Können ALG-II-Bezieher in ein neues Leben starten, wenn man ihnen einen Koffer voller Geld vor die Tür stellt? Genau das will RTL mit seiner dreiteiligen Dokumentation herausfinden. Die Auftaktfolge am Dienstagabend zeigte aber, dass man mit dem Experiment so ziemlich alles beantworten kann, nur die eigentliche Frage nicht.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock, Freier Autor

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Ein Experiment also. Mal wieder. Doch diesmal schickt RTL nicht wie bei "Adam sucht Eva" Nackte auf eine Insel, um zu gucken, was bei dem selbsternannten "Sozialexperiment" rumkommt. Nein, diesmal hat sich RTL Arbeitslosengeld-II-Bezieher als Testobjekte ausgesucht.

"Schaffen Familien den Sprung aus der Sozialhilfefalle, wenn sie ihre kompletten Hartz-IV-Jahresbezüge auf einen Schlag bekommen?" So lautet die Frage, die sich RTL stellt und auf die der Sender mit seinem neuen Doku-Format "Zahltag! Ein Koffer voller Chancen" eine Antwort sucht.

Zwei Familien – zwei Träume – zwei Wege

Dazu hat der Sender drei ausgewählten Familien den sprichwörtlichen Koffer voller Geld vor die Tür gestellt. Darin sind die Bruttojahresbezüge, die die jeweiligen Familien sonst monatlich von der Arbeitsagentur bekommen. Was werden sie damit tun? Die Antwort auf diese Frage fällt bei den beiden Familien, die in der Auftaktfolge am Dienstagabend vorgestellt wurden, zunächst recht unterschiedlich aus.

Da ist zum Beispiel die vierköpfige Familie Metz/Look. Vater René war selbständiger Maurer und bekommt nach einem Unfall seit sechs Jahren Arbeitslosengeld II, Mutter Andrea ist gelernte Altenpflegerin und kümmert sich aktuell um die beiden kleinen Kinder.

Mit dem neuen Reichtum geht die Familie zunächst recht großzügig um. Sie kauft Dinge, die sie sich in den Jahren zuvor nicht leisten konnte, wie zum Beispiel einen neuen Teppich für das renovierungsbedürftige Haus. Der Second-Hand-Kinderladen, den Mutter Andrea aufmachen wollte, genießt zunächst keine Priorität.

Anders bei Familie Bergmann. Mutter Cornelia lebt seit zehn Jahren mit ihren fünf jugendlichen und erwachsenen Kindern von ALG II. Als die Familie den Geldkoffer bekommt, geht es zwar auch erst einmal in den Vergnügungspark, aber kurz darauf werden Pläne für die Zukunft geschmiedet. Das Ziel: Weg von Hartz IV. Dafür möchte sich Cornelia mit einem Imbisswagen selbständig machen.

Cornelia will "aus dem Teufelskreis raus"

Vollkommen ohne Kontrolle ist das ganze Experiment natürlich nicht. Deshalb stellt RTL den Familien Menschen zur Seite, die man irgendwie mit ALG II in Verbindung bringt. Das ist zum einen Ilka Bessin, die selbst einmal Hartz-IV-Empfängerin war, bevor sie sich als Comedian (Cindy aus Marzahn) selbständig machte. Außerdem dabei ist Heinz Buschkowsky, ehemaliger Bürgermeister von Berlin -Neukölln sowie Gründungsberater Felix Thönnessen.

Alle drei sind aber erst einmal nur sitzend tätig, denn sie sehen sich den Weg der Familien zunächst nur über die Videoaufzeichnungen an. Erst als Cornelia Bergmann Rat braucht, schalten sich Thönnessen und Bessin ein.

Was taugt so ein Experiment? Zunächst einmal zeichnet die Doku ein Bild von Menschen, die nach eigenen Aussagen unverschuldet in ihre aktuelle Situation geschlittert sind. Gemeinsam haben die Familien auch, dass die Lage für alle sehr belastend ist und daher alle Hartz IV am liebsten so schnell wie möglich hinter sich lassen möchten. "Ich will einfach aus dem Teufelskreis raus", erklärt beispielsweise Cornelia Bergmann.

Um die bedrückende und zugleich ratlose Situation zumindest dieser beiden Familien zu schildern, dafür funktioniert die Doku gut. Unklar bleibt hingegen, warum man dieses Experiment ausgerechnet mit ALG-II-Empfängern gemacht hat.

Ein Experiment scheitert an sich selbst

Im Kern geht es bei dem Experiment ja nur um die Frage, ob ein Mensch langfristig handeln kann. Soll also bewiesen werden, dass der Mensch nicht immer vorausschauend denkt? Dann herzlichen Glückwunsch, als ob es dafür angesichts von Klimawandel und Co. noch eines Beweises bedurft hätte. Kurzfristigkeit ist nun wirklich nichts, was typisch für ALG-II-Empfänger ist.

Kauft jemand Brot oder Saatgut? Gibt er alles Geld auf einmal aus oder investiert er in die Zukunft? Diese Frage ist so alt wie die Menschheit, warum also sollte sie nur auf Hartz-Empfänger zutreffen? Manche Menschen schaffen es, andere eben nicht. Die Geschäftswelt ist voll mit Beispielen für beide Seiten.

Dass das Experiment so nicht funktioniert, wird bereits in der Auftaktfolge von "Zahltag!" klar. Zunächst läuft alles nach Drehbuch. Die beiden Familien scheinen alles so zu machen, dass RTL die Geschichte vom bösen und vom guten Hartz-IV-Empfänger erzählen kann. Familie Metz/Look scheint ein wenig planlos Geld auszugeben für Dinge, die auf den ersten Blick nur eine kurzfristige Verbesserung bringen: Ein neues Sofa, ein Staubsauger, ein neuer Teppich.

Familie Bergmann dagegen stürzt sich gleich voller Elan in den Aufbau einer neuen Existenz mit einem Imbisswagen. Doch so schwarz-weiß ist es eben doch nicht. Irgendwann läuft auch hier nicht alles rund, erste Probleme tauchen auf. Und bei Familie Metz/Look wird offensichtlich, dass die scheinbaren Fehlinvestitionen nichts mit Hartz-IV zu tun haben, sondern dass die Beziehung in einer Krise steckt.

"Zahltag! Ein Koffer voller Probleme"

"Da hilft ihnen der Geldkoffer auch nicht", urteilt hierzu Politiker Buschkowsky und ergänzt: "Im Moment sehe ich auch mich vollkommen überfordert." Überfordert scheint auch die Produktion zu sein, denn die ist auf die private Dimension des Experiments offenbar nicht vorbereitet, sondern wollte eher einen kleinen Gründungskurs durchziehen.

Als Businesscoach Thönnessen bei der Eskalation im Hause Metz/Look zu Hilfe eilt, fragt er erst einmal herum, ob der Kinder-Laden im Ort überhaupt eine Chance hat. Als die eine Passantin, die er fragt, seine Frage bejaht, stellt der Off-Sprecher fest: "Das Konzept Second-Hand kann also aufgehen." Genauso gut hätte man auch eine Münze werfen können.

Und so scheint in Folge eins von "Zahltag! Ein Koffer voller Chancen" nicht nur bei den Familien etwas schief zu laufen. Was auch immer man mit dem Experiment beweisen wollte, so richtig durchdacht wirkt das Ganze nicht.