Das Pioneer Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: der Apple-Indikator.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen, liebe Leser und Leserinnen,

wer wissen möchte, wie das Wetter wird, kann seine Wetter-App aktivieren oder vor die Tür treten und den Himmel betrachten. Wer wissen möchte, wie die Stimmung im Lande sich anfühlt, der kann die Depeschen der Meinungsforscher studieren oder einmal mit der S-Bahn durch das Ruhrgebiet fahren.

Wer wissen möchte, wie es der Weltwirtschaft geht, kann sich die Konjunkturprognosen von Ifo-Institut und Weltbank zu Gemüte führen oder er kann schauen, wie es der Firma Apple geht.
Meine Erfahrung ist diese: Der Apple-Indikator funktioniert so zuverlässig wie der Himmel über Berlin und die Regionalbahn zwischen Bochum und Castrop-Rauxel. Dieser Indikator ist nicht kompliziert, aber aussagefähig. Es handelt sich nicht um Wissenschaft, nur um die Wirklichkeit.

Wie der Apple-Indikator funktioniert

Und dieser Apple-Indikator – und so komme ich heute Morgen darauf – sendet seit Tagen S.O.S. Alle Verdüsterungen dieser Welt spiegeln sich im Display des iPhone Herstellers aus Cupertino. Wie ein Seismograph meldet der Apple-Indikator unsere kollektive Überforderung:

  • 1. Laut vertraulichen Informationen von Bloomberg hat die Führung von Apple ihre Zulieferer jetzt gebeten, für dieses Jahr nur 220 Millionen iPhones zu bauen, und nicht wie den Investoren annonciert 240 Millionen. Eine globale Inflation und Rezessionssignale in weiten Teilen der Welt sind den Konsumenten aufs Portemonnaie geschlagen.
  • 2. Bereits im laufenden Quartal rechnet der Vorstand mit schrumpfenden Umsätzen in der Größenordnung zwischen vier und acht Milliarden Dollar, allein schon deshalb, weil die Lieferketten durch die Lockdown-Politik in China und den noch immer nicht voll funktionstüchtigen Hafen von Shanghai stellenweise gerissen sind.
  • 3. Die Investoren, die den iPhone Hersteller bis vor Kurzem umtanzt hatten wie das goldene Kalb, zucken neuerdings zurück. Man könnte meinen, Apple hat die Affenpocken. Der Aktienkurs jedenfalls hat binnen zwei Monaten rund 23 Prozent und damit 580 Milliarden US-Dollar an Wert verloren.

Wichtig zu wissen: Der Apple-Indikator ist deshalb so aussagekräftig, weil das von Steve Jobs im April 1976 gegründete Unternehmen bis heute hochinnovativ und gut gemanaged ist. Man kann ohne das Mobiltelefon leben, aber für die meisten Menschen macht das keinen Sinn. Sie teilen mit ihrem Handy mehr Geheimnisse als mit ihrem Partner.

Fazit

Die Lehre lautet: Alle Ausschläge des Apple-Indikators ereignen sich trotz dieser fundamentalen Stärke, worin die Botschaft des Trostes für all jene liegt, die derzeit zu kämpfen haben. Die Welt ist keine Kugel, sondern ein Knäuel. Sie wird zu zwei Dritteln von Wasser und zu einem Drittel von ungelösten Problemen bedeckt. Jetzt müssen wir dem Ganzen nur noch den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.

Ich wünsche Ihnen einen hoffnungsvollen Start in das Wochenende, das für die meisten ja schon gestern begonnen hat.

Es grüßt Sie auf das Herzlichste,

Ihr

Gabor Steingart

"The Pioneer Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.

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