Das Pioneer Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute mit einer bitteren Erkenntnis.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

die Weltwirtschaft fährt Achterbahn. Nach einem katastrophalen Jahr 2020, in dem die Pandemie weltweit wütete und den Handel zum Erliegen brachte, erholte sie sich im darauffolgenden Jahr. Was für ein Comeback: 6,1 Prozent. Das gibt es sonst nur nach Kriegen.

Auch für das Jahr 2022 war der Ausblick im vergangenen Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vom Dezember noch mit rosaroten Zahlen und Buchstaben verfasst: Die Weltwirtschaft werde 2022 mit 4,5 Prozent wachsen und die Inflation abflauen – so die Prognose der Experten.

Bittere Erkenntnis: OECD senkt Prognose deutlich

Es kam anders. Auf eine scheinbar bewältigte Krise folgten gleich eine Handvoll neuer: Der Ukraine-Krieg, die Inflation, ein Feuerwerk der Verunsicherung auf den Energie- und Rohstoffmärkten, Lieferengpässe und Materialmängel setzen der Weltwirtschaft zu. Die OECD kommt zu der bitteren Erkenntnis, dass 2022 kein gutes Jahr für die Weltwirtschaft mehr werden könne – und senkt ihre Prognose auf drei Prozent ab. Das sind die Gründe:

1. Der russische Angriffskrieg zwingt die europäischen Staaten, aber auch die USA, zu erhöhten Ausgaben für Waffenlieferungen, Flüchtlingshilfe und Verteidigungspolitik – finanzielle Mittel, die für Innovation und Forschung nicht mehr zur Verfügung stehen. Das Geld wird oftmals im wahrsten Sinne des Wortes verpulvert. OECD-Chefvolkswirtin Laurence Boone kommentiert:

"Russlands Angriff auf die Ukraine kommt die Welt bereits jetzt teuer zu stehen."

2. Weizen aus der Ukraine und Russland wird weltweit für das Backen von Brot und die Ernährung von Nutztieren benötigt. Doch das Angebot schrumpft, der Preis steigt. Für viele Schwellenländer wird sich erst die Ernährungssituation und dann die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtern. Das dämpft die Weltwirtschaft.

3. Infolge des Krieges dürfte zudem die Inflation höher ausfallen und länger andauern als bislang angenommen, sagte OECD-Generalsekretär Mathias Cormann. Laut der Studie dürfte sie in den OECD-Ländern in diesem Jahr auf 8,5 Prozent klettern. Gepaart mit der geschwächten Konjunkturentwicklung warnt das Experten-Gremium vor einer Stagflation, woraus in der Fantasie vieler Marktteilnehmer eine Rezession wird – also die effektive Schrumpfung der Wirtschaft. Solche Erwartungen könnten zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen werden.

4. Durch die Null-Covid Strategie der chinesischen KP kommt es weiterhin zu starken Lieferschwierigkeiten in China. Wenn wichtige Güter ausbleiben oder verspätet geliefert werden, steigt der Preis für die wenigen noch direkt erwerbbaren Handelsgüter. Viele versuchen, an der Inflation zu verdienen, wodurch sie die Geldentwertung beschleunigen. Die Profit-Preis-Spirale ist keine Erfindung des IG Metall-Chefs.

5. Derweil die Notenbanken drauf und dran sind, die Zinsen zu erhöhen, müssen die westlichen Demokratien schon wieder Ausgleichszahlungen anweisen. Der Sozialstaat wächst und er wächst weiter auf Pump. Nur, dass diesmal in den USA und bald auch bei uns echte Zinsen bezahlt werden müssen. Die Verschuldung nutzt dem Produktivitätswachstum der Volkswirtschaften also nicht. Dem Schluck aus der Pulle folgt der Kater.

Fazit:

Es wäre schön, wenn die OECD sich beim nächsten Mal nach oben korrigieren müsste. Das ist nicht wahrscheinlich, aber möglich. Die Weltwirtschaft fährt Achterbahn - aber nicht in die Grube.

Ich wünsche Ihnen einen gut gelaunten Start in den neuen Tag.

Es grüßt Sie auf das Herzlichste,

Ihr Gabor Steingart

"The Pioneer Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.