So vielfältig ging es schon lange nicht mehr bei "The Voice of Germany" zu. Ein Sänger, der alles auf die Show setzt, eine Best-Agerin mit trauriger Vergangenheit und ein Novum in der "Voice"-Geschichte. Vor allem aber machten die Kandidaten diesmal mit ihren Songs, was sie wollten.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock, Freier Autor

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Da steht er nun. Mit seinem kleinen schwarzen Hütchen, den Tattoos und den langen Haaren sieht Taylor Shore ein bisschen wie eine Mini-Version von Slash aus. Doch bei der Optik hört der Vergleich dann auch schon auf, denn ansonsten hat Shore mit dem Guns n' Roses-Gitarristen nichts gemeinsam.

Das fängt schon bei der Songauswahl an. Der Düsseldorfer hat sich für seinen Auftritt bei "The Voice of Germany" für "Incomplete" von den Backstreet Boys entschieden. Den Song dreht er erst einmal auf links, macht aus dem Schmachtfetzen eine kleine Rocknummer.

Dafür gibt’s von den Coaches Applaus, auch wenn sich nur Mark Forster und Michael Patrick Kelly für den gebürtigen Tunesier umdrehen. Lob erhält Shore aber nicht nur für seinen Mut, den Song ganz neu zu interpretieren, sondern auch für seine Risikobereitschaft, überhaupt bei "The Voice of Germany" teilzunehmen.

Dafür hat der 34-Jährige, der seit seinem siebten Lebensjahr unbedingt Sänger werden will, nämlich einen ungewöhnlichen Weg gewählt: "Ich musste meinen Job kündigen, um heute hier zu sein", erklärt Shore, der eigentlich in der IT-Branche arbeitet, damit aber unglücklich war: "Es hat mir meine ganze Zeit weggesaugt."

Mit 54 Jahren ist noch lang noch nicht Schluss

Shores Mut, ein zumindest finanzielles Risiko einzugehen, hat sich zumindest bei den Blind Auditions gelohnt, denn Forster und Kelly wollten ihn und Kelly bekam ihn. Damit ist Shore nicht nur ein ungewöhnlich risikofreudiger Kandidat, sondern auch das beste Beispiel dafür, was anders läuft bei "The Voice of Germany".

Während bei Konkurrenz-Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" in der Regel die immer gleichen Typen fürs immer gleiche Zielpublikum reproduziert werden, zeigt "The Voice" bedeutend mehr Vielfalt. Und davon gab es in Folge acht besonders viel.

Zum Beispiel Chantal Dorn. Die Schauspielerin aus Bregenz ist mit 54 Jahren nicht nur die älteste Teilnehmerin an diesem Abend, sondern hat auch noch die traurigste Geschichte im Gepäck. Sie verlor einst ihre 4-jährige Tochter, der sie auch ihren Song "You are so beautiful" widmet: "Natürlich ist der Song auch für meine Tochter."

Trotz dieses traurigen Hintergrunds will Dorn mit ihrem Auftritt auch beweisen, dass das Leben noch nicht gelaufen ist, nur weil sie 54 ist: "Wenn ich sage, es ist gelaufen, ist es gelaufen." Das findet auch Smudo beim Werben um die Sängerin: "Ich finde, wir Best-Ager müssen zusammenhalten." Trotzdem geht Dorn am Ende zu Yvonne Catterfeld.

Das gab's noch nie bei "The Voice of Germany"

Während Dorn also die Fahnen der Best-Ager hochhält, schreibt Sinem Uraz aus Hamburg eine ganz andere Geschichte. Die 18-Jährige ist die erste Kandidatin der "Voice"-Historie, die auf Türkisch singt. "Es ist schon ein Risiko mit einem türkischen Song hier anzukommen, aber es ist mir eine Herzensangelegenheit", erklärt die Sängerin mit den türkischen Eltern.

"Ich finde, sie hat eine erstaunliche Klarheit", urteilt Smudo über Uraz' Version des Liedes "Isyan". Die anderen Coaches sehen es ähnlich, alle wollen die 18-Jährige, aber nur Mark Forster erhält den Zuschlag.

Alt oder jung, deutsch oder türkisch, Profi oder Amateur: "The Voice of Germany" ist der momentan wohl vielfältigste Gesangswettbewerb im deutschen Fernsehen. Besonders ist aber nicht nur die Vielfalt der Teilnehmer, sondern auch deren Mut, Dinge einmal anders zu machen.

Macht doch, was ihr wollt

Taylor Shore war nämlich nicht der Einzige, der seinen Song völlig neu interpretierte. Auch Fabrice Richter-Reuchhelm wagte Neues und klopfte aus Materias "Welt der Wunder" jeglichen Rap-Anteil. Das gelang auch Lars Kamphausen aus Kerken. Der 19-Jährige präsentierte "Traum" von Rapper Cro in einer Akustik-Balladen-Version.

So viel Experimentierfreude steckte sogar die Coaches an. Während Kamphausen die beiden auf der Akustik-Gitarre begleitet, schicken Mark Forster und Michi Beck den Fanta-Hit "Sie ist weg" einmal durch die Balladen-Abteilung. Das klingt zumindest interessant.

Einmal noch, am kommenden Donnerstag, dürfen sich die Kandidatinnen und Kandidaten in ihrer Risikofreude und Farbigkeit ausprobieren. Dann wird die Vielfalt allmählich wieder kleiner werden, denn dann beginnen die Battles.

Seit ein paar Jahren erleben Schallplattenspieler ein wahres Revival. Waren sie nach Einführung der CD schon totgesagt, sind sie jetzt unter echten Musik-Fans absoluter Kult.