Der deutsche Aktienindex DAX hat erstmals seit 2007 wieder die magische 8000-Punkte-Grenze überschritten. Angesichts mickriger Zinsen am Kapitalmarkt scheint die Aktie wieder ein lohnendes Investment. Aber wie funktioniert Börse? Welche Mechanismen greifen da, welche Tricks? Wer erkennt, wie der Markt funktioniert, kann auf dem Börsenparkett auch als Laie gewinnen.

Wenn der Kurs von Daimler oder Linde mal wieder durch die Decke geht, liefert der Börsen-Kommentator die ersehnte Begründung meist gleich mit: "Analystenerwartungen übertroffen", heißt es dann oder "massive Umstrukturierungen geplant". Positive Nachrichten, die den Anleger offenbar in einen globalen Kaufrausch versetzt haben. Das leuchtet ein.

Schwieriger wird es im umgedrehten Fall, der für Millionen Börsenspekulanten weltweit jedoch von weit größerem Interesse ist: Linde meldet hervorragende Geschäftszahlen oder, diffiziler noch, ein Blogger "weiß" bereits, dass Linde in Kürze gute Zahlen vermelden wird. Steigt nun der Wert der Aktie? Soll man kaufen? Ja, manchmal steigt der Kurs. Und manchmal steigt er eben nicht.

Börsenhandel basiert auf Information

Tatsächlich sind die Anleger, ob Börsenprofi oder Hobby-Zocker, auf die Nachrichten aus der Finanzwelt angewiesen. Was sonst sollte ihnen als Grundlage fürs Kaufen oder Verkaufen dienen? Ursache und Wirkung - wer die Auslöser nicht kennt, wird unter- oder zumindest schneller pleitegehen.

Wer besser informiert ist, hat auch auf dem Börsenparkett bessere Chancen - dem kann nicht widersprochen werden. Und da sich auch der gewiefteste Börsenprofi nicht in allen Firmen- Geschäftsfeldern auskennen kann, sind aktuelle Nachrichten (und Gerüchte) umso wichtiger. Auf sie wird unmittelbar reagiert. Und selbst wenn viele Anleger erst auf die Reaktion reagieren können, ist der Effekt der eigentlichen Nachricht damit nur noch größer.

"Alles andere ist Psychologie."

Leider ist das nur die halbe Wahrheit. Folgt man dem 1999 verstorbenen Börsenguru Anrdré Kostolany sind es sogar nur wenige Prozent davon. Kostolany stellte fest: "Die Börse reagiert gerade mal zu zehn Prozent auf Fakten. Alles andere ist Psychologie."

Trotz zahlloser Fach-Veröffentlichungen hat Kostolany den Begriff des Börsengurus stets abgelehnt. Doch er hatte ihn sich verdient: mit hunderten Fachartikeln, Vorträgen und auch mit erfolgreicher Spekulation. Vor allem aber war es Kostolany, der ein Leben lang die intensive Beschäftigung mit den Fakten als Grundlage des erfolgreichen Börsenhandels pries. Wenn diese Fakten jedoch nur zehn Prozent der Entscheidungsbasis sind, müssen die anderen 90 Prozent wahrlich spannend sein.

Wie Börse wirklich funktioniert

Wer befürchtet, dass an dieser Stelle die Glaskugel gezückt wird, der irrt. Psychologie ist eine Wissenschaft, in diesem Fall sogar ein Teil der Wirtschaftswissenschaften. Die sogenannte Verhaltensökonomik, englisch Behavioral Economics, befasst sich per Definition genau mit diesem Thema: dem Verhalten des Menschen in wirtschaftlichen Situationen.

Wenn, um zum Beispiel zurückzukehren, beim potentiellen Anleger die Eil-Benachrichtigung "Überragende Geschäftszahlen bei Linde" aufpoppt, ist er vielleicht gerade unglücklich, weil seine Freundin für den Abend abgesagt hat. Vielleicht ist er auch nur müde - in jedem Fall aber steckt er in einer bestimmten Situation. Die eigentlich erfreuliche Nachricht erreicht ihn also - vielleicht - im unpassenden Moment, ganz unabhängig von ihrem Inhalt. Und beides, Nachricht und Situation, werden sein Kaufverhalten und damit auch die Börse beeinflussen.

Nun wird die Absage der Freundin, die den sofortigen Einstieg bei Linde verhindert hat, die Wall Street nicht ins Wanken bringen. Andere Faktoren, vom Stromausfall bis zur Naturkatastrophe, die weit mehr potentielle Anleger betreffen, tun dies vielleicht schon. Zumindest ist nicht auszuschließen, dass sie eine Art "Schneeball-System" in Gang setzen und damit Kursrelevanz erlangen. In einer global vernetzten Welt, in der jeder frei publizieren kann, wird diese "Ansteckungsgefahr" wahrscheinlicher. Behauptungen, irgendwo ins soziale Netzwerk gestellt und vom tausendfachen User-Echo verstärkt - lassen sich nicht schnell überprüfen oder analysieren. Aber sie bilden die Grundlage von Kauf- oder Verkaufsentscheidung, die keinen Aufschub dulden.

Wider die Vernunft

Die meisten Anleger gehen davon aus, rational zu handeln, erst recht beim Börsenhandel. Aber ist es nicht immer unangenehm, Verluste zu realisieren, wenn die Hoffnung auf Gewinne bleibt - was Verkäufe zur rechten Zeit verhindern kann, ganz wider alle Vernunft. Und wird wirklich in allen Lebenslagen nach den gleichen Grundsätzen gehandelt? Gibt es - nach der Absage der Freundin - nicht dieses "Jetzt-erst-recht"-Gefühl? Was passiert, wenn die Aktie überraschend sinkt? Lauert da nicht die Gefahr der schnellen "All In"-Entscheidung, auf Basis eines Frustgefühls?

Wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gewinnt, steigt die Arbeitsproduktivität im Land. Die Menschen beurteilen ihre eigene Lage positiver und stellen der Regierung ein besseres Zeugnis aus. Sie kaufen spontan auch mehr ein, wie Erhebungen nach großen Events belegen. Bei einer Niederlage lässt sich genau der gegenteilige Effekt beobachten. Einen direkten Zusammenhang zum Fußball hat dies alles nicht, doch die Folgen sind real. Bei Börsenentscheidungen ist das nicht anders.

Wer von Krise und Börsencrash redet, redet das Schlimmste vielleicht erst herbei. Denn aktuelle Unternehmenszahlen sind ein schwaches Gegengewicht zu Verlustängsten, die das Handeln emotional beherrschen. Allerdings treten in dieser Situation die Antizykliker auf den Plan - die kaufen, wenn die anderen verkaufen. Sie wissen, dass nach jeder Talfahrt ein Anstieg folgt. Und so hält sich am Ende doch alles die Waage. Der studierte Philosoph Kostolany wird es gewusst haben.