Die Abgas-Affäre bei VW hat die Ära Winterkorn jäh beendet. Vor der Aufsichtsratssitzung am Freitag wird die Nachfolge nicht entschieden. Doch längst sind Namen in der Welt. Aber ist wirklich nur VW betroffen? Die Grünen fordern Prüfungen auch bei anderen Herstellern.

Anne Will und Gäste diskutieren über die Folgen des VW-Skandals.

Volkswagen ist nach dem Rücktritt von Konzernchef Martin Winterkorn weiter um Schadensbegrenzung im Abgas-Skandal bemüht. Winterkorn hatte am Mittwoch angesichts des enormen Ausmaßes der Affäre seinen Posten geräumt; über seinen Nachfolger will der Aufsichtsrat auf seiner Sitzung an diesem Freitag beraten.

Als Kandidaten für die Nachfolge von Winterkorn werden folgende Topmanager gehandelt:

HERBERT DIESS: Der Chef der Hausmarke VW Pkw gilt als Routinier in seinem Beritt - und gilt in Aufsichtsratskreisen als einer der Top-Favoriten. Er trat seinen Job erst im Juli an, nachdem ihn VW von BMW abgeworben hatte. Ohne den Abgas-Skandal, wäre das für Diess im Rennen um die Nachfolge Winterkorns möglicherweise ein Nachteil gewesen. Nun könnte es sich als Pluspunkt erweisen. Bei den Münchnern leitete er zuletzt im Vorstand den Entwicklungsbereich, zuvor war er für den Einkauf zuständig und gilt als knallharter Kostendrücker. Der 56-Jährige soll die renditeschwache Pkw-Kernmarke bei Volkswagen wieder aufpolieren. Der studierte Maschinenbauer muss sich dabei mit dem mächtigen VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh gut stellen. Zwar wirkt Diess auf den ersten Blick recht unscheinbar, hat aber als Maschinenbauer und promovierter Fertigungstechniker den fachlichen Hintergrund zum Produktionsmanager - und erfüllt so eine Bedingung Osterlohs, der stets für einen Techniker an der Spitze eingetreten ist.

MATTHIAS MÜLLER: Der Porsche-Chef wird vor allem in den Medien vielfach als Favorit für die Nachfolge genannt. Er arbeitet seit Jahren eng mit Winterkorn zusammen. Der 62-Jährige ist als besonnener, aber zugleich zupackender Manager bekannt, der auch mal Kante zeigen kann. In der Autobranche hat er den Ruf eines exzellenten Produktstrategen. Der im sächsischen Chemnitz geborene und in Bayern aufgewachsene Manager kennt nicht nur den Sport- und Geländewagenbauer Porsche, sondern weiß auch, wie Audi und VW in ihren Produktplanungen ticken. Der gelernte Werkzeugmacher und Informatiker leitete von 2003 bis 2007 das Produktmanagement der Audi-Marken. Anschließend folgte er seinem Chef Winterkorn in gleicher Funktion nach Wolfsburg. Den Posten als Porsche-Chef übernahm Müller im Herbst 2010 nach der Übernahmeschlacht zwischen Porsche und VW.

ANDREAS RENSCHLER: Der 57-jährige Nutzfahrzeugchef des VW-Konzerns kam erst im Februar vom Konkurrenten Daimler zu VW. Sein Plus ist sein Bemühen, einen guten Draht zum Betriebsrat aufzubauen. Beobachter bescheinigen dem gebürtigen Stuttgarter eine
bodenständige Art und bezeichnen ihn als hervorragenden Strategen. Während seiner Zeit bei Daimler baute er unter anderem das erste Auslandswerk von Mercedes-Benz in den USA auf. Bei Daimler war der schwäbische Bauernsohn vor seinem überraschenden Abgang ein echtes Urgestein: Bereits 1988 nach seinem BWL-Studium in Tübingen startete er seine Karriere bei dem Autobauer - damals noch im Bereich Organisation und EDV im Werk Sindelfingen.

Haben auch andere Autohersteller getrickst?

Die Aufarbeitung des Debakels werden den Nachfolger und den Konzern aber noch lange Zeit in Anspruch nehmen. Die Folgen der Manipulationen von Abgaswerten bei Dieselautos sind noch immer nicht absehbar. Europas größter Autobauer hatte zuvor zugegeben, dass weltweit elf Millionen Motoren mit einer Software ausgestattet sind, um die Messung des Schadstoffausstoßes zu manipulieren. "Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen Konzern möglich waren", heißt es in der Rücktrittserklärung Winterkorns. Er übernehme die Verantwortung "im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin".

Über den Skandal ist die ganze Industrie ins Zwielicht geraten. VW drohen neben strafrechtlichen Konsequenzen Regressansprüche und Strafzahlungen in Milliardenhöhe. In vielen Ländern beschäftigt der Skandal die Politik, Sonderprüfungen werden verlangt oder wurden bereits verordnet. Zudem steht auch die Frage im Raum, ob andere Hersteller ebenfalls bei der Abgasmessung getrickst haben könnten.

Die Grünen im Bundestag fordern von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) eine Überprüfung auch anderer Hersteller. "Er muss nicht nur gegen VW vorgehen. Im Interesse der Gesundheit der Bevölkerung muss er auch Modelle von anderen Herstellern prüfen lassen", sagte die Vorsitzende des Umweltausschusses, Bärbel Höhn, der "Saarbrücker Zeitung".

Zugleich warf Höhn Regierung und Industrie "Kumpanei" vor. So habe die EU vor einigen Jahren auch Deutschland aufgefordert, "die Nutzung der sogenannten Abschaltvorrichtungen durch Autohersteller unter Strafe zu stellen. Nach meiner Kenntnis ist das nicht passiert", sagte Höhn dem Blatt. (cai/dpa)