagabend feiert der fünfte Til-Schweiger-"Tatort" "Tschiller: Off Duty" seine Fernsehpremiere (ARD, 20:15 Uhr). Der Fall wurde 2016 als erster Teil der Reihe fürs Kino produziert – und floppte dort gnadenlos. Was ist da passiert?

Eine Kritik
von Christian Genzel, Freier Autor

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2013 hatte Til Schweiger seinen ersten Einsatz als "Tatort"-Kommissar Nick Tschiller: Ganz entgegen der üblichen "Tatort"-Gepflogenheiten setzte die Folge "Willkommen in Hamburg" auf geballte Action und großen Krawall. Mit 12,74 Mio. Zusehern erreichte Schweiger damit die beste Einschaltquote seit zwanzig Jahren.

Brachial ging es auch weiter, aber mit abnehmendem Interesse: Die zweite Folge "Kopfgeld", die 2014 einen neuen "Tatort"-Leichenrekord aufstellte (19 Tote!), hatte noch 10,16 Mio., aber bei Folge 4, "Fegefeuer", waren es nur noch 7,78 Mio. Schweiger wetterte derweil in den Medien, dass das "Land der Neider" dieses "Stück deutsche Fernsehgeschichte" verkennen würde.

Vielleicht war auch das ein Grund, dass Tschillers erster Kinoeinsatz "Off Duty" gar nicht mehr zünden wollte. Nur ungefähr 275.000 Besucher wollten das immerhin acht Millionen Euro teure Spektakel sehen - ein Debakel für jemanden, der sonst ein Millionenpublikum anzieht: "Keinohrhasen" schaffte über 6 Mio., "Honig im Kopf" über 7.

Selbst Schweigers voriger Ausflug ins Action-Genre, der gleichermaßen gefloppte "Schutzengel", erreichte über 700.000 Kinobesucher.

Nicht originell, aber handwerklich top

"Off Duty" knüpft an die vorigen Tschiller-Geschichten an – die man aber nicht gesehen haben muss, um der recht simplen Geschichte folgen zu können. Aufhänger ist diesmal Tschillers Tochter Lenny (Luna Schweiger), die im Alleingang nach Istanbul reist, um dort den Mörder ihrer Mutter, Firat Astan (Erdal Yildiz), zu stellen.

Aber der 17-Jährigen fehlt die Skrupellosigkeit, den Mann auch zu erschießen, und so wird sie entführt und nach Moskau verschleppt. Tschiller und sein Freund Gümer (Fahri Yardim) begeben sich also auf eine Hetzjagd durch die Türkei und Russland, um Lenny zurückzuholen – und treffen dabei auf allerlei üble Gestalten.

Originell ist das kaum. Die Fahrtrichtung erinnert an die Liam-Neeson-Reihe "96 Hours", in der ebenfalls die Tochter in die Fänge von Menschenhändlern gerät und dessen zweiter Teil nach Istanbul führt. Nebenbei fühlt man sich in den dreckigen Action-Inszenierungen von Bond und Bourne, das Gefrotzel zwischen Tschiller und Gümer dagegen stammt aus jedem Buddy-Streifen, der je gedreht wurde.

Immerhin: Handwerklich ist das alles sauber aufgezogen. Die Action ist hart, das Tempo wird nur durch die Überlänge von 140 Minuten in die Knie gezwungen. Ob Tschiller über die Dächer von Istanbul hetzt oder in einem Feld in Russland gegen einen Killer mit Mähdrescher (!) kämpft – Regisseur Christian Alvart packt eine schick aussehende Power-Sequenz an die nächste.

Und das muss man Schweiger und Alvart letztlich lassen: Bei all dem Gejammer der Kinogänger, es solle mehr Genrefilme aus Deutschland geben, gehören sie zu den wenigen, die tatsächlich genau das liefern. "Off Duty" steht den Vorbildern technisch kaum nach – dass es nicht stets plausibel zugeht und letztlich nur der Krawall im Mittelpunkt steht, gilt für viele Hollywood-Produktionen ja ebenso. Wer die schätzt, kriegt mit "Off Duty" also gute Ware.

Wieso der Kinoflop?

Es wurde viel darüber debattiert, warum "Off Duty" so wenig Kinogänger anlockte. Vorab wurde der Film nur ausgewählten Pressevertretern gezeigt, was sicherlich nicht half.

Die Berichterstattung war reduziert, und die Kritiken, die dann auftauchten, sehr verhalten. "Hirnloser Männerquatsch", hieß es im TV-Magazin "Kinokino", selbst das US-Branchenblatt "Hollywood Reporter" schrieb über die internationale Version, sie sei "gleichzeitig schrill und hoffnungslos gewöhnlich".

Vielfach wurde angeführt, dass der "Tatort" eben eine Fernsehreihe sei: Die Zuseher gingen nicht ins Kino für etwas, das sie ständig umsonst im Fernsehen kriegen würden. Nur ein "Tatort"-Kommissar schaffte es bislang ins Kino: Götz George hatte als Horst Schimanski die beiden Leinwand-Einsätze "Zahn um Zahn" (1985) und "Zabou" (1987). Er hatte dabei 2,7 bzw. 1,5 Mio. Besucher.

In Schimanski ist dann vielleicht auch die Antwort auf das "Off Duty"-Desinteresse zu finden: Der war eine spannende Figur mit Ecken und Kanten. Schweigers Tschiller dagegen ist nur eine weitere Version des Typs, den er immer spielt: Harter Kerl, verkniffener Blick, ein paar Sprüche, viel Männlichkeit, ständiger Sieger, und in jeder Einstellung auf maximale Coolness getrimmt.

Wenn hier plötzlich kleine Kinder lustige Fratzen schneiden würden oder der demenzkranke Dieter Hallervorden ins Bild tappen würde, wäre das gar kein allzu großer Bruch: Schweiger spielt halt wieder Schweiger, und Tschiller bietet als Figur keinerlei Alleinstellungsmerkmal.

Ins Kino geht man letztlich selbst bei "Non-Stop-Action", wie sie Schweiger versprach, am liebsten, wenn einen auch die Geschichte und die Leute darin interessieren.

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