Was war in den vergangenen Wochen und Monaten nicht alles über Markus Lanz geschrieben worden? Eineinhalb Jahre Dauerkritik hat der Moderator mittlerweile hinter sich. Von Medienhetze war irgendwann die Rede, aber auch von einem ernsten Gespräch über die Zukunft von "Wetten, dass ..?". So etwas kann an niemandem spurlos vorübergehen, auch nicht an dem so glatten Markus Lanz. Und auch die Tatsache, dass "Wetten, dass..?" mit der gestrigen Folge mit unter sechs Millionen Zuschauern auf dem absoluten Quotentiefpunkt gelandet ist, dürfte seine Spuren hinterlassen.

Markus Lanz lächelt die Beleidigungen und Kritiken, die Onlinepetitionen und Zeitungsverrisse der vergangenen Wochen einfach weg, betritt die "Wetten, dass..?"-Bühne in Düsseldorf und stellt sich dem, was da kommen mag. Und das ist tosender Applaus. Das Publikum im Saal will gar nicht aufhören. Und Lanz will es auch nicht. "Danke, Danke, Danke. Ich bin überwältigt von diesem Empfang, Vielen Dank!" Die Dankbarkeit nimmt man Lanz nur zu gerne ab. Das muss Balsam für seine geschundene Moderatorenseele sein. Aber schließlich wird dem Publikum für die kommenden 150 Minuten auch einiges versprochen.

Mit Musiker Pharrell Williams und der zweifachen Oscarpreisträgerin Hilary Swank sitzen zwei Superstars auf Lanz' Sofa. Aber das lässt sich noch toppen: Neben den beiden Amerikanern nehmen auch noch Lanz' mögliche Nachfolger Platz. Dieses Mal promoten Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf bei "Wetten, dass ..?" ihre eigene Show "Circus Halligalli". Noch möchte man sagen. Vor rund eineinhalb Jahren galten die ProSieben-Moderatoren selbst noch als heiße Kandidaten für die Nachfolge Thomas Gottschalks in der Wettshow. Wie sich die wenig risikofreudigen ZDF-Programmmacher entschieden haben, ist bekannt. Ob die Sendergrößen sich beim direkten Vergleich des zum Ecken- und Kantenlosen neigenden Lanz und der beiden anarchisch agierenden Moderatorenkollegen inspirieren lassen, bleibt abzuwarten. Wo Lanz gut vorbereitet ist, bleiben Winterscheidt und Heufer-Umlauf unberechenbar, statt mit Perfektion punkten die beiden in ihrer Sendung mit Tränen und Flüchen. Markus Lanz bringt es nicht einmal über die Lippen die von Christoph Maria Herbst gespielte Rolle des Bernd Stromberg als "Arsch" zu bezeichnen. Stattdessen sagt der 44-Jährige doch tatsächlich "Hintern". Soll ja schließlich niemand an den Apparaten in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder Liechtenstein aus dem Fernsehsessel fallen.

Wie viele da überhaupt sitzen, will auch Stargast Pharrell Williams wissen. Lanz nennt Williams seine Quoten-Prognose "Sechs, sieben, acht Millionen" Zuschauer. Williams will das nicht Recht glauben. Hinter der Bühne hat der Musiker wohl schon gesehen, wie Hamburger Feuerwehrmänner versuchten ein Löschfahrzeug durch die Halle zu saugen oder zwei junge Fußballspieler ihre Mitspieler am entwachsten Beinhaar erkennen wollten. Aber das gilt in Deutschland eben als Samstagabend-Unterhaltung. Am Ende des Tages werden es nur 5,85 Millionen Zuschauer (19,3 Prozent Marktanteil) sein und damit erstmals unter sechs Millionen. Dass "Wetten, dass..?" an diesem Abend den Allzeit-Negativrekord aufstellen würde, kann da aber noch keiner ahnen - und so legt sich der US-Sänger Williams ins Zeug. Sein für den Oscar nominiertes "Happy" ist der eindeutige Höhepunkt der Sendung. Auch weil der Promi dabei spontan Unterstützung von dem Kinder-Wettkandidaten Leandro bekommt, der mit ihm tanzt – bis der strebsame Markus Lanz den Jungen der Uhrzeit wegen von der Bühne scheucht. Nicht dass auch noch die Behörden wegen Verstößen gegen das Jugendschutzgesetz eingeschaltet werden. Das würde Lanz gerade noch fehlen. Und schon ist es mit der beschwingten Stimmung im Saal erst einmal wieder vorbei.

Zumindest an interessanten Gästen mangelt es Lanz dieses Mal nicht. Schließlich gilt es derzeit einiges zu bewerben. Neben "Circus Halligalli" und "Happy" wird für den "Stromberg"-Kinofilm und die neue Sendung von Starkoch Christian Rach, der ja nun auch im ZDF kochen darf, die Werbetrommel gerührt. Dass der Koch von der charmanten Tagesthemen-Sprecherin Judith Rakers mit "Schatz" begrüßt wird, wundert da auch nicht mehr. Bei den Öffentlich-Rechtlichen geht es eben familiär zu. Man kennt sich, man schätzt sich – und besucht sich eben auch in den jeweiligen Sendungen. Schade, dass man so vor allem Promis zu Gesicht bekommt, die ohnehin präsent sind in den Medien.

Spannend wird es vor allem als Hilary Swank von der Zeit vor ihrem großen Durchbruch mit "Boys don't Cry" berichtet. Mit 75 Dollar in der Tasche ist die Amerikanerin als junges Mädchen nach Los Angeles gekommen. Hat für Rollen vorgesprochen und gemeinsam mit ihrer Mutter im Auto gelebt. So sehr Winterscheidts und Heufer-Umlaufs Fernsehstunts auch amüsieren, hier zeigt sich das "Wetten, dass ..?" durchaus auch spannenden Promitalk bieten kann – wenn denn die richtigen Fragen gestellt werden. Ergänzt mit abwechslungsreichen Wetten und Musikerauftritten ergibt das eine runde Sache.

Komplettiert wird die Runde durch einen Auftritt von Adel Tawil und den großen Udo Jürgens, der gemeinsam mit Lanz am Klavier klimpert und singt "Das Problem ist der Mann". Was soll man dieser Textzeile noch hinzufügen? Vielleicht den Rat weiterhin unterhaltsame Gäste einzuladen, die da lebendig sind, wo Lanz aufgesetzt wirkt. Dann kann sich "der Mann" im Hintergrund halten und die Kritiker so ganz einfach zum Schweigen bringen. (jwo)  © Glutamat